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Innenstadt:Oktoberfest-Stimmung ohne Oktoberfest

Abgesagtes Oktoberfest - Veranstaltungen und Aktionen

Die Bavaria bleibt trotz Corona nicht unbesucht.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Wirtshaus-Wiesn erlebt einen Traumstart - zumindest aus Sicht der Wirte. Im Rathaus sehen das wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen nicht alle so.

Von Franz Kotteder

Dort, wo das eigentliche Geschehen normalerweise stattfindet, blieb alles ruhig. Schon früh um neun Uhr war die Polizei mit bis zu zehn Kleinbussen auf der Theresienwiese unterwegs gewesen, um die befürchteten Spontanbesäufnisse zu unterbinden. Diverse Gruppen hatten angeblich vorgehabt, den ausgefallenen Wiesnbeginn trotz Corona unterhalb der Bavaria zu feiern. Die Stadt hatte deshalb ein Alkoholverbot für die ganze Theresienwiese von Samstag, neun Uhr, bis Sonntag, sechs Uhr früh, verhängt. Das hatten zwar nicht alle mitbekommen, die Polizei berichtete von einzelnen Gruppen, die mit Biertischen und Bierbänken ankamen. "Die waren aber letztlich alle recht einsichtig", so ein Sprecher der Polizei, "es gab zwar ein paar Platzverweise, aber wir mussten niemand in Gewahrsam nehmen."

Keine Probleme gab es aus Sicht der Polizei auch bei der Wirtshaus-Wiesn: "Uns liegt da nichts vor." 54 Gaststätten - vorwiegend in der Innenstadt und von Wiesnwirten - hatten sich zusammengetan, um gemeinsam unter dem Signum "Wirtshaus-Wiesn" 16 Tage lang "Wiesn-Flair und Lebensfreude", wie sie sagen, in der Stadt zu verbreiten. Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt am Dom und Sprecher der Innenstadtwirte meinte am Sonntag: "Wir sind glücklich, wie schön und friedlich der Start der Wirtshaus-Wiesn verlaufen ist. Die Sehnsucht der Menschen nach Lebensfreude, nach etwas, das auch Mut macht, ist stark spürbar." Auch der Sprecher der Wiesnwirte, Peter Inselkammer, betonte, dass es in erster Linie darum ging, die Wiesn als "ein tiefes Lebensgefühl" ein bisschen aufleben zu lassen. Sein Kollege Christian Schottenhamel freute sich vor allem über die Menschen in Tracht, die es auf den Straßen zu sehen gab: "Das fehlte den Menschen, das zeigt die Wiesn-Sehnsucht."

Die Wirtshaus-Wiesn besteht im wesentlichen darin, dass die beteiligten Lokale bis zum 4. Oktober, der heuer der letzte Wiesn-Sonntag gewesen wäre, das Oktoberfestbier ihrer jeweiligen Brauerei ausschenken, Wiesn-Schmankerl auf die Karte setzen und einschlägige Oktoberfestdeko wie Lebkuchenherzl und Hopfendolden an die Wände hängen. Zum Auftakt am Samstag hatte der Einzelhändlerverband City Partner zusammen mit dem Verein der Münchener Brauereien 15 000 Gutscheine für eine Halbe Bier (oder ein nichtalkoholisches Getränk) ausgesetzt für Kunden, die in Tracht einkaufen und mindestens 50 Euro ausgaben. Wie die Aktion gelaufen ist, war bis Sonntagabend nicht zu erfahren.

Dafür weiß man jetzt genau, wie viele Schläge es beim Anzapfen in den 54 Gaststätten gebraucht hat: exakt 126. Einige Lokale hatten sich Prominente für diese Aufgabe geholt, unter anderem waren Prinz Luitpold von Bayern im Café Luitpold an der Brienner Straße und Monika Gruber in Alfons Schuhbecks Orlando am Platzl zugange. Auch die Brauer griffen zum Schlegel: Andreas Steinfatt von Paulaner am Nockherberg, Michael Möller von Hofbräu im Hofbräuhaus und Georg Schneider von der gleichnamigen Weißbierbrauerei im Schneider Bräuhaus im Tal. Letzterer wurde auch Tagessieger: Ihm genügte zum Anzapfen ein einziger Schlag.

Muntere Stimmung gibts auch trotz Mundschutz, auch im Biergarten Hirschau.

(Foto: Gina Dambrowski)

Dank strahlendem Sonnenschein waren vor allem die Biergärten und Freischankflächen bald voll besetzt - nach Corona-Bedingungen, versteht sich. Auf die achteten die Wirte besonders, denn sie wollen es nach dem gelungenen Auftakt natürlich vermeiden, eventuell neue Einschränkungen auferlegt zu bekommen.

Denn bereits vor Beginn der Wirtshaus-Wiesn war Kritik daran laut geworden. Mediziner warnten vor einer möglichen Infektionsgefahr bei Großereignissen. Die SPD-Fraktionsvorsitzende im Rathaus, Anne Hübner, hatte bereits am Donnerstag getwittert, sie halte die Wirtshaus-Wiesn für ein "komisches Signal, sollten wir morgen die Sieben-Tages-Inzidenz von 50 überschreiten" (inzwischen liegt sie bei 55,59, Stand Sonntagnachmittag). Am Samstag legte Hübner noch einmal nach und sprach von einer "schlechten Idee". In der Innenstadt "feierten Tausende bei reichlich Bier. Als wären die Starkbierfeste des Frühjahrs vergessen." Auch die grüne Stadträtin Gudrun Lux brachte auf Twitter das Ansteigen der Infektionszahlen in Verbindung mit der Wirtshaus-Wiesn: "Ich denke, dass etwaige Einschränkungen zunächst Gastro und Freizeitleben treffen müssen, nicht (wieder) Bildung, Kinder, Familien."

An diesem Montag wird der städtische Krisenstab über die gestiegene Sieben-Tages-Inzidenz beraten. Die Wirtshaus-Wiesn selbst kann er nicht absagen, weil sie keine städtische Veranstaltung ist und die Wirte sich an die Auflagen halten. Die Stadt könnte aber den Ausschank und den Konsum von Alkohol ab einer bestimmten Uhrzeit generell untersagen.

© SZ vom 21.09.2020
Man and boy stand on hill at Munich's Theresienwiese where Oktoberfest would have started

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