Handwerk und Tradition:Kerzen-Sprechstunde für Notfälle

Verstopfungen entstehen, wenn Ruß vom Docht oder Staub in die Brennschale gelangen, wie die Aushöhlung mit dem flüssigen Wachs genannt wird. "Passiert oft bei Tauf- oder Hochzeitskerzen", sagt Fürst. Oder wenn der Docht gerade steht und deshalb nicht sauber am Ende verbrannt wird, sodass Ruß und Rückstände in der Brennschale landen. Die werden in den Docht gesaugt, der verstopft und wird kürzer, weil er nicht genug Wachs bekommt; er rußt weiter, flackert, bis die Kerze zu Fürst spricht: Hilfe!

Handwerk und Tradition: Die Guillotine macht aus einem Kerzenschlauch einzelne Kerzen.

Die Guillotine macht aus einem Kerzenschlauch einzelne Kerzen.

(Foto: Robert Haas)

In Fürsts Laden am Dom gibt es eine Art Kerzen-Sprechstunde. Kunden bringen ihre Kerzen zu ihm und er berät sie, was zu tun ist. "Manchmal reicht es schon, sie zehn Zentimeter weiter nach links und aus dem Zug zu stellen."

Die vom Kerzen-Guru sind meistens gesund, was auch seinen Preis hat. Eine Altarkerze, 30 Zentimeter lang, drei Zentimeter dick, kostet drei Euro. Sie ist aber eben auch handgezogen und mit einer Schmelzschutzschicht umgeben, die am zweiten Tag dazukommt.

Fürst stellt sich dafür an das sogenannte Tunkkarussel in der Werkstatt, an dem Kränze mit je zwölf an den Dochten aufgehängte Kerzen hängen. So werden sie in Kessel mit flüssigem Wachs getaucht. Hier kommen die Farben an die Kerze, wenn sie farbig werden soll. Vor allem wird für das Karussell mehr Hartwachs verwendet, das einen höheren Schmelzpunkt hat. "So entsteht eine zwei Millimeter dicke Außenschicht, die das Tropfen verhindert, weil sie länger fest bleibt, sodass sich die Brennschale eher nach unten vergrößert", sagt Fürst. Den gleichen Effekt haben auch die Lufteinschlüsse.

Zahlen und Tipps

790 000 Tonnen Kerzen wurden laut Bayerischer Kerzeninnung im Jahr 2018 europaweit verkauft. "Das entspricht statistisch gesehen 1,55 Kilogramm Kerzen pro EU-Bürger, vom Säugling bis zum Greis", sagt der Innungsvorsitzende Wolfgang Reich. Deutschlandweit gibt es derzeit noch 45 Mitglieder der Innung. Einer von ihnen ist Franz Fürst, der vorletzte Wachsziehermeister Münchens war sein Bruder Bernhard, der vor einem Jahr gestorben ist. Seit 1862 besteht die Wachszieherei, mit Franz Fürst arbeitet die fünfte Generation in diesem Beruf und verkauft am Dom. Dessen Urgroßvater Franz Xaver Sagmüller war Geselle bei Joseph Luckner, der 1862 die Zieherei gründete. Die Tipps und Tricks sind über die vielen Jahre gleich geblieben. Der Docht einer normalen Tischkerze sollte demnach nicht länger als ein bis eineinhalb Zentimeter sein und an einem Platz ohne Zugluft stehen. Zugluft stört die vollständige Verbrennung, die Kerze rußt und tropft. Wenn die Flamme einzugehen droht, ist der Docht zu kurz. Dann sollte man die Kerze löschen und etwas Wachs abgießen. Bleibt ein zu hoher Rand einer Kerze stehen, sollte man ihn nach dem Löschen der Kerze ein wenig abschneiden. SZ

Tropfen entstehen, wenn zu viel Wachs durch die Flamme flüssig wird. "Da Luft isolierend wirkt, haben die kleinen Lufteinschlüsse zwischen den Wachsschichten den Effekt, dass die Temperatur nach außen hin in der Kerze schnell abnimmt." Der Rand bleibt fest, die Kerze tropft nicht. "Außerdem leuchtet eine Kerze mit Lufteinschlüssen stärker, weil Licht durch Luft besser durchstrahlt als durch Wachs."

Die Kerzen werden zum Schluss noch einmal gerollt, dann liegen sie bereit, Elfenbeinfarben, zu Dutzenden gestapelt, für lange Abende oder hohe Kirchenschiffe.

Wachszieherei Fürst in München, 2017

Auf dieser Maschine entstehen die gezogenen Kerzen. Ein 220 Meter langer Faden läuft über die beiden Trommeln und wird immer wieder in der Mitte in das Becken mit der heißen Wachsmischung eingetaucht, sodass den Faden nach einem Tauchgang ein halber Millimeter Wachs mehr umgibt.

(Foto: Robert Haas)

Kirchen sind Großkunden bei Fürst. Generell sind derzeit vor allem dicke kleine Kerzen gefragt, sagt Wolfgang Reich von der Bayerischen Wachszieher-Innung. "2018 waren das durchgefärbte Stumpenkerzen mit rustikaler Oberfläche." Reich sieht die Entwicklung der Branche mittlerweile gelassen. Zwar seien die Importe der Billigkonkurrenz aus China wieder gestiegen, aber die Qualität lasse sich schlicht nicht mit europäischer Ware vergleichen. Da gibt es dann eben Nischen für Meister wie Fürst.

Neben den Kirchen hat Franz Fürst immer mehr Stammkunden, weil nach einem Besuch in der Kerzen-Sprechstunde "die meisten keine Billig-Kerzen mehr kaufen". Die sind aus reinem Paraffin, was man daran erkennt, dass das flüssige Wachs durchsichtig ist. Und nicht trüb wie bei Fürsts Kerzen. Fürst mosert in seiner Sprechstunde gekonnt über die Industriefertigung in China, wo Paraffin zu Kerzen gepresst wird, und auch ein bisschen über die Großproduktionen für gegossene Kerzen, "da wird so viel produziert, dass die zum Teil 200 Tonnen flüssiges Wachs am Tag angeliefert bekommen". Dann holt er aus zur Lobpreisung für das gezogene Wachs.

Er beginnt mit einem historischen Abriss, dass die Mönche in Klöstern zuerst Kerzen aus Talg und Bienenwachs herstellten. Später, als das Licht elektrisch wurde, war die Kerze wichtig fürs Ambiente. Fürst sagt: "Eine Flamme ist lebendig, sie hat eine Ausstrahlung, das ist einfach ein stimmungsvolles Licht." Ein kurzer Kirchenschwenk. "Die Kerze verkörpert ja noch immer auch Jesus, der sich verzehrte für die Menschen." Ein Seitenhieb auf die Konkurrenz. "Also bei Opferlichtständern mit LED - dann lasst's es lieber ganz." Und zurück zur Lobeshymne auf das Wachsziehen, dessen Erzeugnisse am Dom in fünfter Generation und seit nun 157 Jahren verkauft wird. "Wie ein Lagerfeuer oder ein Kamin, ein Licht, das man stundenlang anschauen kann, das sich immer ändert."

Und selbstverständlich hat Fürst bei sich zu Hause in Sendling, hundert Meter von der Werkstatt entfernt, auch Kerzen im Einsatz, die er pflegt. Den Docht zurückschneiden, wenn er länger als einen Zentimeter ist, in die richtige Position stellen im Raum. Und am Ende, wenn er eine Kerze ausbläst, lässt der Profi natürlich keine Rauchschwaden aufsteigen. Einer wie Franz Fürst besitzt eine Dochtzange und drückt damit die Dochtspitze kurz in die Brennschale, damit sie nicht rußt und auch am nächsten Tag wieder mit ihm spricht.

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