Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt:Ein neues Zentrum für "Galileo"

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Das Navigationssystem "Galileo" für Satelliten soll in Oberpfaffenhofen weiterentwickelt werden.

Das Navigationssystem "Galileo" für Satelliten soll in Oberpfaffenhofen weiterentwickelt werden.

(Foto: DLR)

Ob für die Verkehrsnavigation, die Klimaforschung oder die Seenotrettung: Das Satellitennavigationssystem hat zwei Milliarden Nutzer, die seine Signale empfangen. Nun sollen in Oberpfaffenhofen neue Anwendungen geschaffen werden.

Von Patrizia Steipe

Das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) hat eine neue Einrichtung: Das Galileo Kompetenzzentrum. Dort sollen Wissenschaftler und Ingenieure aus der Industrie das vor fünf Jahren in Betrieb gegangene europäische Satellitennavigationssystem Galileo für neue Nutzungen weiterentwickeln. "Dem Technologietransfer von der Wissenschaft zum Nutzer kommt eine besondere Aufgabe zu", betonte DLR-Vorstandsvorsitzende Anke Kaysser-Pyzalla bei der Eröffnung am Donnerstag.

Galileo sei eine Erfolgsgeschichte und nicht nur, weil es Europa in den "kritischen Bereichen von außereuropäischen Akteuren unabhängig macht", wie es der aus Brüssel zugeschaltete Raumfahrtdirektor der Europäischen Kommission, Matthias Petschke, erklärte. Galileo habe nach fünf Jahren bereits zwei Milliarden Nutzer, die in ihren unterschiedlichsten Geräten die Satelliten-Signale empfingen. Das reiche von Verkehrsnavigation über Bankentransfer bis zu Klimaforschung, Vermessungen und Katastrophenschutz. Als Beispiel nannte Petschke die Seenotrettung. Früher hätte es drei bis vier Stunden lang gedauert, bis ein Notrufsignal lokalisiert werden könne. Dank Galileo gelinge das heute in weniger als zehn Minuten und mit größerer Präzision.

Über die "unendlichen Möglichkeiten" für die Satellitennavigation im Alltag freute sich Sabine Jarothe, Ministerialdirektorin im Bayerischen Wirtschaftsministerium. "Wichtig ist für uns, dass das Kompetenzzentrum in die Anwendung geht und neue Zukunftsfelder schafft". Dabei soll der Nutzen für Wirtschaft und Industrie gefördert werden. Für das Galileo-Kompetenzzentrum hatte sie einen Zuschuss des Ministeriums in Höhe von 25 Millionen Euro zugesagt.

Um konkurrenzfähig zu bleiben, wird derzeit die zweite Generation Satelliten entwickelt, und es sollen neue Angebote geschaffen werden. Dabei wird der Faktor "Zeit" eine besondere Rolle spielen. Bei der Satellitennavigation werden pausenlos Daten über die Borduhrzeit und die Satellitenbahn zur Erde gesendet. Der Empfänger berechnet den Abstand zum Satelliten, indem er feststellt, wie lange das Signal unterwegs ist. Dabei müssen die Satellitenuhren möglichst perfekt synchronisiert sein. Dieser Bereich soll optimiert werden.

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Eine neue Stele für das Galileo-Kompetenzzentrum: (von links) DLR-Vorstandsvorsitzende Anke Kaysser-Pyzalla, Gründungsdirektor Felix Huber, Anke Pagels-Kerp, Vorstandsmitglied des DLR-Bereichs Raumfahrt und Ministerialdirektorin Sabine Jarothe.

Eine neue Stele für das Galileo-Kompetenzzentrum: (von links) DLR-Vorstandsvorsitzende Anke Kaysser-Pyzalla, Gründungsdirektor Felix Huber, Anke Pagels-Kerp, Vorstandsmitglied des DLR-Bereichs Raumfahrt und Ministerialdirektorin Sabine Jarothe.

(Foto: Patrizia Steipe/oh)

Christoph Günther, Direktor des Instituts für Kommunikation und Navigation im DLR, wird mit dem Kompetenzzentrum an neuen Anwendungen für das Satellitennavigationssystem arbeiten. "Ziel ist es, die Genauigkeit aus dem Orbit deutlich zu steigern". So sollen die Signale so präzise werden, dass die Navigation auf den Zentimeter genau möglich ist. Dafür werden im Galileo-Kompetenzzentrum optische Technologien auf der Internationalen Raumstation ISS getestet. Spezielle Jod-Laseruhren sollen dabei aufeinander abgestimmt mit anderen Komponenten die Positionsbestimmung auf der Erde verbessern.

Wenn sich die Technologien auf der ISS bewährt haben, sollen sie für den Einsatz auf den Galileo-Satelliten vorbereitet werden. Ein anderes Projekt soll die Uhren auf dem Boden und in den Satelliten zu einer gemeinsamen Zeit kombinieren, die laufend mit der Weltzeit abgeglichen wird. Die exakte Zeiterfassung sei für die Navigation, Finanztransaktionen, den Energiesektor und die Landwirtschaft besonders relevant. Wichtig sei außerdem, dass die Systeme gegen "aktive Störungen von außen geschützt werden", so Kaysser-Pyzalla.

Was ist Galileo?

Das europäische zivile Satellitennavigationssystem Galileo stellt seit 2016 Navigationssignale in hoher Genauigkeit bereit. Galileo besteht aus einem weltumspannenden Netz von aktuell 22 Satelliten, die sich auf drei Umlaufbahnen in 23 000 Kilometern Höhe befinden. Die Satelliten werden von zwei Kontrollzentren gesteuert. Eines ist am DLR-Standort Oberpfaffenhofen, das andere im italienischen Fucino. Mit Galileo ist Europa unabhängig von Satellitensystemen anderer Nationen wie beispielsweise dem US-amerikanischen GPS. pat

Auch die Landwirtschaft kann von dem Technologietransfer profitieren. Frank Gemmer, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar, sieht ein großes Potenzial der Satellitennavigation bei der Produktion von gesunden Lebensmitteln. Felder könnten mit der neuen Technologie besser mechanisch von Unkraut befreit werden, sodass Chemie eingespart werden könnte. Dank genauer Positionsbestimmungen könnten die Landmaschinen auf den Punkt genau die Rübe vom Unkraut unterscheiden und dieses entfernen. Aber auch beim Aufbringen von Saatgut, Düngern und Pflanzenschutzmitteln könnte Galileo helfen. Bei Felix Huber, Gründungsdirektor des Galileo-Kompetenzzentrums, stieß er mit diesen Ideen auf offene Ohren. "Genau für so etwas ist das Kompetenzzentrum da", sagte er. Er will den Einfluss des DLR in dem neuen Zentrum im Laufe der Zeit zugunsten von Wirtschaft und Industrie verringern.

Derzeit besteht das Galileo-Kompetenzzentrum aus 35 Mitarbeitern. Die Büros befinden sich provisorisch auf dem benachbarten Air-Tech-Gelände. Langfristig soll das Zentrum auf etwa 150 Mitarbeiter anwachsen. Ein neues Gebäude auf dem DLR-Campus ist in Planung. Der Starnberger Landrat Stefan Frey versprach "schnelle Entscheidungen und Bauverfahren" und wies auf die Erweiterungsflächen für Unternehmen auf dem Sonderflughafen Oberpfaffenhofen hin.

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