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SZ-Serie: Urlaub in München:Was ist schon die Isar im Vergleich zur Würm?

Wer bei einer Würm-Wanderung mehr über den Fluss erfährt, hält die Landschaft sauber, hoffen die Würmrangerinnen Ursula Schleibner (rechts) und Rita Demmel.

(Foto: Catherina Hess)

Der Fluss ist ein großer Naturschatz für den Münchner Westen. Er bietet eine erholsame Wanderstrecke direkt am Wasser, vorbei an Bibern und Bachforellen - und zu lernen gibt es auch viel.

Eigentlich lustig: München ist "die Stadt an der Isar", und natürlich ist der Gebirgsfluss attraktiv. Die Isarauen in München sind beliebt, und selbst Affen und Eisbären haben ihren Spaß damit, weil die Isar auch die Wasserläufe im Tierpark speist. Aber was ist das schon gegen die Würm? Sie ist zwar die Kleinere, aber die Feinere und die Nützlichere, findet Ursula Schleibner: Die Würm speist den See um Schloss Blutenburg, die prächtige Fontäne im Nymphenburger Schlosspark, ja selbst den Olympiasee und den Schleißheimer Schlosskanal. Auf 10,25 Kilometern durchschneidet sie die Stadt im Westen und bietet eine erholsame Wanderstrecke direkt am Fluss, bei Biber und Bachforelle. Eine grüne Oase, in der es rauscht, gluckst und flimmert.

Ursula Schleibner ist Münchnerin mit der Wohnadresse "An der Würm" in Obermenzing. Ihr Herz schlägt eindeutig für jenen Flusslauf, welcher das Wasser aus dem Starnberger See (der bis 1962 Würmsee hieß) 39,75 Flusskilometer weit zur Amper, und von dort zu Isar, Donau und Schwarzem Meer ableitet. Obendrein hat die ehemalige Lehrerin den Verein "Würmranger" initiiert, ihn mit der Stiftung der Schimpansenforscherin und UN-Friedensbotschafterin Jane Goodall vernetzt, viele lokale Mitstreiter gefunden und - man darf das so sagen - die Wiederentdeckung eines großen Naturschatzes für Pasing und Obermenzing auf vielen Kanälen begleitet oder angestoßen. Das reicht von einer Renaturierung in Obermenzing, kurz vor der (Untermenzinger) "Inselmühle", auf gut 250 Flussmetern, wo die überall begradigte Würm nun mäandert und zum Fußbad einlädt, bis hin zu einer "Würm App" der Stadt München, einem praktischen digitalen Lehrpfad (siehe "Tipps"). Außerdem hat sie acht informative Audio-Stationen auf dem Weg versteckt, die sich über einen QR-Code auf Messingplaketten per Handy aufrufen lassen - mit Würm-Erklärtexten, die sie mit Schülern erarbeitet hat (auch auf der Vereinshomepage unter www.wuermranger.org abrufbar).

Da lernt man, dass die Würm einst einer der großen Mühlenflüsse Bayerns war, und um die Jahrhundertwende vor 120 Jahren auch noch gesegnet war mit zwei Dutzend Badeanstalten. Wer's ruhig wollte, so ergänzt die Würm-Expertin Schleibner, schwamm im ruhigen Staubecken, die Jugend suchte das Badeabenteuer im Mühlschuss. Die Badeanstalt Inselmühle in Untermenzing öffnete sich sogar der "Freikörperkultur" - was den "Stoderern" (Städtern), die herauskamen, deutlich besser gefallen haben soll als den örtlichen Bauern.

Wer das alles selbst erfahren will, kann die Tour verschieden lang gestalten. Würmrangerin Schleibner und ihre Mit-Rangerin Rita Demmel aus Untermenzing, die zudem noch Kräuterpädagogin ist, empfehlen: In Gräfelfing an der Würmbrücke am Weinbuchweg beginnen und bis zur "Inselmühle" in Untermenzing laufen, das sind knappe acht Kilometer, immer mit dem Fluss, und sowohl am Einstieg wie am Ausstieg mit Omnibushaltestellen in nächster Nähe (Weinbuchweg Gräfelfing; Von-Kahr-Straße, München-Untermenzing). Wer möchte, kann abkürzen und erst im Stadtpark Pasing beginnen, dann sind es nur noch rund fünf Kilometer (bei einem Einstieg in Höhe des Karlsgymnasiums oder des Hugo-Fey-Wegs).

Blickt man in Gräfelfing, wo es auch gleich zu Beginn der Tour einen renaturierten Bereich nebst "Trittstein-Biotop" gibt, ins Wasser, so fließt es langsam und gemächlich im meist etwa 40 Zentimeter tiefen Bett. Der Name der Würm wird oft hergeleitet vom keltischen "wirmina", 'die schnell Strömende', was der früheren Isar-Namensdeutung ('die Reißende') ziemlich ähnelt. Aber Obacht: Bis zur Mündung in die Amper hat die Würm ein Gefälle von 114 Metern. Die Isar weist auf vergleichbarer Strecke nur 80 Meter Gefälle auf, die Amper 64 Meter. Bei Schlossfontäne, olympischen Wasserspielen und Gefälle liegt also die Würm klar vor der Isar.

An Parkbänken sammeln die beiden Frauen Kippen ein und bringen Schilder an.

(Foto: Catherina Hess)

Sie böte sich zudem viel besser an, um wieder ein Münchner Flussbad anzulegen, findet Rita Demmel. Die Isar leide nämlich stärker unter Hochwasser und sei nur wenige Tage im Jahr für so ein Flussbad nutzbar. Die Würm hingegen wäre ideal geeignet, da könnte eine alte Tradition wieder aufleben, findet sie. Und zum Kneippen auch ohne so eine teure, übertriebene Anlage wie in Allach bestens nutzbar, ergänzt Schleibner. Eine Treppe runter in den Fluss, ein paar Stangen, fertig.

Beim Wandern kommt man an einer naturnahen Magerwiese in Gräfelfing vorbei, wo der blaue Lein wächst, überquert die neun Fahrspuren der Autobahn A96 im Bereich der Ausfahrt Gräfelfing, während die Würm unter der Autobahn durch die Röhre fließt. Im Pasinger Stadtpark dann kann man ausgewachsene Hainbuchen bewundern. "Eisenholz" wurde das genannt, früher seien Zahnräder draus gesägt worden, weiß Demmel. "Viele kennen das nur als Hecke, hier sind's schöne Bäume", erkennbar auch an Stämmen, die sehnigen Armen gleichen. An der Helios-Klinik Pasing passiert man die ehemalige Hallermühle - heute eine Top-Wohnanlage am Staubecken. Dort, an einem Wegabzweig, bietet jemand eine spezielle "Biber-Nachtwanderung" an, buchbar per Mail. Die Bäume entlang der Würm tragen oft "Biberhosen", also schützende Drahtgitter. Ab und an sieht man auch eine Biberburg: einen Verhau von Ästen, bei denen frisch angenagtes Holz verrät, dass die Burg bewohnt wird.

In Pasing erreicht man an der Bodenseestraße, Höhe Manzingerweg, das alte Flussmeisterhäusl mit der Aufschrift "anno domini 1825". Auch das Freistaat-Bayern-Schild prangt nicht zufällig dran, das Haus gehört der Verwaltung der bayerischen Schlösser und Seen, und der dortselbst angestellte Flussmeister wacht über den Abzweig, wo der Nymphenburg-Kanal sein Würmwasser holt. Barockfürst Max Emanuel ließ das 1701 einrichten - die Müller mit ihren wasserbetriebenen Mühlen beklagten sich damals bitter, weil Wasserkraft fehlte fürs Mahlen. Bald darauf, am Pasinger Bahnhofsplatz, passiert man das ehemalige Wasserpumpwerk, das Würmwasser zum Münchner Hauptbahnhof transportierte: Die Dampflokomotiven, so hatte sich herausgestellt, verkalkten mit dem Münchner Trinkwasser stark - das Wasser der Würm hingegen war weich und ärmer an Kalk.

Am Pasinger Bahndamm weist Rita Demmel dann auf einen unliebsamen Eindringling hin: den Japanknöterich. Der Neophyt überdeckt alles, wurzelt bis zwei Meter tief, ist mehrjährig und weitaus lästiger als etwa das indische Springkraut. Teils werden Uferbereiche mit Folie für Jahre abgedeckt, um die Ausbreitung zu verhindern. Die Würmranger schneiden die Knöteriche in Uferbereichen immer wieder ab - und Demmel hat ihren eigenen Weg der Bekämpfung gefunden: Sie kocht Marmelade aus den Stängeln, die wie Rhabarber verarbeitet werden und ähnlich säuerlich schmeckten. Bewährt sei die Variante Japanknöterich-Erdbeer. Außerdem bauen die Würmranger Insektenhotels mit den Stängeln.

Info

Die leichte Wanderung von der Würmbrücke Weinbuchweg in Gräfelfing bis zur Inselmühle/Von-Kahr-Straße in München-Untermenzing entlang der Würm ist gut als Würm-Radweg ausgeschildert. Sie lässt sich vor- und nachbereiten über eine "Würm App" der Stadt München, die gratis unter www.wuermentdecken.de aufzurufen ist (ist keine wirkliche App, dennoch sehr zu empfehlen). Die Zeitdauer der ganzen Tour von rund acht Kilometern hängt stark davon ab, ob man einfach durchmarschiert oder mal die Beine baumeln lässt - oder vielleicht sogar Pflanzen mithilfe der genialen Gratis-App "Flora incognita" bestimmen möchte. Zudem gäbe es Einkehrmöglichkeiten am Pasinger Bahnhofsplatz (nach gut vier Kilometern), an der Blutenburg (knapp sechs Kilometer), im indischen Restaurant "Sidharta" (6,2 Kilometer), wo man an einem alten Mühlwehr speist, beim "Alten Wirt" (6,5 Kilometer) und im Biergarten der "Inselmühle" am Ende der Tour. Mehr über die "Würmranger" unter: http://wuermranger.org/ soy

Unterwegs sammeln Demmel und Schleibner auch noch die viel zu vielen Zigarettenkippen an Parkbänken auf. Eine Kippe vergiftet 60 Liter sauberes Grundwasser. Die zwei Frauen kleben selbstgedruckte Hinweisschilder auf die Parkbänke, auch ganz am Ende der Tour, wo kurz vor der "Inselmühle" am rechten Würmufer von so einer Bank aus noch ein kleiner Urwald - ein "Auwaldrest" - zu besichtigen ist: "Wir haben hier viele Zigarettenkippen aufgesammelt. Taschenaschenbecher halten wir für eine gute Sache."

Eine gute und obendrein meditative Sache ist auch so eine Würm-Wanderung. Wer mehr erfährt über seinen Fluss, achtet ihn und hält die Landschaft sauber, hofft Ursula Schleibner. Und so, wie die Isar ihren Isarindianer in München hat, hat auch die Würmrangerin Schleibner einen Draht zu indianischem Naturrespekt: "Der Klang des rauschenden Wassers ist heilend", davon ist sie überzeugt. "Diesen Klang nimmt man beim Einatmen auf - und beim Ausatmen lässt man seine ganzen Sorgen im Fluss davonschwimmen."

© SZ vom 02.06.2020/huy
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