Landtag Zwei neue Leben für Josef Schmid

"Ich bin ein Typ, der Power braucht", sagt der Landtagsabgeordnete Josef Schmid. Einerseits. Andererseits gibt er zu, dass er "nicht mehr die krasse Termindichte" habe wie früher als Bürgermeister. "Ich habe das Gefühl, dass der Tag entschleunigter ist."

(Foto: Catherina Hess)

Der frühere Münchner Bürgermeister arbeitet jetzt als Landtagsabgeordneter und als Anwalt. Ist das ein neuer Anlauf - oder der Ausklang einer politischen Karriere?

Von Heiner Effern und Wolfgang Wittl

Die Beine von Josef Schmid sind kaum in den Griff zu bekommen. Ständig wippen sie, rauf und runter, im Stakkato. Manchmal legt er eine Hand auf einen Oberschenkel, dann kehrt kurz Ruhe ein. Doch lange dauern diese Phasen nicht, während der frühere Münchner Bürgermeister über sein neues Leben als Landtagsabgeordneter spricht. "Ich bin ein Typ, der Power braucht", sagt Schmid. Er meint damit keinesfalls, dass er als Person zusätzliche Kraft benötigt, sondern dass sein Alltag vor Power nur so strotzen sollte. "Es muss sich was rühren." Dafür hat Schmid selbst gesorgt, denn genau genommen spricht die "kommunalpolitische Spitze der Münchner CSU", wie er sich in den vergangenen Jahren selbst gerne nannte, nicht über ein, sondern über zwei neue Leben, die er begonnen hat.

Im Herbst 2018 ist Schmid nicht nur in den Landtag eingezogen, sondern auch in die Räume einer renommierten Anwaltskanzlei. Zwei neue Berufe, die gut zusammenpassen, findet der frühere Bürgermeister. Er könne in beiden Funktionen "mit Leidenschaft" Interessen von Menschen vertreten. Die der Bürger als Abgeordneter und die der Mandanten als Anwalt. Das sei das, was er gerne mache. Die Umstellung vom hauptberuflichen Bürgermeister sei ihm nicht schwer gefallen, sagt er. Schließlich habe er schon vor seiner Karriere an der Stadtspitze als Anwalt gearbeitet. Und der Münchner Stadtrat sei ein so professionelles Gremium, dass man bei der Arbeit im Landtag nicht von einem Kaltstart sprechen könne, sondern vom "Durchstarten".

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An diesem Donnerstag, an dem er sein neues Leben vorstellt, sind gerade die Bürger dran, nebenan im Plenarsaal des Landtags läuft eine Debatte. Schmid sitzt an einem kleinen Tisch im historischen Lesesaal des Maximilianeums, auf ihn schauen die französischen Minister Kardinal Richelieu und Herzog Sully als Standbilder herab. Ein Posten im Kabinett hätte Schmid wohl auch gefallen, und er hätte ihn sich auch zugetraut, aber als Neueinsteiger muss er sich trotz seiner Erfahrung als Großstadt-Bürgermeister erst mal hinten anstellen. Macht es ihm zu schaffen, dass sein Wort hier am Isarhochufer nicht so entscheidend ist wie lange am Marienplatz im Rathaus? "Der Machtverlust ist nicht schlimm, weil ich keine Selbstgefälligkeit entwickelt habe", sagt Schmid über sich.

Dass sein Büro nur noch in etwa so groß ist wie sein früherer Besprechungsbereich im Rathaus? Kein Problem. Dass er keinen Raum im Maximilianeum, sondern in einem Altbau auf der anderen Seite der Isar erwischt hat? Ist doch schön saniert. Der kurze Spaziergang sei zudem angenehm, sagt Schmid. Absolvieren muss er den ohnehin bloß Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, das sind die Parlamentstage, und auch nur, falls Sitzungen angesetzt sind. Er gehört zwei Ausschüssen an, der eine beschäftigt sich mit Verfassung, Recht, Parlamentsfragen und Integration, der andere mit Wohnen, Bau und Verkehr. Gerade letzterer sei sein Wunsch gewesen, sagt er. "Das sind die Münchner Themen. Und ich bin der einzige Münchner im Ausschuss." Die Interessen der Landeshauptstadt wolle er kräftig, aber auch sensibel vertreten.

Zwischendrin muss Schmid kurz rein in den Plenarsaal, um seine Stimme abzugeben. Viel politische Basisarbeit erlebe er nun wieder, sagt er danach. Die Kollegen vom Land zum Beispiel müsse er überzeugen, dass München für den Nahverkehr Milliarden benötigen wird. An den Abenden und auch zwischendrin mal hat er Zeit, sich um seinen Stimmkreis im Münchner Westen zu kümmern. All das ist aber offensichtlich kein Pensum, das einen schockt, der seit 2014 als Bürgermeister und Wirtschaftsreferent der Stadt München in Personalunion geackert hat. "Ich habe nicht mehr die krasse Termindichte", sagt Schmid. Da sei schon Druck von ihm abgefallen. "Ich habe das Gefühl, dass der Tag entschleunigter ist." Die Woche offensichtlich auch, denn mit seinem neuen Arbeitgeber im Zivilberuf, der Kanzlei GSK Stockmann, vereinbarte er als vollwertiger Partner eine 60-Prozent-Stelle. Schwerpunkte der Kanzlei lägen unter anderem im Baurecht und im Planungsrecht, sagt Schmid. Sie berate aber auch Kommunen. "Da kann ich Sonderwissen einbringen."

Die CSU-Fraktion im Landtag freute sich auch, mit Schmid einen politisch so versierten Abgeordneten zu bekommen. Immerhin hatte er die CSU München erfolgreich als liberale Großstadtpartei etabliert und bei der Kommunalwahl 2014 als Spitzenkandidat ein sehr respektables Ergebnis in schwierigem Umfeld geholt. Eine liberale Stimme mehr könnte man gut brauchen, fanden Abgeordnete aus der eigenen Partei. Das Problem nach einem halben Jahr: Die Stimme von Josef Schmid sei nicht zu hören. "Den gibt's hier gar nicht", sagt ein CSU-Mann über Schmids Wahrnehmbarkeit in der Fraktion. "Unauffällig" ist das am häufigsten gebrauchte Wort über den prominenten Neuzugang. Schmid komme öfter mal zu spät und melde sich nicht zu Wort. Das war ja eine der Fragen, als der frühere Bürgermeister sich entschloss, aus dem Rathaus in den Landtag zu wechseln: Nimmt hier einer einen neuen Anlauf - oder lässt er seine politische Karriere ausklingen?