Reiter und Söder in der Anzapfboxe Wahlkampf mit Schaum

Drei Wochen vor der bayerischen Landtagswahl wird der Auftritt des Ministerpräsidenten im Schottenhamel-Zelt besonders beäugt: Wie gibt er sich, der Söder?

Aus der Anzapfboxe von Elisa Britzelmeier

Es schäumt ordentlich, bevor Markus Söder (CSU) den ersten Schluck nimmt. Und es dauert. Um Punkt 12 Uhr hat Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) das Oktoberfest eröffnet, mit zwei Schlägen, wie vergangenes Jahr. Den Satz "auf eine friedliche Wiesn", der traditionell aufs "Ozapft is" folgt, lässt Reiter dieses Mal weg. Stattdessen wiederholt er "Ozapft is".

Der OB drückt dem Ministerpräsidenten den Masskrug in die Hand, der Schaum schaukelt oben drauf, es läuft fast über. Reiter will sich wohl nicht nachsagen lassen, er hätte schlecht eingeschenkt. Bis Söder dann den ersten Schaum wegnuckelt, wird es 12.02 Uhr. Davor müssen Söder und Reiter noch für die Fotografen posieren, Seit' an Seit' stehen sie, die Krüge in der Hand.

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Söder: "Aber er hat das super souverän gemacht, auch wenn er ein Sozi ist"

Draußen vor dem Zelt ist das Wetter am Vormittag wie gewohnt nicht das beste, rechtzeitig zum Wiesnanstich hat es einen Temperatursturz gegeben. Aber man hat das auch schon schlimmer erlebt. Immerhin regnet es nicht, später kommt sogar die Sonne raus. Dass es recht kalt ist, dürfte allen egal sein, die es in eines der Zelte geschafft haben. Und auf das Schottenhamel-Zelt schaut man ohnehin mit einer ganz anderen Frage: Wie macht er sich, der Söder?

Es ist das erste Mal, dass Markus Söder als Ministerpräsident die erste Mass von Münchens OB entgegennimmt. Sein erstes Mal auf der Wiesn ist es aber natürlich nicht. Söder hat jahrelange eigene Anzapf-Erfahrung, das betont er auch mehrfach. Beim Anstich im Hofbräuzelt durfte er als Finanzminister bislang selbst den Schlegel in der Hand halten. Dort muss man nun ohne Söder auskommen, Finanzstaatssekretär Hans Reichhart darf ran. Im Schottenhamel ist Reiter der Protagonist, erst mal muss Söder stumm am Rand stehen und kann nur zuschauen.

"Mitgefühlt" habe er mit dem Oberbürgermeister, sagt Söder hinterher. Er wisse ja, wie das "Feeling" sei. Ein bisschen nervös sei Reiter schon gewesen, findet Söder: "Aber er hat das super souverän gemacht, auch wenn er ein Sozi ist". Im Hintergrund spielt die Blaskapelle gerade den Triumphmarsch. Reiter dagegen sagt, nervös sei er höchstens eine Minute vor 12 Uhr. "Der Druck ist schon mal höher gewesen in den ersten Jahren." Es ist das fünfte Mal für Reiter.

Herzlichkeit klingt anders

Auf die schaumlastige erste Mass angesprochen sagt Reiter, er sei glücklicherweise nur fürs Anzapfen verantwortlich, als Schankkellner tauge er wohl weniger. Wie es so ist mit dem neuen Ministerpräsidenten? "Ganz normal", man höre mit der Tradition ja nicht einfach auf, weil da jetzt ein anderer Ministerpräsident ist. Herzlichkeit klingt anders.

Im Schottenhamel wirken Reiter und Söder distanziert, aber sie geben sich kameradschaftlich, trotz Frotzeleien. Dabei waren sie sich zuletzt nicht immer einig, bei der MVV-Tarifreform etwa oder bei Söders München-Plan, zu dem Reiter bekannt gab, er könne darin nichts Neues erkennen. Den Abend zuvor war Söder zum Abendessen mit Kanzlerin Angela Merkel, wo die Stimmung weniger ausgelassen als im Festzelt war - aus diversen Gründen. Ob sie zum Oktoberfest wiederkomme, wurde Merkel vor ihrem Rückflug am Freitagabend nach Berlin noch gefragt. Nach kurzem Stutzen sagte sie: "Mich hat ja niemand eingeladen."

Bis auf die veränderte Besetzung ist es am Samstagmorgen in der Anzapfboxe das selbe Spektakel wie jedes Jahr. 11.15 Uhr, das Zelt ist voll, alle noch ohne Bier. Florian Silbereisen nimmt in der ersten Reihe Platz. 11.28 Uhr, die Blaskapelle erreicht die Anzapfboxe. Florian Silbereisen lässt sich mit einem Musiker fotografieren. 11.37 Uhr, Polizisten machen ein Foto mit dem Fass. Überhaupt ist ein Gedränge um dieses Fass, wechselnde Herrschaften quetschen sich auf Fotos. Wiesn-Bedienungen begrüßen sich freudig, Journalistenkollegen machen Selfies auf der Pressetribüne. Florian Silbereisen kaut seine Brotzeit. Die Blaskapelle spielt.

Das Münchner Kindl thront auf dem Fass und lächelt. Was es wohl denkt? Das Fass wartet, in schönster Festtagskleidung, Tannengirlande, Schleifen. Vor zwei Jahren dachte man als Wiesnbesucher vor allem noch an diesen Zaun um das Gelände, das Thema beherrschte die Gespräche vor dem Anstich. Vergangenes Jahr ging es dann - neben einer kurz vor der Wiesn abgeschmetterten Bierpreisbremse - vor allem um die Frage: Kommen im Jahr nach dem Zaun-Knick wieder mehr Besucher? (Zur Erinnerung: Ja.) Inzwischen ist der Zaun längst nicht mehr der Rede wert, zur Bierpreisbremse hat man auch schon länger nichts mehr gehört.

Das Gesprächsthema der Wiesn

Es gibt dieses Jahr nur ein Thema, das latent über der Theresienwiese liegt, und das hat seinen Ursprung etwa vier Kilometer weiter östlich. Es ist die Frage, wer in drei Wochen in den Landtag einziehen und wer dann mit wem regieren können wird. Sogar auf dem Raucherbalkon unterhalten sich Wiesngäste über Zweitstimmen. Vergangenes Jahr hatte OB Reiter gesagt, man mache auf der Wiesn keinen Wahlkampf. "Das habe ich mit dem Ministerpräsidenten ausgemacht."

Vergangenes Jahr hieß der Ministerpräsident aber Seehofer und nicht Söder, es ging um den Bundestag und nicht den Landtag, und es sah für die Parteien von Ministerpräsident und Oberbürgermeister nicht so desaströs aus wie heute. Die CSU liegt in Umfragen zwischen 33 und 39 Prozent, die SPD bei zehn bis 14 Prozent. Weswegen sich Söder nun auch fragen lassen muss, ob sein erstes Anzapfen als Ministerpräsident vielleicht auch gleich sein letztes gewesen sein könnte. Unwahrscheinlich, antwortet er. "Alle wollen mit mir koalieren, keiner gegen mich".

Wieso also sollte er 2019 nicht wieder da sein? Söder lenkt dann aber ganz schnell wieder weg vom Thema. Schließlich sei man wegen des Festes da. Offen ist der Wahlkampf kein Thema, implizit aber doch, weswegen auch beäugt wird, wer sich wie anzieht. Reiter trägt dieses Jahr beim Anstich ein grünes Hemd, Söder eine grüne Krawatte zum Trachtenjanker. Als politisches Signal will das keiner von beiden verstanden wissen.

12.14 Uhr, Viktoria Ostler, so heißt das Münchner Kindl, klettert vom Fass. Sie erzählt davon, wie sie vor zwei Tagen zum ersten Mal selbst ein Fass angezapft hat, bei einer Wirtshaus-Eröffnung. Drei Schläge. Beim Wiesn-Anzapfen im Schottenhamel genießt sie vor allem, dass sie den besten Blick hat. Ob sie es dieses Jahr anders fand? Bis auf den neuen Ministerpräsidenten nicht groß, sagt sie.

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