Sozialbericht für den Landkreis Starnberg Alleinerziehend, zwei Jobs und arm

Besonders die Jüngsten sind von Armut betroffen.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Im reichsten Landkreis der Republik brauchen 3200 Menschen Stütze - ein Anstieg um acht Prozent. Betroffen sind vor allem Kinder, Frauen und anerkannte Asylbewerber.

Von Sabine Bader

Die neunjährige Anna und der siebenjährige Tim (Namen von der Redaktion geändert) besuchen eine Grundschule im Landkreis Starnberg. Es sind fröhliche, aufgeweckte Kinder. Doch etwas unterscheidet sie von ihren Klassenkameraden: Sie sind arm. Ihre 36-jährige, alleinerziehende Mutter bezieht Grundsicherung. Dabei hat sie zwei Jobs - einen unter der Woche und einen an den Wochenenden. "Von diesen zwei Jobs alleine, kann die Frau im kostspieligen Landkreis Starnberg aber nicht leben", sagt Gerhart Schindler, Leiter des Jobcenters in Starnberg, der den Fall der SZ schildert.

Nicht nur die Mutter hat es schwer, auch für Anna und Tim ist es nicht leicht. Denn sie haben in der Schule täglich den Vergleich mit Kindern, die mit einem ganz anderen finanziellen Hintergrund aufwachsen. Sie tragen Markenturnschuhe, haben ihre Handys. Anna und Tim nicht, sie gehen für ein T-Shirt ins Sozialkaufhaus.

Unstrittig zählen die Bürger im Landkreis Starnberg zu den reichsten der Republik. Und es gibt hier weit weniger Kinder in Annas und Tims Situation als anderswo. Und dennoch ist im Jobcenter jede Menge los und an den Lebensmittelausgaben der Tafeln bilden sich lange Schlangen. Denn auch im reichen Fünfseenland wächst die Armut seit etlichen Jahren. Zwischen 2011 und 2015 stieg die Zahl der armen Mitbürger schon leicht an, von 2015 auf 2016 kletterte die Zahl der Empfänger von Sozialhilfe und Grundsicherung sprunghaft von 2953 auf 3178. Das entspricht einem Anstieg von acht Prozent, was wiederum eine Armutsquote von 2,4 Prozent bedeutet.

Flüchtlings- und Migrationspolitik Flüchtling zahlt 31,20 Euro pro Quadratmeter Miete - für Platz im Container
Flüchtlinge in Andechs

Flüchtling zahlt 31,20 Euro pro Quadratmeter Miete - für Platz im Container

Mehr als 300 Euro verlangt der Freistaat im Monat von Zachidat Mozafari, also drei mal so viel wie ortsüblich. Dabei muss er sich den Container mit fünf weiteren Männern teilen.   Von Ute Pröttel

Im Sozialbericht des Landkreises, der am Mittwoch im Sozialausschuss präsentiert wurde, wird der starken Anstieg in nur einem Jahr auf die anerkannten Asylbewerbern zurückgeführt. Denn sie tun sich bekanntlich besonders schwer, eine Arbeit zu finden, auch wenn im Landkreis Starnberg nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Und so ist auch klar, warum gerade das Armutsrisiko in der Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren so stark zugenommen hat.

Ausländer tragen generell ein höheres Armutsrisiko als Deutsche. Das belegt die Statistik deutlich. Galten 2015 noch 181 Deutsche von 10 000 Einwohnern als arm, so waren es im selben Jahr 493 Ausländer. Dass diese Zahl sprunghaft nur ein Jahr später auf 663 Ausländer in die Höhe schnellte, lag wie gesagt an anerkannten Asylbewerbern.

Doch allein der Zuwachs an Flüchtlingen erklärt nicht den kontinuierlichen Anstieg der Armut im Landkreis und damit auch die Zunahme der Bürger, die Stütze beziehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu gewährleisten. Die Gründe sind vielfältiger. Ersichtlich ist im Sozialbericht jedenfalls, dass Frauen im Landkreis noch immer häufiger von Armut betroffen sind als Männer. Allerdings hat sich die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern angenähert. Das mit Abstand höchste Armutsrisiko tragen nach wie vor die Kinder. Im Jahr 2016 waren 331 von 10 000 Kindern unter 15 Jahren von Armut betroffen, also 3,3 Prozent.

Auch das Risiko, im Alter arm zu werden, steigt seit Jahren kontinuierlich an. Waren es 2013 noch 154 pro 10 000 Einwohner, so sind es 2016 bereits 165 Menschen, die 65 Jahre und älter sind, und als arm gelten. Eine Freude hat Gerhart Schindler bei all der Armut, die ihn umgibt, doch: "Wenn ich höre, dass ein Kind, das in Armut groß wurde, Abitur gemacht hat."