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Vogelzählung des LBV:Amsel, Drossel, Zilpzalp und Star

Eichelhäher

Im vergangenen Winter wurden auffallend häufig Eichelhäher gezählt. In diesem Jahr wird es wohl nicht so viele Sichtungen geben, glaubt die Ornithologin Sophia Engel.

(Foto: Tim Brakemeier/dpa)

Die "Stunde der Wintervögel" wurde in München ins Leben gerufen. Inzwischen findet die alljährliche Vogelzählung sogar in Tschechien statt. Auch interessierte Laien können sich an dem wissenschaftlichen Projekt beteiligen.

Von Thomas Anlauf

Für viele Münchner ist es zu einer liebgewonnenen Tradition geworden, Anfang Januar Vögel auf dem Balkon, im Garten oder Park zu beobachten. Es ist die "Stunde der Wintervögel", die in diesem Jahr von 8. bis 10. Januar vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) ausgerufen wird. Die alljährliche Vogelzählung wurde tatsächlich in München von LBV-Geschäftsführer Heinz Sedlmeier ins Leben gerufen, zunächst wurden ausschließlich in der Stadt und im Landkreis München am Dreikönigstag Vögel gezählt. Einige Jahre später weitete sich die Aktion auf ganz Bayern aus, seit einem Jahrzehnt findet die Vogelzählung nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in Österreich statt, seit 2019 beteiligt sich auch Tschechien. Die Stunde der Wintervögel gilt als größtes wissenschaftliches Projekt in Deutschland, an dem sich auch interessierte Laien beteiligen können.

"Das sind unglaublich wichtige Datenschätze", sagt Sophia Engel. Die stellvertretende LBV-Geschäftsführerin in München beobachtet seit Jahren, wie sich die Zahl der Vögel und die Vogelarten in der Stadt verändern. Im vergangenen Winter etwa gab es ein besonderes Phänomen: Die Teilnehmer zählten auffallend häufig Eichelhäher. Die bunt gefiederten Tiere, die zur Familie der Rabenvögel zählen, sind in München eigentlich eher seltene Wintergäste. Doch 2018 gab es in den Brutgebieten des Eichelhähers im Baltikum und Skandinavien ein Eichelmastjahr; entsprechend viel Nahrung fanden die Vögel und die Überlebenschancen im Winter waren sehr groß. Die Population wuchs derart stark an, dass sich im Jahr darauf besonders viele Eichelhäher auf den Weg nach Süden machten. In München war im Januar 2020 jeder fünfte gesichtete Vogel ein Eichelhäher. In diesem Jahr wird es wohl nicht so viele Sichtungen geben, glaubt Ornithologin Engel.

Weil die Winter nicht mehr so streng sind, bleiben kleinere Zugvögel oft in der Stadt

Dafür könnten zunehmend Hausrotschwanz, Zilpzalp oder auch der Star im Winter, aber auch die Wacholderdrossel gesichtet werden. Sie zieht im Winter häufig aus Polen und dem Baltikum in Richtung Südwesten. Vereinzelt kam auch schon der Bergfink in München an. Grundsätzlich gilt bei den Zugvögeln: "Wer spät loszieht, hat dann eine eisige Alpenüberquerung vor sich", sagt Sophia Engel. Das bedeutet ziemlichen Stress und im Extremfall den Tod. Deshalb bleiben viele kleinere Zugvögel, die eigentlich weiter in Richtung Mittelmeer fliegen würden, in München, wo es im Winter wegen des Klimawandels mittlerweile oft mild genug ist. Gerade in der Großstadt gibt es auch im Winter noch ausreichend Nahrung und die Temperaturen liegen häufig um mehrere Grad höher als im Umland.

Bei der Vogelzählung in München entdeckten die Teilnehmer in den vergangenen Jahren mit Abstand am häufigsten Kohlmeisen. Auch viele Rabenkrähen machen es sich besonders im Winter in der Stadt gemütlich. Dann treten sie auch in regelrechten Schwärmen auf, unter die sich auch Saatkrähen mischen. Im Sommer ziehen viele weiter. Wer aber ein eigenes Revier in der Stadt hat, verteidigt es im Frühjahr und Sommer vehement gegen Artgenossen. Grundsätzlich gilt: Rabenkrähen leben vorzugsweise in der Stadt und ernähren sich von praktisch allem, was sie finden können und genießbar ist. Saatkrähen dagegen sind bei ihrer Nahrungssuche deutlich spezialisierter als die Rabenkrähen und sind deshalb eher auf dem Land auf Feldern und Äckern zu sehen.

Zu den Spitzenreitern der Münchner Wintervögel zählen traditionell auch die Amseln und die Blaumeisen. Dabei waren beide Arten in den vergangenen Jahren von verschiedenen Krankheiten betroffen. Die Amsel ist besonders anfällig, an dem im Sommer auftretenden Usutu-Virus zu erkranken, die Blaumeise wiederum stirbt häufig an einer Lungenentzündung, die durch das Bakterium Suttonella ornithocola hervorgerufen wird. Doch während das Meisensterben vergangenes Jahr erstmals in Deutschland massenhaft auftrat, zählten die Münchner Vogelkundler bislang kaum tote Blaumeisen. Ob sich die Krankheit in diesem Winter dennoch auch auf die Münchner Population auswirkt, muss die Vogelzählung ergeben, eine Zählung im vergangenen Frühjahr hatte ergeben, dass knapp ein Fünftel weniger Blaumeisen gesichtet worden waren als in den Jahren davor.

Die Naturschützer rechnen damit, dass sich wieder zahlreiche Münchner an der Wintervogelzählung beteiligen werden. Gerade der Lockdown hat viele Menschen für die Natur vor ihrer Haustür sensibilisiert. Da auch Zehntausende Münchner im Homeoffice arbeiten, könnte es durchaus sein, dass die Menschen deutlich mehr Vögel sehen als vom Büro aus.

© SZ vom 05.01.2021/van/syn/sonn
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