Tierschutz Mehr Wohnraum für Nattern und Kröten gesucht

Diese Großkopf-Schlammschildkröte ist Untermieterin in der Auffangstation.

(Foto: Florian Peljak)

In der Reptilienauffangstation stapeln sich Aquarien und Terrarien bis unter die Decke. Bald sollen die Tiere ein größeres Zuhause bekommen, doch die größte Hürde steht noch bevor.

Von Kathrin Aldenhoff

Es war ein weiter Weg für die Schmuckschildkröte. Von der Dominikanischen Republik nach München, an Bord eines Direktflugs, als illegales Andenken aus dem Urlaub. Eine Reinigungsfrau fand die Schildkröte in der Flugzeugtoilette - vielleicht hatten die Käufer Angst vor dem Zoll bekommen - und gab sie bei der Reptilienauffangstation der LMU ab. Seit eineinhalb Jahren lebt die kleine Wasserschildkröte nun in einem Aquarium im Keller des Sechzigerjahrebaus an der Kaulbachstraße 37.

Die Terrarien stapeln sich dort drei Meter hoch, bis unter die Decke nutzen die Tierpfleger den Raum. Korallenfingerfrösche leben über Kornnattern, die Terrarien der Vogelspinnen stehen im Waschraum, die kleine Wasserschildkröte aus der Flugzeugtoilette hat ihren Platz auf dem Gang, ein paar Schritte weiter schwimmt eine deutlich größere Fransenschildkröte in ihrem Aquarium. Und an einem Tisch zwischen den beiden Aquarien machen zwei Tierpfleger gerade Mittagspause.

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Ein 20-Jähriger hatte die Riesenschlangen und Nattern unter untragbaren hygienischen Zuständen gehalten. Die Tiere sind mit einem ansteckenden Virus infiziert.

Es ist eng hier, und das schon seit Jahren. Bald soll sich das ändern: Ein Neubau in Neufahrn ist geplant, mit deutlich mehr Platz, "mit einer höheren Lebensqualität für Tiere und Personal", wie Markus Baur sagt. Der Fachtierarzt für Reptilien leitet die Auffangstation, es ist die größte in Deutschland. Seit 2001 wird sie als Verein betrieben. Der 52-Jährige freut sich auf die neuen Räume, 2020 könnten die Bauarbeiten beginnen. Doch eine große Hürde muss der Verein dafür noch nehmen - und bisher weiß keiner so recht, wie.

Der Platzmangel zeigt sich auch in Markus Baurs Büro: Zwölf Aquarien und sechs Terrarien mit mehreren Wasserschildkröten, einer Mangroven-Nachtbaumnatter und einer Greifschwanz-Lanzenotter stehen auf, unter und neben dem Schreibtisch. Hinzu kommt etwa die gleiche Anzahl toter Tiere: ein ausgestopfter Grüner Leguan, ein kleiner Brillenkaiman, der Querschnitt des Panzers einer Griechischen Landschildkröte. Erst neulich hat Markus Baur wieder ein Geschenk bekommen: ein zwei Meter langes, ausgestopftes Nilkrokodil. Das steht jetzt im Lager und wartet auf den Umzug.

Markus Baur ist Fachtierarzt für Reptilien und leitet die Auffangstation.

(Foto: Florian Peljak)

Im Dezember hat der Verein ein Grundstück in Neufahrn im Landkreis Freising gekauft. Ende Januar überreichte Umweltminister Thorsten Glauber Markus Baur einen symbolischen Scheck über 765 000 Euro für den Kauf, mit der Zusage, auch den Neubau zu fördern. Zehn Millionen Euro soll die neue Reptilienauffangstation im ersten Bauschritt kosten. Eine Million davon muss der Verein aufbringen. Geld verdient die Einrichtung zum Beispiel mit Schulungen und Führungen, etwa wenn Markus Baur Bundeswehrsoldaten vor ihrem Auslandseinsatz im Umgang mit tropischen Schlangen schult. Um eine Million Euro neben dem regulären Betrieb ansparen zu können, braucht der Verein aber Spenden und die Hilfe von Sponsoren, das ist allen dort klar.

"Der normale Bürger kennt die heimischen Tiere nicht mehr"

Auf einer Fläche von 20 000 Quadratmetern soll es in Zukunft auch Außenbereiche für die Tiere geben. Schildkröten und Krokodile sollen im Sommer Sonnenlicht auf ihren Panzern spüren, nicht mehr nur das Licht der Strahler in den Terrarien. "Wir wollen die Haltungsanforderungen einhalten oder sogar übertreffen", sagt Markus Baur. Die Quarantänestation soll größer werden, und es soll dann auch Räume für Tiere geben, die einen Virus in sich tragen.

So wie die 51 Riesenschlangen, die das Veterinäramt Ende Januar zusammen mit neun Nattern in der Wohnung eines Münchners beschlagnahmte. Um andere Tiere nicht anzustecken, dürfen sie keinen Kontakt zu den anderen Riesenschlangen haben. Sie müssen isoliert gehalten werden, und dafür braucht es Platz, den es in der Kaulbachstraße kaum noch gibt.

Die Reptilienauffangstation der LMU in der Kaulbachstraße ist vollkommen überfüllt.

(Foto: Florian Peljak)

Jedes Jahr nehmen sie dort etwa 1300 Tiere auf: Vogelspinnen, Königspythons, Leopardgeckos. Tiere, die ausgesetzt wurden, die vom Veterinäramt oder dem Zoll beschlagnahmt wurden, gefährliche Tiere, deren Haltung verboten ist. Es ist Aufgabe der Reptilienauffangstation, diese unterzubringen, sie zu untersuchen, sie zu behandeln und zu pflegen, um sie dann gegebenenfalls an einen neuen Halter zu vermitteln. Aber das klappt nur bei vier von fünf Tieren, auch deshalb ist es hier so eng.

Im Neubau will Markus Baur Besucher noch besser informieren. "Der normale Bürger kennt die heimischen Tiere nicht mehr", sagt er. Die Feuerwehr bringe eine harmlose Ringelnatter in einer Hochsicherheitsbox zu ihm, eine Kreuzotter am Isarhochufer löse Panik aus, eine ausgebrochene Kornnatter einen Polizeieinsatz. Dass viele Menschen so auf Reptilien reagieren, sei anerzogen, meint Markus Baur. Und Geschichten wie die von Lotti, der mutmaßlichen Schnappschildkröte aus einem Allgäuer Badesee, trügen dazu bei. "Da wird ganz schnell aus einem Molch ein Krokodil gemacht."

Markus Baurs Liebe zu Reptilien begann übrigens vor vielen Jahren mit Max, einer herrenlosen Schildkröte. Sein Vater schenkte sie ihm, als er vier Jahre alt war. Auch weil er und seine Mitarbeiter seit vielen Jahren für einen Neubau kämpfen, wird die Schildkröte aus der Dominikanischen Republik vielleicht bald aus dem Keller kommen. Und in ihrem neuen Zuhause in Neufahrn dann zumindest im Sommer die Sonne wieder spüren.

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