Süddeutsche Zeitung

Sommer in München:Tango am Königsplatz

An schönen Sommerabenden lädt Leven Göksu vor die Antikensammlung. Jeder ist willkommen, denn für ihn geht es um mehr als nur ums Tanzen.

Von Franziska Stadlmayer

Die roten Pailletten funkeln in der Sonne, als Levent Göksu die Pumps an die Säule lehnt. Drei Paar hochhackige Damenschuhe hat er dabei. Ein Paar, falls eine Tänzerin ihre Schuhe vergisst. Ein Paar, das er für die Besitzerin repariert hat. Und die Roten mit Pailletten, ein Geschenk an ihn von einer ehemaligen Tänzerin.

Ohne die Schuhe an der Säule und die Tangomusik, die der Wind über die Stufen der staatlichen Antikensammlung auf den Königsplatz weht, wüssten Suchende nicht, wo hier ein Tanzkurs stattfindet. Im Internet kündigt Levent Göksu, 40, seine "Spontilonga" auf der Seite "tangomuenchen" an. Ort: Königsplatz. Zeit: 17 Uhr bis keiner mehr tanzt.

Seit drei Jahren ist Göksu an jedem schönen Sommerabend hier. Die Spitzen seiner weißen Tanzschuhe sind abgestoßen, die Seiten dunkel verfärbt. Die Schuhe erzählen von einem Leben in Bewegung. Doch jetzt gerade stehen sie still auf den Stufen vor der Antikensammlung. Es ist kurz nach 17 Uhr und Göksu wartet auf seine Tänzer.

Jeden Abend trägt er zwei Lautsprecher, zwei Handkoffer und einen gepunkteten Regenschirm die 22 Stufen zur Staatssammlung hinauf. Ein kleiner, drahtiger Mann, der trotz der Last zwei Stufen auf einmal nimmt. Aus dem einen Koffer zieht er Kabel, um die Musik anzuschließen. Der andere enthält Nagelfeilen, Pflaster und Erfrischungstücher - erste Hilfe in einer langen Tanznacht.

Auf dem einen Koffer steht in weißer Farbe "Spontilonga". Eine Milonga ist zugleich eine Musikrichtung wie auch eine Tangoveranstaltung - und Spontanität ist Göksus Motto. Der aufgespannte Regenschirm hängt jetzt verkehrt herum am Mikrofonständer, Stauraum für die Wertsachen der Tänzer. Hier, auf dem polierten Muschelkalkboden zwischen zehn Meter hohen Säulen, ist Tanzen Improvisation.

Levent Göksu hat zwei kleine Kinder, trotzdem ist er jeden Abend hier. Er könne nicht anders, sagt er. Die Musik. Die Menschen. Die Bewegung. Von Beruf ist er Physiotherapeut, Osteopath und Shiatsu-Therapeut. Eine Weile hat er die U 16-Basketball-Nationalmannschaft betreut, jetzt arbeitet er mit Gehirnschlagpatienten.

Es schmerzt ihn zu sehen, dass gesunde Menschen ihre Bewegungsmöglichkeiten nicht nutzen. "Die Menschen sind hypnotisiert von so vielem", sagt Göksu, "die bewegen sich nur in Strukturen." Der Sprint zur U-Bahn oder die mechanischen Übungen im Fitnessstudio - alles keine richtige Bewegung.

Tanzen dagegen, sagt er, "ist etwas Bewusstes". Seine Art zu tanzen unterrichtet er jeden Abend. Geld kostet das nicht. "Schmeiß was in den Hut, oder verbessere dein Karma - mir egal", sagt Göksu und grinst so breit, dass sich sein dünner Schnurrbart nach oben zieht. Aber wieso opfert er seinen Feierabend, um Menschen zum Tanzen zu bringen?

Er zieht an seiner Zigarette, dann zuckt er mit den Schultern: "Tanzen ist für mich Leben und ich kann mir ja auch nicht vom Leben freinehmen." In der Welt passiere jeden Tag so viel Schlimmes: "Da musst du ein Gegengewicht schaffen." Mehr will er dazu nicht sagen. Er raucht seine Zigarette, schaut auf den Königsplatz und springt dann auf. Immer in Bewegung bleiben.

Tangomusik und Lebensfreude

Seine Mission: Menschen aus ihrer Alltagsstruktur lösen. Menschen wie die junge Frau, die heute zum Unterricht gekommen ist. Sie bewegt sich steif, starrt auf ihre Füße. Ihre langen, braunen Haare verdecken ihr Gesicht wie ein Vorhang. "Schließ die Augen, hör auf die Musik", sagt er. Langsam entspannt sich das Mädchen, wagt eine Drehung. "Super, weiter so", lobt Göksu. Sie lächelt stolz. Eine kurze Pause: "Mein Tanzen ist wie Improvisationstheater", sagt Göksu.

Mit den starren Regeln der Tanzschulen kann er nichts anfangen: "Das sind alles Strukturen, damit kommen manche Menschen klar und andere nicht." Zehn Stunden hat er in einer Tanzschule Tango gelernt, sich den Rest durch Beobachten und Nachahmen selbst beigebracht. Wenn er tanzen will, dann tut er das auf seine Art. Und wenn er vor der Antikensammlung einen Tanzkurs veranstalten will, dann schert er sich nicht um Bedenken.

Es ist 20 Uhr: Die Übungsstunde ist zu Ende, das freie Tanzen beginnt. Fünf Paare drehen sich zu getragener Geigenmusik, im Laufe des Abends werden es immer mehr. Ein Paar steuert auf ihn zu. "Hey, zurück aus dem Urlaub? Italien, oder?", begrüßt er die beiden überschwänglich, "genießt das Tanzen."

Egal ob Stammgast oder Neugieriger: Göksu duzt grundsätzlich, umarmt lieber, als dass er Hände schüttelt und erinnert sich an die kleinen Geschichten, die ihm Abend für Abend anvertraut werden. Zwischen Umarmungen, Gesprächen und Tanzen ist er der Fixpunkt, sein Lachen die Orientierung, wo er in der Menge zu finden ist.

Gerade ist er auf der Tanzfläche, weicht umsichtig den zehn tanzenden Paaren aus, die sich in gemessenem Tempo auf dem begrenzten Platz aneinander vorbeischieben, und rückt die Lautsprecherbox ein wenig zur Seite. Zurück auf der Tanzfläche führt er eine Tänzerin mit schnellen Drehungen an den hohen weißen Wänden entlang, die anderen Paare, viele von ihnen etwas älter, halten respektvoll Abstand zu dem wilden Paar.

Das Lied ist zu Ende. Die Tänzer halten inne, Hände lösen sich von Schultern. Einige tauschen Partner, eine Frau im Blumenkleid tritt aus der Menge, zieht eine Flasche Wein aus ihrem Rucksack und bietet ihrem Tanzpartner einen Plastikbecher an. Die beiden gesellen sich zu den gut 30 Menschen, die auf den Stufen sitzen.

Fast alle haben Bier oder Wein dabei. Sie essen mitgebrachte Salate und Brot und genießen auf den Stufen den lauen Sommerabend und die Musik. Es ist jetzt 22.30 Uhr. Wie lange heute getanzt wird, weiß Göksu nicht. Irgendwann werden die Tänzer nach Hause gehen. Viele werden wiederkommen. Er wird auf sie warten, mit Tangomusik und Lebensfreude.

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Quelle:
SZ vom 18.08.2017/amm
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