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Bürgerentscheid in Wörthsee:Wie Gegner und Befürworter beim Bauprojekt argumentieren

Die Gegner des Projekts lehnen den Standort ab, weil für die Zufahrt zu dem Geschäft rund 2000 Quadratmeter Wald gefällt werden müssten.

(Foto: Google Earth)

Um das geplante Ortszentrum mit bezahlbaren Wohnungen und Supermarkt an der Kuckuckstraße ist ein Grundsatzstreit entbrannt.

Von Christine Setzwein

Flyer, Offene Briefe, Plakate, Presseerklärungen, Homepages, Facebook-Posts - es vergeht kaum ein Tag, an dem die Wörthseer nicht mit dem Bürgerentscheid am 21. März konfrontiert werden. Am Sonntag in vier Wochen sind sie aufgerufen, darüber abzustimmen, ob sie auf dem Acker zwischen der Kuckuckstraße und der Straße Am Teilsrain einen Nahversorger und genossenschaftlichen Wohnraum wollen oder nicht. Zu Wahl stehen ein Ratsbegehren (Befürworter) und ein Bürgerbegehren (Gegner).

Die Vorgeschichte

2013 schließt die Tengelmann-Filiale an der Etterschlager Straße, einer von zwei Vollsortimentern in der Gemeinde. Schon damals wird der Ruf nach einem zweiten Nahversorger laut. Den hören auch die Parteien und Wählergruppen und nehmen die Forderung alle im Wahlkampf 2014 in ihre Programme auf. Seitdem wird diskutiert, überlegt, geprüft, verworfen. Mehrere Standorte wie unterhalb des Bahnhofs, an der "Pizzakreuzung" oder auf dem Tengelmann-Grundstück scheitern an den Grundstückseignern. Bis das Angebot eines Wörthseer Landwirts kommt: Er überlässt der Gemeinde einen großen Acker am Teilsrain in Erbpacht. Nun reifen die Überlegungen, dort nicht nur einen Supermarkt zu bauen, sondern auch günstigen Wohnraum.

Die CSU will dort zunächst ein Einheimischenmodell verwirklichen. Das lehnt der Gemeinderat ab und beschließt ein Genossenschaftsmodell. Es gründet sich der Verein "Wohnen am Teilsrain", der schließlich die Münchner Genossenschaft Wogeno als Erbbaurechtsnehmer ins Boot holt. Das Quartier links und rechts der Etterschlager Straße entwickelt sich mit Nahversorger, Genossenschaftswohnungen, Seniorenzentrum auf dem Kirchenareal, Mietwohnungen des Verbands Wohnen und einem geplanten Kinderhaus immer mehr zu einer neuen Ortsmitte. Das ist spätestens bekannt, seit der Gemeinderat im Juli 2019 das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept einstimmig beschlossen hat.

Gegner und Befürworter

Im November 2020 bildet sich aus der Initiative "Wörthsee für Artenvielfalt" das Bündnis "Rettet den Kuckuckswald", das ein Bürgerbegehren gegen den Nahversorger initiiert und innerhalb kürzester Zeit mehr als 800 Unterschriften sammelt. Verantwortlich dafür zeichnen Michael Benzinger, Doja Muggenthaler und Hanna Weber. Das Bündnis hat eine eigene Homepage angelegt (www.zum-kuckuck.org), auf der es die Gründe für die Ablehnung des Supermarkts erläutert.

Auf der anderen Seite stehen Bürgermeisterin Christel Muggenthal und bis auf drei alle Gemeinderäte. Mit einem Ratsbegehren wollen sie verhindern, dass der Vollsortimenter zu Fall gebracht wird und verknüpfen die Entscheidung mit dem genossenschaftlichen Wohnprojekt. Das eine hätte ohne das andere keinen Sinn, so ihre Auffassung. Unter www.woerthsee-mitte.de hat sich eine Gruppe von Bürgern zusammengetan, die sich die neue Ortsmitte so wünschen, wie sie geplant ist. Verantwortlich für diese Homepage ist Axel Pfeiffer, unterstützt wird er von den Wörthsee-Aktiv-Mitgliedern Teja Ulrich, Sassa Bäumler und Paul Grundler. Grundler gehört der Acker am Teilsrain.

Nahversorger Wörthsee

Am nördlichen Rand von Steinebach, zwischen Etterschlager- und Kuckuckstraße soll der neue Supermarkt entstehen. Simulation: Quest AG

Natur, Umwelt, Energie

Gegner: Von dem etwa 4500 Quadratmeter großen "Kuckuckswald" an der Straße müssten 2000 Quadratmeter für die Zufahrt zum Supermarkt gefällt werden, kritisieren die Gegner. Dabei handle es sich laut Bund Naturschutz um "wertvollen Buchenbestand". Durch die Rodung sei auch der Rest des Waldes gefährdet, da die Bäume durch ihr Wurzelgeflecht miteinander verbunden seien. Der Lebensraum zahlreicher Vögel, Amphibien und anderer Kleintiere werde stark beeinträchtigt. Ersatzpflanzungen könnten diesen Verlust nicht ausgleichen. Was die Holzbauweise des geplanten Supermarkts angeht: Sie sei vielleicht klimaneutral, erzeuge aber natürlich keinen Sauerstoff wie die Bäume.

Befürworter: Die Rodung des Waldstücks sei nicht nur für die Zufahrt zum Supermarkt nötig, sondern auch für einen Fuß- und Radweg zu den geplanten Genossenschaftswohnungen, zur Kinderkrippe und zum neuen Kinderhaus. Dafür werde auf dem gemeindlichen "Ziegelstadel" in Etterschlag eine weitaus größere Fläche mit "höherwertigen" Bäumen aufgeforstet. Das geplante Nahwärmenetz sei ohne Nahversorger nicht realisierbar. Angeschlossen werden könne die gesamte neue Bebauung rundherum und nach und nach auch die bestehende.

Einkaufen

In Wörthsee gibt es nur noch einen Supermarkt. Die kleinen Tante-Emma-Läden in Etterschlag und Walchstadt wie auch der Dorfladen mussten mangels Kundschaft schließen. Der Wochenmarkt: eingeschlafen. Viele Wörthseer fahren zum Einkaufen nach Herrsching, Eching, Weßling oder Inning. Trotzdem plädieren die Gegner eines zweiten Nahversorgers, dem sie auch die Wirtschaftlichkeit absprechen, für einen kleinen (Bio-)Laden mit regionalen und klimafreundlichen Produkten. Das habe schon beim Dorfladen nicht geklappt, entgegnen die Befürworter. Das Einkaufsverhalten hab sich geändert, Kunden wollten möglichst alles unter einem Dach haben.

Wohnen

Wörthsee ist überaltert und hat kaum günstigen Wohnraum zu bieten. In der neuen Ortsmitte sollen etwa 150 neue Wohnungen entstehen: 30 öffentlich geförderte Mietwohnungen baut der Verband Wohnen gerade an der Kuckuckstraße, die Wogeno plant am Teilsrain 60 Wohnungen für alle Generationen und Einkommensgruppen, die Kirchenstiftung will mit ihrem Projekt "Leben am Quartiersplatz" auf dem Kirchengelände an der Etterschlager Straße 40 Wohnungen für alle "Menschen in der nachberuflichen Lebensphase" schaffen, auf dem neuen Vollsortimenter sind 16 "Starterwohnungen" für junge Leute vorgesehen. Für die Befürworter steht deshalb fest, dass ein Nahversorger in diesem Quartier unbedingt nötig sei, ohne Einkaufsmöglichkeiten die Genossenschaftswohnungen keinen Sinn hätten. Viele neue Bewohner könnten den Markt fußläufig erreichen. Daran glauben die Gegner nicht. Die meisten Kunden würden mit dem Auto kommen, prophezeien sie. Und eine Menge Verkehr produzieren.

Verkehr

Bei prognostizierten 1200 Kunden täglich rechnen die Gegner mit nahezu 1000 Pkw und deshalb mit 2000 An- und Abfahrten. Dazu kämen laut Gutachten pro Tag acht Lkw-Fahrten zur Belieferung des neuen Supermarkts. Alle 30 Sekunden werde auf der Straßenkreuzung zur Etterschlager Straße, direkt vor dem geplanten Seniorenzentrum, ein Auto ein- oder ausbiegen, nur für den Supermarkt. "Eine chaotische Situation an dieser Kreuzung ist vorhersehbar." In dem Verkehrs- und Lärmgutachten, das die Gemeinde eingeholt hat, wird eine andere Rechnung aufgemacht. Danach geht der Gutachter von 1286 An- und Abfahrten pro Werktag aus, also von etwa 640 Autos. Zudem verweisen die Befürworter darauf, dass das Staatliche Bauamt Weilheim - sollte das Gesamtkonzept umgesetzt werden - an der Etterschlager Straße auf Höhe der Kuckuckstraße eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde anordnen und eine Querungshilfe angelegt werde.

Entscheidung

Die Briefwahlunterlagen für den Bürgerentscheid am 21. März werden in den nächsten Tagen an alle Abstimmungsberechtigten verschickt. Zusätzlich richtet die Gemeinde ein Urnenwahllokal in der Grundschule ein. Zur Wahl stehen das Ratsbegehren "Ja zu Wohnungen für alle Generationen und Einkommensgruppen sowie einen der Nahversorgung dienenden Vollsortimenter nördlich Zum Kuckucksheim", das Bürgerbegehren "Nein danke zu einem Vollsortimenter nördlich Zum Kuckucksheim" sowie eine Stichfrage, sollten beide Fragen mehrheitlich mit Ja oder Nein beantwortet werden.

© SZ vom 18.02.2021
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