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Wirtschaft im Landkreis Starnberg:360 Arbeitsplätze vor dem Aus

Landrat Stefan Frey und Bürgermeister Michael Sturm haben sich bei den etwa 200 Streikenden der Firma Emerson eingereiht.

(Foto: Patrizia Steipe)

Die Firma Emerson will ihren Standort in Weßling schließen. Mitarbeiter protestieren mit einem Streik gegen die Pläne.

Von Patrizia Steipe, Weßling

Mit einem Streik vor dem Firmensitz haben 200 Mitarbeiter der Weßlinger Firma Emerson Process Management gegen die angedrohte Schließung des Standorts im Argelsrieder Feld protestiert. 360 Arbeitsplätze sollen abgebaut werden. Die Streikenden schwangen rote Fahnen sowie Transparente mit Aufschriften wie "Zukunft statt Kündigung", "Finger weg von unseren Jobs", machten mit Ratschen Lärm und zeigten der Geschäftsführung rote Karten. Zu der Kundgebung hatten der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall geladen. "Wir lassen uns nicht rausschmeißen. Wir kämpfen um diesen Standort", rief Roberto Armellini, Bevollmächtigter der IG Metall München.

"Jedem Mitarbeiter geht es schlecht. Wir haben Angst", betonte Betriebsratsvorsitzender Markus Endesfelder. "Es ist ein Skandal, wie der Arbeitgeber mit uns umgeht", kritisierte er unter dem Applaus der Kollegen. Der Weßlinger ist seit 30 Jahren Mitarbeiter in dem Unternehmen, das elektrische Mess-, Kontroll- und Navigationsvorrichtungen herstellt und mittlerweile zum Mutterkonzern mit Sitz im US-Bundesstaat Missouri gehört. Weltweit arbeiten in 150 Ländern 83 500 Mitarbeiter in 255 Werken. Emerson plant nach eigenen Angaben ein "vorläufiges Restrukturierungsvorhaben" zur Schließung des Werks bis 2023. "Wir sind uns bewusst, dass dies eine schwierige Entwicklung für die betroffenen Mitarbeiter ist", erklärt ein Sprecher. Es solle einen Sozialplan geben.

Zwei Familienmitglieder von Betriebsrat Endesfelder sind ebenfalls im Betrieb beschäftigt. Vor fünf Monaten sei die Hiobsbotschaft aus heiterem Himmel gekommen. Wie alles abgewickelt werden soll - "wir wissen nichts", ärgerte sich Endesfelder. Ein Treffen mit der Geschäftsleitung sei kurzfristig abgesagt worden. Dabei bräuchte der Betriebsrat genauere Angaben, weil er versuchen möchte, den Standort mit einem Alternativkonzept zu retten.

Auch Weßlings Bürgermeister Michael Sturm (Freie Wähler) ist schockiert. Er hat als Werkstudent früher selbst bei der Vorgängerfirma Rosemount Transmitter montiert. Viele Weßlinger Familien seien seit Jahrzehnten mit dem Betrieb verbunden. Die Gemeinde hatte 2016 sogar extra den Bebauungsplan geändert. Damals wollte Emerson das Unternehmen im Gewerbegebiet verdoppeln. Die Pläne wurden fallengelassen. "Und jetzt die Kehrtwende", dabei sei die Firma rentabel und die Mitarbeiter leisteten gute Arbeit, wusste Sturm. Landrat Stefan Frey (CSU) zeigte sich mit den Arbeitnehmern solidarisch. "Ich verstehe den US-Konzern nicht, den Landkreis verlässt man doch nicht", rief er. Die US-Geschäftsführung lud er ins Landratsamt, um sie persönlich von "Top-Standort und Top-Mitarbeitern" zu überzeugen.

Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter ist über die drohende Firmenschließung entsetzt. Das produzierende Gewerbe sei eine Stärke im Landkreis, die gerade in der Corona-Krise ihr Potenzial habe zeigen können. Als "menschenverachtend" und "kapitalistischen Schwachsinn" bezeichnete die SPD-Bundestagskandidatin Carmen Wegge die Verlagerung des Standorts nach Rumänien, "dort werden Hungerlöhne gezahlt".

Zur gleichen Zeit waren die 70 Mitarbeiter der Emerson-Niederlassung im hessischen Hasselroth ebenfalls auf die Straße gegangen. Auch dieser Standort soll aufgelöst werden. Bilder und Videos von den Demonstrationen sollen an die Konzernleitung geschickt werden. Außerdem hat die IG Metall Kontakt mit den Partnergewerkschaften in den USA aufgenommen. "Heute war erst der Anfang hier bei Emerson in Weßling", so Armellini. Die Belegschaft schwor er auf einen zähen Arbeitskampf ein. Im Sommer werde der Druck auf die Arbeitnehmer zunehmen. "Dann müssen wir solidarisch zusammenstehen und um die Arbeitsplätze kämpfen." Daneben setzt sich die Gewerkschaft für ein Freiwilligenprogramm mit Abfindungen für die Arbeitnehmer ein, die das Unternehmen verlassen wollen.

© SZ vom 09.06.2021
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