bedeckt München

Maskenpflicht:Wenn die Kinder die Erzieherinnen nicht mehr lächeln sehen

Erzieherin Marlene Bartl liest den Kindern aus einem Buch vor.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die neue Corona-Vorschrift trifft die Kita-Mitarbeiterinnen schwer, weil die Mimik zur Pädagogik dazugehört. Die Kinder des Tutzinger Hauses Sankt Josef stören sich kaum daran.

Von Carolin Fries

"Jetzt haben wir nur noch unsere Stimme." Andrea Hassler sagt das mit einem sorgenvollen Blick. Ob ihr Gesicht traurig ist, lässt sich nicht sagen, denn die Hälfte ist von einem Mund-Nasen-Schutz bedeckt. "Die Mimik fehlt." Niemand sieht, ob die Leiterin des Tutzinger Kinderhauses Sankt Josef ihren Worten ein hoffnungsvolles Lächeln folgen lässt oder ob die Mundwinkel unverändert ernst bleiben. Seit Mittwoch müssen alle Beschäftigten in den Kitas des Landkreises am Arbeitsplatz eine Maske tragen, auch Hassler und ihre 24 Kollegen. "Das ist Wahnsinn!", sagt die Pädagogin und man hört sie unter der Maske laut ausatmen.

Das Kinderhaus hat seine Öffnungszeiten verkürzt, weil es keine frühe und späte Gruppe mehr geben darf. Alle fünf Gruppen sind nun von sieben bis 16 Uhr mit Personal besetzt, auch wenn die erste und letzte Stunde nur noch ein oder zwei Kinder in den jeweiligen Gruppenräumen spielen. Der montägliche Morgenkreis für alle ist gestrichen, Vorschulkinder lernen nicht mehr gemeinsam, und den Praktikanten der Kinderpflegeschule hat die Kita die Hospitanz einmal pro Woche abgesagt.

Neben der Maskenpflicht für Erzieher gilt seit Mittwoch, dass die Kinder nur noch in festen Gruppen betreut werden dürfen. Denn der Landkreis hat bei der Sieben-Tage-Inzidenz am Montag erstmals den Vorwarnwert von 35 überschritten und liegt derzeit bei 41 - demnach haben sich knapp 41 von 100 000 Einwohnern binnen einer Woche neu mit dem Coronavirus infiziert. Die Kreisbehörde hat darum eine Allgemeinverfügung erlassen, um die Ausbreitung einzudämmen. Viele der Regeln, die nun für zunächst eine Woche gelten, sind nicht neu, etwa die Maskenpflicht für Lehrer und Schüler von der fünften Jahrgangsstufe an.

Die Maskenpflicht für das Kita-Personal gab es bereits in Städten wie München, Würzburg und Landshut, nicht aber in Starnberg. Sie ist Teil des dreistufigen Rahmen-Hygieneplans des Gesundheitsministeriums und wird den örtlichen Behörden als Maßnahme für Stufe zwei empfohlen, "nach einer individuellen Prüfung der Umstände vor Ort", wie Landratsamtssprecher Christian Kröck sagt. Die Umstände im Landkreis sind eindeutig: In der vergangenen Woche wurden Corona-Fälle an drei Kitas bekannt.

Was die stellvertretende Leiterin Sabine Bartl dabei viel mehr schmerzt als der ganze organisatorische Aufwand mit Einbahnstraßenregelung, ständiger Desinfektion und Elterninformation, ist der "Verlust von Qualitätspädagogik". Bartl will keine Kinder zurückhalten müssen, die neugierig ihre Umgebung entdecken wollen, offen auf ihre Mitmenschen zugehen, sich stark genug für Alleingänge fühlen.

Den Dreijährigen, der es in der vergangenen Woche zum ersten Mal alleine auf die Toilette geschafft hat, muss sie nun wieder begleiten. Das helfende Angebot der zwei Mädchen aus der Bienengruppe, geschwind das Bastelmaterial aus der Mäusegruppe nebenan zu holen, muss sie ablehnen. Und wie sollen die Kleinsten in der Krippe lernen, wie der Mund ein "O" formt, wenn sie es nicht sehen können? "Unser ganzes Wissen, das uns als Pädagogen auszeichnet, können wir nicht abrufen", sagt Bartl frustriert. Sie singt normalerweise gerne mit den Kindern, jetzt bleiben ihr nur noch ein paar Instrumente, um Rhythmusgefühl und Freude an der Musik zu vermitteln.

Die Kinder, sagt Vizechefin Bartl, störten die Masken der Erzieher kaum. "Egal", sagt ein Mädchen auf die Frage, wie sie das nun finde. "Ob und wie sich das auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, lässt sich wohl erst langfristig sagen", sagt Leiterin Hassler. Die Kinder machten den Ausnahmezustand am abgesagten Martinsumzug und Weihnachtsspiel fest. "Die pädagogischen Verluste sind nur uns bewusst." Bartl, die eine Hortgruppe leitet, beobachtet Verunsicherung bei den Schulkindern.

"Das Kinderhaus war ein letzter Rückzugsort, hier war die Welt noch in Ordnung." Nun dürfen sich hier auch keine Geschwisterkinder und Klassenkameraden auf dem Gang treffen oder zusammen im Garten spielen, weil sie in verschiedenen Gruppen sind. Kurz mal zum See oder zum Supermarkt - geht nicht mehr. "Ich bin Pädagogin und kein Gefängniswärter", sagt Bartl.

Die Eltern haben Verständnis, sind froh, die Kinder weiter bringen zu können. Jeanette Neumann, Vorsitzende des Elternbeirates, spricht von der Kita als einem "fragilen System" in der Coronazeit - das sei vielen Eltern nicht bewusst. Ein positiver Fall und die ganze Gruppe muss in Quarantäne. Hassler und ihr Team fühlen sich als Teil dieses Systems in ihren Belangen kaum berücksichtigt. "Alle setzen darauf, dass wir funktionieren", sagt Hassler.

© SZ vom 15.10.2020

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