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Fan-Stimmung bei der EM:"Fußball ist eine Stehauf-Geschichte"

Berg: Christian Kalinke

Christian Kalinke, 64, sieht die deutsche Nationalmannschaft bei der EM im Halbfinale.

(Foto: Nila Thiel)

Die Europameisterschaft läuft, doch die Stimmung fehlt. Der ehemalige BMW- und Vereinsmanager Christian Kalinke aus Berg erklärt, woran das liegt und wo sein Lieblingssport noch nach Erde, Bratwurst und Bier riecht.

Interview von Peter Haacke

Die Fußball Europameisterschaft hat am Wochenende begonnen, das deutsche Team startet am Dienstag in München gegen Weltmeister Frankreich ins Turnier. Die große Begeisterung, die sich bei der Fußball-WM 2006 - dem letzten großen Turnier in Deutschland - als "Sommermärchen" ergab, hat sich allerdings noch nicht gezeigt: Die Fans üben sich bislang in Zurückhaltung. Christian Kalinke, 64, von Kindesbeinen an mit Herz und Seele dem Fußball verbunden, beim MTV Berg in unterschiedlichen Rollen tätig gewesen, glaubt dennoch an die Kraft des Fußballs - allerdings unter anderen Vorzeichen.

SZ: Als Fußball-Fan sind Sie womöglich auch den kulturellen Aspekten dieses Sports zugetan. Bitte vervollständigen Sie folgende Liedzeile: Ha, ho, hea hea he. . .

Christian Kalinke: Auf'm Fußballplatz ist's schee?

Fast. Es ist der Song der Fußball-WM 1974. Und so geht's weiter: Fußball ist unser Leben, der König, Fußball regiert die Welt. Oder sollte man nicht besser singen: Geld regiert im Fußball die Welt?

Der Fußball hat eine unglaubliche Faszination, aber ich würde nicht sagen, dass er die Welt regiert. Geld spielt zwar im Profibereich eine große Rolle, aber da muss ja noch mehr dran sein, dass er die Massen so elektrisiert. Fußball ist einfach zu verstehen und erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl. Trotzdem müssen wir aufpassen, ich sehe da schon auch eine Diktatur des Geldes. Wenn der FC Bayern neun Mal hintereinander mit einer international zusammengekauften Truppe Deutscher Meister wird, dann ist doch was faul. Auch in der Champions League sind in den letzten Jahren immer die gleichen Mannschaften im Viertelfinale versammelt. Das hat in erster Linie mit Geld zu tun. Wenn man schon vorher weiß, wie's ausgeht, ist die Spannung raus.

Die deutsche National-Elf bestreitet am Dienstag den Vorrundenauftakt. Doch im Gegensatz zur WM 2006 scheint eine andere Stimmung im Land vorzuherrschen: keine Deutschlandfähnchen, kaum Fan-Artikel oder dekorierte Balkone, dazu Public Viewing nur unter Sicherheitsauflagen. Lässt die Begeisterung nach?

Die Zurückhaltung hat sicherlich mehrere Gründe. Fußball bedeutet in erster Linie soziale Nähe, und die Corona-Pandemie hat zu sozialer Distanz geführt. Da kann nur schwer ein Funke überspringen. Außerdem scheint der Fußball ein bisschen übersättigt. Es sind immer häufiger Spiele zu sehen, die ich unter der Kategorie Heilschlaf-Therapie verbuchen würde. Der Fußball muss aufpassen, dass er nicht umkippt. Wenn es immer weniger um Fußball geht, stattdessen aber um Fernsehrechte, Übertragungsgelder, Ablösesummen und Spielergehälter, dann entfernen wir uns von dem, was wir am Fußball so lieben: dieses Unvoreingenommene, Spontane, Emotionale und Authentische. Mehr Herz als Kommerz. Aber keine Sorge, wenn die Deutschen die EM-Vorrunde überstehen, dann wird das schon: Fußball ist eine Stehauf-Geschichte.

Kann es sein, dass der deutsche Fußball seit dem nachweislich erkauften "Sommermärchen" von seiner Unschuld verloren hat? Im Vordergrund standen zuletzt Skandale und Skandälchen - vergoldete Steaks, Sonderregeln und Flüge in Pandemie-Zeiten, Rücktritte an der DFB-Spitze, Ablösesummen im Millionenbereich, absurd hohe Spielerprämien.

Ich würde lieber an einem anderen Punkt ansetzen: 2006 gab es eine heitere Unbekümmertheit, bei der die Fans ihren Nationalstolz ausleben konnten, ohne gleich in den Verdacht mangelnder politischer Korrektheit zu geraten. Man war froh, der Welt zeigen zu können, dass die Deutschen keine humorbehinderten Spaßbremsen sind. Wir wollten geliebt werden. Die Skandale, die Sie ansprechen, sind zu verurteilen, keine Frage. Aber sind wir doch ehrlich: Das rauscht an den normalen Fans vorbei.

Dennoch hatte die gekaufte Party gravierende Folgen für die höchsten Repräsentanten des Deutschen Fußball-Bundes.

Ja, das ist richtig. Aber ich glaube, dass das größere Problem in der Abgehobenheit des Profifußballs liegt. Die Spieler sind medial geschult, jeder hat seinen Berater, bei Pressekonferenzen gibt es ein Protokoll wie beim Bundespräsidenten, und da jagt eine Plattheit die andere - fokussiert sein, Höchstleistung abrufen, bis in die Haarspitzen motiviert sein. Ich kann's nicht mehr hören. Kein Wunder, dass da keine richtige Stimmung aufkommt. Und wenn du dann noch mit Deutschland-Fähnchen und Käppi rumläufst nach der Klatsche gegen Spanien (0:6) und der Blamage gegen Nordmazedonien (1:2), ist die Gefahr groß, dass du blöd angemacht wirst.

Fußball-WM 2006 in München: Deutschland-Fans mit Fahne am Auto

Deutschlandfähnchen am Auto, geschmückte Balkone, Übertragungen an jeder Ecke - ein Fußball-Sommermärchen wie bei der WM 2006 scheint bei der aktuellen EM noch sehr weit weg zu sein.

(Foto: Robert Haas)

Welche Rolle spielt die Fußball-EM derzeit in der Wahrnehmung der Deutschen? In die Münchner Allianz-Arena dürfen maximal 14 000 Zuschauer, alle anderen sind auf Fernsehübertragungen angewiesen.

Diejenigen, die fußballaffin sind, freuen sich drauf, keine Frage - auch in Verbindung mit Public Viewing im erlaubten Rahmen. Quatschen, Bierchen trinken, Kommentare und Emotionen. Die Fans freuen sich nicht nur auf Fußball, sondern auch auf das Gemeinschaftserlebnis.

Wie anregend kann es sein, in 1,50 Meter Abstand zum Nächsten im Biergarten mit Mundschutz in Nationalfarben zu hocken?

Die Faszination des Fußballs ist so groß, da werden sich die Fans nicht wegen ein paar Hygienevorschriften unterkriegen lassen. Es hängt allerdings auch vom sportlichen Erfolg der deutschen Mannschaft ab: Wenn sie die Vorrunde überstehen und das erste Spiel gegen die Franzosen nicht gerade im Desaster endet, wird die Begeisterung schon zurückkommen.

Die deutsche Nationalmannschaft hatte bisher große Strahlkraft auf den Breitensport. Auch der MTV Berg profitierte davon durch ehemalige Nationalspieler. Wie sieht es jetzt damit aus?

Oliver Bierhoff, Jens Lehmann oder Michael Ballack haben sich immer wieder mal beim MTV Berg sehen lassen. Aber was mich mehr bewegt ist, wenn ich die Jungs mit den MTV-Shirts zum Training radeln sehe. Die sind so glücklich, dass sie wieder kicken können.

Zählt bei Fußballern noch der weise Rat von Sepp Herberger, Trainer der Weltmeister von 1954: Elf Freunde sollt ihr sein?

Ja, und da gibt es ein konkretes Beispiel, das mich total begeistert hat: Die deutsche U21-Nationalmannschaft, die jetzt Europameister geworden ist. Da waren elf Freunde auf dem Platz. Die sind unbekümmert ins Spiel gegangen. Die haben richtig Bock gehabt, Fußball zu spielen. Da gab's Straßenfußball-Elemente und es war nicht alles von vorne bis hinten taktisch determiniert. Kein Theater bei Fouls. Und es hat ihnen eine tierische Freude gemacht, den Favoriten eins auszuwischen. Der Marktwert der Spanier, Holländer und Portugiesen war ja vor Turnierbeginn deutlich über dem der Deutschen.

Vom Bolzplatz zum Konzernchef

Was wäre wohl aus Christian Kalinke geworden, wenn er nicht die meiste Zeit seiner Jugend auf dem Bolzplatz verbracht hätte? Viele Wertvorstellungen aus dem Sport jedenfalls übernahm der ehemalige BMW-Manager in seine internationalen Führungsaufgaben. Kennzeichnend geblieben für den 64-jährigen Pensionär, der in Kempfenhausen geboren wurde, sind Heimattreue und Bodenhaftung. Nachdem er als Aktiver auf dem Fußballplatz mit 25 Jahren doch sehr arg zusammen getreten wurde, übernahm er beim MTV Berg verschiedenste Posten vom Kassenwart bis zum Abteilungsleiter. Wann immer es ging, begleitete er bis zur corona-bedingten Einstellung des Spielbetriebs die Spiele seines Clubs und unterstützt die MTV-Jugend. Er selbst bezeichnet sich als "Maker & Shaker".

Nebenher etablierte Kalinke 2002 mit den "BergSpektiven" eine hochkarätige Plauderrunde mit wechselnden prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Sport. Als Gäste mit Fußball-Sachverstand begrüßte er dabei unter anderem DFB-Manager Oliver Bierhoff, die Ex-Nationalspieler Stefan Reuter und Jens Lehmann, FCB-Präsident Herbert Hainer, den ehemaligen Kicker-Chefredakteur Reiner Holzschuh sowie die inzwischen verstorbenen Karl-Heinz Wildmoser als ehemaligen Löwen-Präsident und Reporter-Legende Harry Valérien. Zudem unterstützt und fördert Kalinke soziale Sportprojekte in Afrika. Zuletzt trat Kalinke auch als Fastenprediger auf. Aber es gibt eine Anekdote, die das Lausbubenhafte des bekennenden Fans des TSV 1860 München am besten beschreibt: Mit dem übermächtigen Konkurrenten FC Bayern München erlaubte er sich einen Scherz. Als der FC seine Zentrale an der Säbener Straße im Jahr 2009 umbauen ließ, überredete er ein paar Handwerker, heimlich einen Wimpel der Münchner "Löwen" ins Heim der Bayern einzumauern. Ob der Wimpel dort tatsächlich gelandet ist, weiß er jedoch nicht. phaa

Aber ist Fußball immer noch der König? Ist Fußball das erstrebenswerte Leben mit Flügen in Privatjets, teuren Autos und allerlei Sonderrechten mitten in der Corona-Pandemie, in der alle anderen massiv zurückstecken müssen?

Fußball ist nicht das Leben, aber du kannst durch den Fußball viel fürs Leben lernen. Ich habe auf dem Bolzplatz für meinen Beruf mehr mitgenommen als in der Schule. Aber eine Neid-Debatte aufgrund der Dekadenz einiger Fußballstars habe ich in meinem Umfeld nicht festgestellt. Das ist eher so ein Schlüsselreiz der Medien, der die Leute anstecken soll, auf der Erregungswelle mit zu schwimmen. Aus meiner Sicht sind die Skandale nicht der Hauptgrund dafür, dass so manche Fans und aktive Kicker moralisch durchhängen. Es ist vielmehr die Politik, die den Amateurfußball insbesondere für Kinder und Jugendliche links liegen gelassen hat. Trotz Pandemie hätte es für Teamsportarten im Freien Lösungen geben müssen. Ich wünsche mir, dass künftig die motorische und mentale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen insbesondere durch Teamsportarten von der Politik ernster genommen wird.

Wie kann der angeschlagene deutsche Fußball an Attraktivität zurückgewinnen?

Wir müssen die Fans wieder zurückgewinnen. Die sind mehr als nur Konsumenten. Lasst uns den Lagerfeuer-Charakter des Fußballs reaktivieren und wieder Frei-Schnauze reden, wie beispielsweise Thomas Müller. Ich persönlich freue mich jetzt schon wieder auf die legendären Derbys meines Heimatvereins, etwa gegen den SC Pöcking. Da ist Emotion drin: Schmähgesänge der Fans, deftige Kommentare, Aufreger wegen Schiri-Entscheidungen, da riecht's nach Rasen, Erde, Bratwurst und Bier. Ich liebe das! Aber zunächst sollte uns die EM nach eineinhalb Jahren Corona-Stress ein bisschen Ablenkung und Zerstreuung bringen. Möglicherweise kann uns positive Emotion auch wieder aus der allgemeinen Selbstbemitleidung führen.

Auf welchem Platz landet das deutsche Team bei der EM, wer erobert den Titel?

Mein Tipp: Die Deutschen kommen ins Halbfinale. Und den Titel, denke ich, erobern die Franzosen.

© SZ vom 14.06.2021/infu
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