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Öffentliche Dachterrasse im Werksviertel:Drinks in 80 Metern Höhe

Aussicht Werk 4 Werksviertel

So schaut's aus, wenn man von der künftigen Dachterrasse auf die Stadt blickt. Nicht schlecht.

(Foto: Jana Jöbstl)

Das Werk 4 steht Vier-Sterne-Hotelgästen und Backpackern ebenso offen wie allen Münchnern.

Von Sebastian Krass

Eine Sache, auf die man sich in diesem Jahr in München freuen kann? Unbedingt der Blick von hier oben aus, vom Dach des "Werk 4", dem neuen Hochhaus im Werksviertel am Ostbahnhof. Zugspitze, Olympiapark, Neuperlach, Frauenkirche - 360 Grad, das volle Programm. Im Spätsommer soll das Adina-Hotel im oberen Teil des Turms eröffnen, und mit ihm auch die Bar ganz oben, samt Zugang zur Dachterrasse.

Der oberste Bereich eines Hochhauses soll nicht nur für seine Nutzerinnen und Nutzer zugänglich sein, sondern für die ganze Stadt - diese Forderung spielt eine immer größere Rolle, wenn es um das Bauen in die Höhe geht. Schließlich strahlt das Hochhaus auf weite Teile der Stadt aus, da sollen es die Menschen nicht auch nur aus der Froschperspektive betrachten, sondern auch den Ausblick erleben dürfen. Im höchsten Gebäude des Werksviertels, dieses städtebaulichen Großprojekts am Ostbahnhof auf einem ehemaligen Industrie- (Pfanni, Optimol, Zündapp, Konen) und späteren Partyareal (Kunstpark Ost), wird die Idee verwirklicht.

Hier bin ich, und wo ich bin, ist das Werksviertel: Der schwarze Turm ist "ein Hochhaus, das so nur an dieser Stelle passieren konnte", sagt Architekt Johannes Ernst.

(Foto: Robert Haas)

Und ja, dieses Hochhaus, vom Münchner Büro Steidle Architekten für den Bauherren und Pfanni-Erben Werner Eckart und seine Firma Otec entworfen, soll sich nicht schlank in ätherische Höhen schrauben wie manch anderes Projekt (das in der Realität dann eh nicht so ätherisch wirkt wie in der Simulation). Dieses Gebäude sollte von Anfang an mit seinen 86 Metern Höhe, 40 Metern Breite, mit der dunklen Fassade und der markanten Auskragung in der Gebäudemitte ein Statement setzen: Hier bin ich, und wo ich bin, ist das Werksviertel - und wem das zu mächtig ist, soll halt woanders hinschauen. Tatsächlich wirkt das Gebäude trotz seiner im überregionalen Vergleich eher putzigen Hochhaus-Höhe durchaus als ein "Stadtzeichen", von denen in der neuen Münchner Hochhaus-Studie die Rede ist: Wenn man zum Beispiel über die A 8 von Süden auf München zufährt, ist es schon von Ferne zu sehen. Und wenn man durch die Sedanstraße Richtung Ostbahnhof läuft, dann dominiert es von hinten die Haidhauser Gründerzeit-Szenerie.

Das Werk 4 ist auch in der Konstruktion ein spezielles Gebäude. Denn die 35 Meter hohen Pfanni-Kartoffelsilos, die später zur Kletterhalle "Heaven's Gate" wurden, sind in den Bau integriert. Die Silos sind statisch so stabil, dass sie als Sockel für einen achtgeschossigen Aufbau taugten - beides zusammen bildet den hinteren Teil des Hochhauses. Der vordere Teil ist 25 Geschosse hoch und hat in der Mitte die dreigeschossige Ausbuchtung. "Es ist ein Hochhaus, das so nur an dieser Stelle passieren konnte", sagt Architekt Johannes Ernst vom Büro Steidle. "Oft sehen Hochhäuser von jeder Seite gleich aus, dieses hat vier unterschiedliche Seiten."

Die Konstruktion spiegelt sich auch in der Nutzung wider: Das Werk 4 wird ein Hotel-Turm mit Kletterhalle. In den 16 Silos werden die Vereine, die sich zur Interessengemeinschaft (IG) Klettern zusammengeschlossen haben, das "Heaven's Gate" wieder eröffnen. In den unteren sieben Geschossen des vorderen Gebäudeteils wird die aus Wien stammende Hostelkette Wombat's eine Filiale mit 500 Betten in 31 Doppel- und 100 Mehrbettzimmern eröffnen, mit Preisen, "die bei 20 bis 30 Euro pro Bett starten", wie Geschäftsführer Marcus Praschinger sagt. Darüber wird die aus Australien stammende Kette Adina ein Apartment-Hotel mit 232 Zimmern im Vier-Sterne-Bereich, von denen jedes auch eine kleine Küche hat, betreiben. "Wenn das Haus voll belegt ist, schlafen da 1000 Menschen", sagt Architekt Ernst.

Aber wie planen die Hotel-Betriebe in Corona-Zeiten die Eröffnung? Sie haben es auf jeden Fall besser getroffen als die Leute vom Gambino-Hotel nebenan im Werk 17, das im vergangenen Mai, also in die gerade aufgezogene Pandemie hinein, eröffnet hat und seitdem nur im Notbetrieb läuft. Marcus Praschinger, der in München bereits eine Wombat's-Filiale nahe dem Hauptbahnhof betreibt, sagt, erwarte die Übergabe der Räumlichkeiten Ende April und rechne derzeit mit einer Eröffnung zum 1. August, "aber mit aller Unsicherheit". Allerdings sei er auch auf einen anderen Start eingestellt, als man es vor Corona hätte hoffen können: "Wir gehen davon aus, dass es kein Oktoberfest in dem Sinne geben wird, wie man es kennt."

Architekt Johannes Ernst (rechts) hat das Werk 4 gemeinsam mit Johann Spengler geplant.

(Foto: Robert Haas)

Bei Adina plant man noch etwas vorsichtiger. "Wir hoffen, dass wir noch im Spätsommer, Ende August, Anfang September eröffnen können", sagt eine Unternehmenssprecherin und betont, dass das natürlich unter dem Vorbehalt der Corona-Entwicklung stehe. Natürlich würde auch Adina gern ein Oktoberfest und die IAA in der ersten September-Hälfte mitnehmen. Generell aber ist das Geschäftsmodell eher auf Aufenthalte von ein, zwei Wochen bis zu sechs Monaten ausgelegt, als Beispiele für die Zielgruppe nennt die Sprecherin "Botschaftsmitarbeiter, Unternehmensberater und Projektmitarbeiter".

Es könnte interessante Momente geben, wenn sich - ein bisschen Corona-Zuversicht vorausgesetzt - an einem goldenen Spätsommerabend eine Backpackerin aus Schottland, ein Konsulatsmitarbeiter aus Brasilien und ein Werksviertel-Nachbar aus Berg am Laim zum Sundowner in gut 80 Metern Höhe treffen.

© SZ vom 10.04.2021
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