Oktoberfest Gibt es ein typisches Wiesnwetter?

An den meisten Wiesn-Tagen ist es sonnig.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Daten von Metereologen bestätigen die Klischees zum Wiesnwetter: Zum Anstich ist es oft feucht, sonst überwiegen die Sonnentage.
  • "Es ist eigentlich die optimale Zeit für Freiluftveranstaltungen", sagt der Leiter des Deutschen Wetterdienstes in München.
  • Dennoch wurden an manchen Wiesntagen auch schon Minustemperaturen gemessen - den Kälterekord hält ein Tag im Jahr 1912.
Von Thomas Anlauf

Zwei Weißwürste, zwei Mass Bier, dazu Radi, Brezn, Wiesnherz und Riesenrad in den weißblauen Himmel gemalt: So sieht das Wiesnwetter auf den diesjährigen Oktoberfestplakaten und den Masskrügen aus. Millionen Menschen feiern in den kommenden 16 Tagen auf der Theresienwiese die fünfte Jahreszeit. Doch gibt es das typische Wiesnwetter überhaupt? Der Deutsche Wetterdienst (DWD) in München hat für die SZ sämtliche Wetterdaten für die Oktoberfestzeiten seit 1879 ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Wiesn hat eine ganz besondere Witterung.

Das erste Klischee lautet: Beim Einzug der Wiesnwirte ist das Wetter immer schlecht. Tatsächlich listet der Wetterdienst seit dem Jahr 2000 insgesamt zwölf von 18 Jahren auf, in denen es am ersten Wiesnsamstag geregnet hat. Nur in den Jahren 2003, 2004 und 2007 kam nach Frühnebel die Sonne heraus, ansonsten war es bedeckt bis stark bewölkt. Wenn Oberbürgermeister Dieter Reiter an diesem Samstag um 12 Uhr das erste Fass Bier ansticht, bleibt es laut Prognosen zwar wohl trocken (das Wetter), allerdings auch kühl bei maximal 17 statt wie am Freitag sommerlich warm bei 28 Grad.

Die neuen Oktoberfest-Attraktionen erfordern einen stabilen Magen

Die Wiesn wäre nicht die Wiesn, wenn jedes Jahr alles anders wäre. Große Umwälzungen sind bei den Änderungen, die die Stadt jetzt vorgestellt hat, deshalb nicht dabei. Ein bisschen Neues gibt es aber schon. Von Franz Kotteder mehr ...

Klischee Nummer zwei: Das Wiesnwetter insgesamt ist eigentlich meistens gut. Auch das stimmt irgendwie, zumindest statistisch betrachtet. Uwe Zimmermann vom Regionalen Klimabüro München des DWD hat errechnet, dass an 74,5 Prozent aller Wiesntage zwischen 1879 und 2017 die Sonne mehr als eine Stunde lang schien, an durchschnittlich 8,6 von zehn Tagen ließ sich zumindest für ein paar Minuten die Sonne blicken. Umgekehrt fiel an weniger als einem Drittel (31,3 Prozent) aller untersuchten 1929 Tage seit 1879 überhaupt nennenswerter Niederschlag von mehr als einem Liter pro Quadratmeter und Tag.

Für Guido Wolz ist das statistisch gesehen überwiegend schöne Wiesnwetter der vergangenen 140 Jahre eine Bestätigung der üblichen Witterung um diese Jahreszeit. "Es ist eigentlich die optimale Zeit für Freiluftveranstaltungen", sagt der Leiter des DWD in München. Denn im September herrsche oft über Wochen eine ruhige Wetterlage. Dann kühlt sich einerseits das europäische Festland allmählich ab, doch der Atlantik, von wo das Wetter meist zu uns transportiert wird, weist noch milde Temperaturen auf. Das bedeutet, es gibt in dieser Zeit häufig kein großes Temperaturgefälle zwischen Ozean und dem Kontinent.

Die Folge: Es kommt relativ selten zu Extremwetterlagen, die Luftmassen sind bis Anfang Oktober stabil - vorausgesetzt, dass kein zum Sturmtief abgeschwächter Hurrikan Deutschland erreicht. Im Frühsommer hingegen ist es laut Wolz oft genau umgekehrt: Über dem Atlantik herrschen noch relativ niedrige Temperaturen, dafür kann es am Festland schon sehr warm werden. Starke Temperaturgegensätze bedeuten aber auch oft instabiles Wetter mit Gewitter, Sturm und Regen.

Das Oktoberfest geht bekanntlich auf die Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese am 12. Oktober 1810 zurück. Da im September der oft milde und sonnige Altweibersommer in München vorherrscht, wurde das Volksfest Ende des 19. Jahrhundert in den September vorverlegt und dauert seither nur noch bis zum ersten Oktoberwochenende. Der Altweibersommer ist meteorologisch gesprochen ein Keil des Azorenhochs, der sich im Frühherbst häufig bis nach Mitteleuropa ausdehnt.

Aber es kann auch anders kommen. Wie etwa vor 106 Jahren: Mit minus 2,6 Grad Celsius war der 6. Oktober 1912 der kälteste Tag, der während eines Oktoberfests gemessen wurde.

Der heißeste Wiesntag aller Zeiten liegt auch schon etwas länger zurück. Auf 29,7 Grad stiegen die Temperaturen auf den Tag genau vor 25 Jahren, am 22. September 1993. Platz zwei im Hitzeranking belegt ebenfalls ein 22. September, allerdings im Jahr 1935. Der Klimawandel ist bei den Maximaltemperaturen während des Oktoberfests demnach noch nicht zu spüren. Denn unter die zehn heißesten Wiesntage seit Beginn der kontinuierlichen Wetteraufzeichnungen in München hat es lediglich der Supersommer 2003 geschafft. Am 21. September schien die Sonne bei bis zu 28,4 Grad (Platz sieben), am Tag zuvor waren es 28,2 Grad Maximum.

Den wohl schönsten Wiesnauftakt hatten die Münchner im Jahr 1987. Am 19. September lagen die mittleren Temperaturen bei 22,4 Grad, beim Trachtenumzug am Tag darauf waren es sogar 22,9 Grad - der durchschnittlich wärmste Tag aller aufgezeichneten Werte während eines Oktoberfests. Davon ist der Wiesnauftakt in diesem Jahr leider weit entfernt. Nach dem Temperatursturz in der Nacht wird es an diesem Samstag noch höchstens 17 Grad. Auch sonst wird die Wiesn wohl keine Temperaturrekorde aufstellen. Bis auf diesen Sonntag, wo es noch einmal 24 Grad warm werden könnte, dürften die Temperaturen im weiteren Verlauf des 185. Oktoberfests meist unter 20 Grad bleiben.

Aber die Münchner und Hunderttausende Touristen hindern offensichtlich auch herbstliche Temperaturen nicht daran, in Massen zur Theresienwiese zu pilgern. Und wenn es in diesem Jahr draußen ungemütlich wird, gibt es ja immer noch die offiziellen Masskrüge, auf denen der Himmel über der Theresienwiese immer weißblau strahlt.

In einer früheren Version des Textes hieß es, der kälteste Tag, der während eines Oktoberfestes gemessen wurde, sei der 6. Oktober 2012 gewesen, mit minus 2,6 Grad als Tiefstwert. Der Rekordwert stimmt, nur das Datum nicht: Wir sind in der digitalen Tabelle des Deutschen Wetterdienstes um ein Jahrhundert verrutscht - es war der 6. Oktober 1912.

Forscher wundern sich über hohe Methan-Werte zur Wiesnzeit

Die Oktoberfest-Besucher sind allerdings nicht schuld an dem Anstieg. Zu den Ursachen gehören unter anderem die Zelte. mehr...