Preis des NS-Dokuzentrums:Dem Vergessen entrissen

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Preis des NS-Dokuzentrums: Stadtrat Florian Roth (Die Grünen/Rosa Liste) übergibt die Auszeichnung des NS-Dokumentationszentrums 2020 an Alain Chouraqui, Gründungspräsident der französischen Gedenkstätte Camp des Milles.

Stadtrat Florian Roth (Die Grünen/Rosa Liste) übergibt die Auszeichnung des NS-Dokumentationszentrums 2020 an Alain Chouraqui, Gründungspräsident der französischen Gedenkstätte Camp des Milles.

(Foto: Orla Connolly/NS-Dokuzentrum)

Für Mut und Beharrlichkeit: Alain Chouraqui und sein Team bekommen für die Fondation du Camp des Milles den Preis des NS-Dokumentationszentrums.

Von Sabine Buchwald, München

Clara, Abraham, Jacques und fünf Vornamen mehr zählt Alain Chouraqui zu Beginn seiner Rede am Dienstagabend im Münchner NS-Dokumentationszentrum auf. Es sind Namen von Kindern. Kinder, die im August und September 1942 aus dem südfranzösischen Camp des Milles nach Auschwitz deportiert wurden, erklärt der Soziologe und Gründungspräsident der Fondation du Camp des Milles. Diese Kinder und Abertausende weitere Menschen seien aus dem Leben gerissen worden, "von der Barbarei ausgelöscht", sagt Chouraqui mit fester, warmer Stimme auf Französisch.

Der 72 Jahre alte Professor ist ganz offensichtlich ein geübter und begabter Redner. Agil und mit hellwachen Augen steht Chouraqui an diesem Abend auf dem Podium vor etwa 60 geladenen Gästen, um aus den Händen von Stadtrat Florian Roth den Preis des Münchner NS-Dokumentationszentrums 2020 für sich und sein Team entgegenzunehmen. Die Auszeichnung ist mit 8000 Euro dotiert und wird zum zweiten Mal vergeben. Aufgrund der Pandemie fand die Verleihung verspätet statt. 2018 ging der Preis an Ari Folman und David Polonsky für ihre grafische Adaption von Anne Franks Tagebuch.

Preis des NS-Dokuzentrums: Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes lobte den Mut und die Beharrlichkeit von Alain Chouraqui.

Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes lobte den Mut und die Beharrlichkeit von Alain Chouraqui.

(Foto: Orla Connolly/NS-Dokuzentrum)

"Sie tragen mit ihrer wichtigen Arbeit jeden Tag aufs Neue zum Erhalt der Erinnerung und der Demokratie in Frankreich bei", betont Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in ihrer kurzen Ansprache direkt an Choraqui gerichtet. Die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes, extra aus Berlin gekommen, hebt Chouraquis Mut und dessen Beharrlichkeit hervor. Sie rühmt sein Engagement für das Camp, das 1982 mit dem Ziel begann, diesen Ort dem Vergessen zu entreißen. Ohne die Arbeit von Alain Chouraqui und dessen Vater Sidney gäbe es den Gedenk- und Bildungsort in seiner jetzigen Art wohl nicht.

Das Camp des Milles liegt in der Nähe von Aix-en-Provence, war ursprünglich eine Ziegelei und ist das einzige große Internierungs- und Deportationslager in Frankreich, das so gut erhalten ist. In dem "Sammellager" saßen neben 10 000 anderen auch Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler wie Max Ernst, Hans Bellmer, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever und der Nobelpreisträger Otto Meyeroff ein. Sie warteten auf ihre Freilassung und die Möglichkeit, Europa zu verlassen, viele vergeblich. Ihre Werke, so Chouraqui in seiner Rede, seien heute unerlässlich, um die Geschichte durch Sensibilität, aber auch wissenschaftliche Vernunft zu vermitteln.

Viele leisteten Widerstand mit ihrer Kunst

Ein wesentliches Anliegen der Fondation ist eine gute, lebendige Art der Vermittlung jener dunklen Vergangenheit. Die Autorin Géraldine Schwarz, eine der zwölf Juroren des Preises, wies in ihrer Laudatio explizit darauf hin. Trotz der schwierigen Haftbedingungen leisteten die Künstler Widerstand durch ihre Kunst. Die Gedenkstätte habe nicht weniger als 400 Werke erfasst. Schwarz berichtet auch von ihrem eigenen Empfinden bei der Besichtigung des Ortes und ihre positive Erfahrung mit dem multimedialen Museumsrundgang - "stets eingebettet im breiten historischen Kontext". Vor allem beeindruckend aber sei jener Ausstellungsteil, der ausschließlich dem Bestreben gewidmet sei, aus der Geschichte zu lernen, sie mit der Gegenwart zu verknüpfen und Fragen des Wie und Warum zu stellen. Seit der Eröffnung 2012 werden mit diesen Fragen etwa jährlich 120 000 Besucher, die Hälfte davon Jugendliche, konfrontiert.

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