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Kreativ in der Krise:Unbekannte Nachbarschaftshilfe

Quarantänehelden

Nach einer Anzeige der Enkelin auf der Website "Quarantänehelden" bekam die einsame Oma zum Geburtstag Dutzende Briefe und Karten.

(Foto: Privat)

Die Initiative Quarantänehelden vermittelt freiwillige Helfer, die Menschen in ihrem Viertel bei Botengängen, Einkäufen oder Geburtstagsüberraschungen unterstützen.

In diesem Jahr hatte sich Sigrid F. schon auf einen eher tristen Geburtstag eingestellt. Denn Gäste zu empfangen, wäre ein Gesundheitsrisiko. Auch ihre Enkelin konnte nicht kommen, doch sie schaltete eine Anzeige in einem Netzwerk für Nachbarschaftshilfe. Daraufhin erreichen Sigrid F. beinahe hundert Postkarten und Briefe zu ihrem 86. Geburtstag. Gesehen hatten die Kartenschreiber die Anzeige in dem Netzwerk der Quarantänehelden - einer Webseite, auf der Menschen nach Hilfe in ihrem Viertel suchen können, egal, ob für Botengänge, Einkäufe oder eine Geburtstagsüberraschung.

Mehr als 37 000 hilfsbereite "Quarantänehelden" haben sich dort eingetragen. "Wir waren überwältigt von der Welle der Solidarität", erzählt Andrea Matthes, die vor gut drei Wochen kurzerhand zur Pressesprecherin der Aktion wurde. Wer auf eine Anzeige antwortet, kann von dem Suchenden per E-Mail kontaktiert werden. So wissen die Betreiber der Seite meist nicht, wie die Menschen über Quarantänehelden letztendlich zueinander gefunden haben. "Wichtiger als dieses Feedback ist uns die Privatsphäre und der Datenschutz unserer Nutzer", sagt Andrea Matthes.

Sie seien längst weit über das anfängliche Ziel hinausgeschossen, erzählt Keno Dreßel. Bei einem Bier mit seinen Freunden Henrike von Zimmermann und Florian Schmidt kam ihnen die Idee zu den Quarantänehelden. Zwei Tage später, am 14. März, ging das Team, das mittlerweile aus etwa 15 Leuten aus ganz Deutschland besteht, mit der Seite live. "Es war schön zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft ist. Die Menschen wollten etwas Gutes tun. Plötzlich haben Leute, die wir gar nicht kannten, unsere Seite in sozialen Netzwerken geteilt." So hätten die Dinge dann ihren Lauf genommen, sagt Softwareentwickler Keno Dreßel.

Die Tatsache, dass auf viele junge Helfer nur knapp hundert Gesuche kommen, zeigt das Dilemma der Solidarität im Netz: Ein Großteil der Zielgruppe ist gar nicht in den von Hilfsangeboten überschwemmten Kanälen vertreten. Um ältere Personen dennoch mit einem Quarantänehelden zu verbinden, sucht das Team nach anderen Möglichkeiten, um die Senioren von dem Netzwerk wissen zu lassen. So kann man auf ihrer Webseite beispielsweise einen Aushang herunterladen, in den sich hilfsbereite Anwohner eintragen können. Solche Listen mit Quarantänehelden seien auch in Apotheken, Banken und Supermärkten denkbar.

Egal, ob analog oder digital - kommt es zu einem Match zwischen Helfendem und Hilfesuchendem, gilt es die Hinweise der Initiative zu beachten. Statt zu vielen Menschen Hilfe anzubieten, solle man besser konsistent einem Haushalt in der Nachbarschaft helfen. Außer man gehöre selbst zu einer Risikogruppe. Auch Quarantänehelden sollen auf Abstand und Hygiene achten. Besonders fröhlich illustrierten Helfer diesen Hinweis für die Oma eines Freundes von Anna Matthes, wie sie erzählt. Auf eine Quarantänehelden-Anzeige hin, sangen der älteren Dame zwei Nachbarn ein Ständchen vom Zaun aus.

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© SZ vom 09.04.2020/kafe
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