MVV-Tarifreform Viele Gewinner, einige Verlierer im Landkreis Starnberg

Der MVV macht Tempo: Die Gesellschaft reduziert die sechzehn Ringe rund um München auf sechs und ordnet die Tarife neu. Davon profitieren viele Pendler im Landkreis, manche müssen am Ende aber draufzahlen.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Fahrscheine werden für die meisten bis zu 20 Prozent billiger. Teurer wird es aber für alle, die nur bis an den Münchner Stadtrand fahren. Der Preisvergleich für alle S-Bahn-Stationen:

Von Michael Berzl und David Costanzo

Die MVV-Tarifreform macht für viele Pendler im Landkreis die Fahrt mit Bus und Bahn etwas billiger - einige Passagiere müssen dagegen mit drastischen Aufschlägen auf die Monatskarte rechnen. Grund ist die neue Struktur: Statt bislang 16 Ringen wird es von Juni kommenden Jahres an nur noch sechs Ringe im Umland und einen Einheitspreis in München geben. Davon profitieren die meisten Pendler ins Zentrum der Landeshauptstadt. Ein Beispiel hat Susanne Münster, die Verkehrsmanagerin im Starnberger Landratsamt, ganz genau angeschaut und für jede Haltestelle im Kreis den Preis für eine Isar-Card pro Monat ausgerechnet. Ihr Ergebnis: "Bis auf wenige Ausnahmen werden die Karten günstiger, um fünf bis 20 Prozent. Die weit überwiegende Anzahl der Kunden profitiert von dem neuen Tarifsystem."

Aber eben nicht alle. Für S-Bahn-Passagiere aus dem Landkreis, die nur bis an den westlichen Stadtrand etwa nach Pasing fahren, verteuern sich die Tickets dagegen um bis zu 63 Prozent und damit um bis zu mehrere hundert Euro. "So eine Reform hat selbstverständlich zwei Seiten", sagt dazu die ÖPNV-Beauftragte Münster. Solche Erhöhungen seien nicht abzumildern gewesen. Auch Tageskarten würden etwas teurer.

Doch zunächst zu den Gewinnern: Stockdorf zum Beispiel gehört künftig zum Münchner Tarifgebiet, die Passagiere müssen dort nur noch zwei statt vier Streifen stempeln. Die Gautinger Bürgermeisterin Brigitte Kössinger erhofft sich positive Auswirkungen auf den Autoverkehr im Würmtal. "Bisher sind schon viele nach Planegg gefahren. Künftig werden wir da weniger Verkehr haben", glaubt Kössinger. Denkbar wäre nun, dass stattdessen Gautinger mit dem Auto nach Stockdorf fahren, um dort in die S-Bahn einzusteigen. Doch dort gibt es keine Parkplätze. Auch die Feldafinger zahlen künftig weniger, weil sie im neuen Tarifsystem näher auf den Ring der Nachbarn in Possenhofen und damit auch an die Stadt heranrücken.

Einen großen Vorteil sieht Münster auch in den größeren Tarifräumen. "Damit schaffe ich mehr Flexibilität", betont die Verkehrsmanagerin. Zum Beispiel in Berg. Mit der neuen Struktur ist es egal, ob jemand über Starnberg, Schäftlarn, Icking oder Wolfratshausen dorthin fährt, weil der Geltungsbereich von Monatskarten viel größer ist. Bei einem Ausfall der S-Bahn beispielsweise sei es leichter möglich, auf einen Bus auszuweichen. Bisher ist je nach gebuchten Ringen sehr genau festgelegt, wo man fahren darf.

Wichtig ist Münster ein weiterer Aspekt der Tarifreform, auf den besonders der Landkreis Starnberg Wert gelegt habe, dass alle Ortsteile einer Gemeinde in einer Tarifzone liegen. Viele ÖPNV-Kunden müssen dadurch einen Streifen weniger stempeln und sparen sich Geld oder verzichten auf Autofahrten zum günstiger gelegenen Bahnhof. Beispiele dafür sind etwa Oberbrunn, Perchting oder Hochstadt. Insgesamt sieht die Tarifstruktur etwas übersichtlicher aus, im Detail allerdings bleibt es für die S-Bahn-Fahrer an vielen Stellen kompliziert. "Eine Reform ist das nicht, höchstens eine Verbesserung", kritisiert daher der Feldafinger Bürgermeister Bernhard Sontheim, "eine Reform wäre es gewesen, wenn man es ganz neu gemacht hätte. Ich hätte mir einen größeren Wurf erhofft." Vorbild ist für ihn dabei Paris, wo im ganzen Stadtgebiet ein einheitlicher Preis gilt, egal wie weit man fährt. Wer sich dort ein Ticket aus dem Automaten holt, muss sich keine Gedanken über Tarife, Zonen und Ringe machen. Das neue MVV-Tarifsystem findet Sontheim nicht sehr transparent. So sieht das sein Gilchinger Amtskollege Manfred Walter: "Es ist besser als vorher, aber ich hätte mir vorgestellt, dass es noch einfacher wird, viel selbsterklärender. Das ist das System immer noch nicht." "Wir haben einen ersten Schritt gemacht. Da müssen weitere folgen", räumt Münster ein. "Wir streben an, dass sich der Kunde gar keine Gedanken mehr machen muss, welches Ticket er braucht." Sie denkt an ein System, das automatisch erkennt, wer wo ein- und aussteigt.

Hier eine Übersicht für die Gemeinden entlang der Äste von S6 und S8, angegeben sind jeweils die Vergleiche für Pendler an den westlichen Stadtrand Münchens, etwa nach Pasing, sowie ins Zentrum der Landeshauptstadt - denn die Preise unterscheiden sich drastisch:

Stockdorf: Pendler aus Stockdorf sind die großen Gewinner der Reform - zumindest, wenn sie bis zum Marienplatz fahren. Statt bislang 90,40 Euro im Monat zahlen sie nur noch 59,90 Euro. Müssen die Stockdorfer aber etwa nur nach Pasing, verteuert sich selbst bei ihnen der Preis von 55,20 Euro auf den Münchner Einheitspreis von 59,90 Euro. Die Kosten für Einzelfahrt und Streifenkarte halbieren sich in allen Fällen praktisch.

Gauting: Hier wird es zumindest für Stadtrandpendler dramatisch. Die Monatskarte etwa nach Pasing verteuert sich von 55,20 Euro auf 89,90 Euro - das entspricht dem landkreisweit größten Aufschlag von 63 Prozent. Pendler ins Zentrum profitieren dagegen leicht, statt 90,40 Euro werden nur noch 89,90 Euro fällig. Auch Einzelfahrten und Streifenkarten werden etwas günstiger.

Geisenbrunn: In dem Gilchinger Ortsteil fallen die Preise ins Münchner Zentrum von 103,70 Euro im Monat auf 89,90 Euro. Pendler nach Pasing zahlen künftig das gleiche, bislang überweisen sie aber nur 66,60 Euro.

Neugilching/Argelsried: Die beiden Gilchinger Viertel teilen das Schicksal steigender Preise - bis zum Marienplatz von derzeit 116,50 Euro, beziehungsweise bis Pasing von bislang 79,10 Euro auf einheitliche 118,90 Euro im Monat. Einzelfahrten werden teurer.

Starnberg/Weßling: Das gilt auch hier. Dagegen verbilligen Monatskarten ins Herz der Landeshauptstadt leicht von 127,80 Euro auf 118,90 Euro. Wer nur nach Pasing pendelt, zahlt bislang nur 90,40 Euro und muss darum künftig drauflegen.

Steinebach: Gelegenheitsfahrer werden belohnt, Stammkunden bestraft. Die Einzelfahrt wird günstiger, von 8,70 auf 8,30 Euro, die nötigen Streifen kosten sogar nur noch 7,00 statt 8,40 Euro. Die Monatskarte verteuert sich dagegen von derzeit 140,50 Euro ins Zentrum und von 103,70 Euro an den Stadtrand auf jeweils 143,90 Euro.

Possenhofen/Seefeld: Kostet die Monatskarte zum Marienplatz bislang 152,50 Euro, werden es nun 143,90 Euro. Nach Pasing bezahlen Pendler bislang allerdings nur 116,50 Euro. Dafür verbilligen sich Einzelfahrten und Streifenkarten genau so stark wie in Steinebach.

Feldafing: Ebenfalls ein großer Gewinner der Reform, weil die Gemeinde auf den Possenhofener Ring aufrückt. Das drückt die Preise für die Einzelfahrt wie in Steinebach und generell auch bei der Monatskarte. Das Pendeln nach München kostet dann ebenfalls noch 143,90 Euro statt derzeit 163,40 Euro. Mehrkosten hat allerdings auch hier, wer bislang nach Pasing nur 127,80 Euro zahlt.

Tutzing/Herrsching: An den Endstationen von S6 und S8 das gleiche Bild. Die Monatskarten für München-Pendler kosten künftig 168,90 Euro. Bis zum Marienplatz zahlen sie bislang 175,10 Euro, bis Pasing allerdings nur 140,50 Euro. Die Einzelfahrt verteuert sich jeweils von 8,70 Euro auf 9,90 Euro, der Preis für die nötigen Streifen bleibt mit jeweils 8,40 Euro gleich.