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Helmfried von Lüttichau:Eine ehrliche Haut

Helmfried von Lüttichau mit neuem Programm

Das falsche Instrument: Helmfried von Lüttichau in "Plugged" als Luft-Geiger, der viel lieber Gitarre gelernt hätte.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zwischen musikalischem Dilettantismus und professioneller Schauspielkunst: Helmfried von Lüttichau gibt in Seefeld seine Kabarett-Vorpremiere.

Von Gerhard Summer

Mal kämpft er mit fliegenden Blättern und dem Notenständer, mal mit der geschrumpften E-Gitarre und dem Headset. Dann sucht er sein Gedichtbuch oder verschwindet hinterm Vorhang, doch wenn er wieder auf der Bühne steht, ganz in Schwarz wie ein zu lang geratener Johnny Cash, sagt Helmfried von Lüttichau so wunderbare Sachen wie: "Das Blöde an der Geige ist, dass man den Ton erst herstellen muss." Oder: "Solo, da sitzt man in der Falle, da weiß man, da kommt keiner mehr."

Gut, ganz so ist es dann doch nicht, dieser am Ende von 70 Besuchern stark beklatschte Abend im Seefelder Pfarrsaal von Peter und Paul hat so seine Überraschungen. Für den Verein Räsonanz ist die Vorstellung ein Neustart, die erste seit dem vergangenen September, für Lüttichau, der in Gilching aufgewachsen ist und in der Serie "Hubert und Staller" einen der komischsten Polizisten der jüngeren Krimigeschichte gab, die Vorpremiere seines wegen der Pandemie immer wieder verschobenen Programms "Plugged".

Wer auf geschliffenes Kabarett hofft, auf absurdes Ein-Mann-Theater à la Andreas Giebel oder Claus von Wagner, der wartet vergebens. Denn Lüttichau ist nicht auf raffinierte Konstrukte und polierte Pointen aus. Er setzt auf einen leicht vertrackten Humor und auf ein immer wieder gebrochenes, sehr rustikales Sammelsurium aus Anekdoten, Szenen eines Schauspielerlebens, Gedichten, Rock und Folksongs.

Die Fallhöhe ist groß. Denn der 64-Jährige bewegt sich zwischen musikalischem Dilettantismus und hochprofessioneller Schauspielkunst. Der Barré-Akkord ist nicht sein Freund, dafür schüttelt er alle Dialekte und Typen aus dem Ärmel, die man sich so vorstellen kann. Er fällt permanent aus der Rolle und wechselt nach Belieben die Erzählebenen.

Mal kommt er auf Christian Tramitz zu sprechen, der früher Werbung als Tritop-Flasche machen musste, und die gemeinsame Schulzeit in Pasing. Mal auf "Hubert und Staller", die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule in München und die Achtziger in Frankfurt am Main, als er Vokuhila trug und in Kneipen ging, "wo man nicht hingehört". Und wenn er sich einen Gag borgt, meist von Karl Valentin oder Robert Gernhardt, der auch für Otto getextet hat, gibt er es zu.

Der Mann ist eine ehrliche Haut. Schon deshalb könnte es sein, dass Lüttichau in "Plugged" tatsächlich die eigene Biografie auf die Bühne bringt und nebenbei sehr geschickt den Ungeschickten gibt. Die wahre Stärke dieses verqueren Solos ist aber, dass es dem Schauspieler nebenbei gelingt, ein Zeitpanorama zu entwerfen. Ja, so muss Gilching in den Siebzigern gewesen sein: das Dorfkino, in dem es so kalt war wie im Film "Dr. Schiwago". Das Lagerfeuer, an dem die "Sandkastigste" saß, in die der junge Lüttichau schon mit acht verknallt war, und ein Gitarrist namens Gonzo, der die Texte von Bob-Dylan-Songs verhunzte. Und natürlich der junge Held, der sich Blumen an die Jeans gemalt hatte, weshalb ihn der Dylan-Murkser "Pril" nannte.

Die Szenen mit Gonzo und dem Wiener Direktor der Schauspielschule, dem Lüttichau den fiesen Vinzenz Chramosta aus Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" vorspielen muss, gehören zu den schönsten an dem Abend. Dazu gibt es unerwartete Wendungen: Lüttichau holt sich zur Verstärkung den Gitarristen Bastian Krauß auf die Bühne, zusammen schmettern sie "Johnny B. Goode". Ein Wiener Lied spielt er solo und erweist sich mit einem Mal als veritabler Sänger. Und wer nicht aufpasst, kriegt vielleicht gar nicht mit, dass er auf Helmut Schleichs "Blackfaced"-Affäre anspielt, wenn er erzählt, wie er sich mal als Sarottimohr verkleidet hat. Oder als Sklaventreiber, der den Krokogürtel der Mutter als Peitsche schwang. Was ja heute gar nicht mehr ginge, also wegen des Krokogürtels!

© SZ vom 07.06.2021
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