Neuer Graffiti-Reiseführer:Auf Münchens Farbspuren

Nur für Buchbesprechung

Typisch für München, das sind Bier, Brezn und natürlich das Münchner Kindl. Das kann man auch als Graffito abgebildet auf einem Straßenpfeiler entdecken.

(Foto: Martin Arz)

Martin Arz hat einen Streetart-Reiseführer für Münchner herausgebracht und es damit auf die Liste "Bayerns beste Independent-Bücher" geschafft.

Von Jürgen Moises, München

Typisch für München? Das sind, zumindest dem Klischee nach, Weißwürscht, Brezn, das Münchner Kindl, Trachten und das Bier. Und so verwundert es einen nicht, dass es diese auch als wiederkehrende Streetart-Motive in den hiesigen Straßen zu finden gibt.

Wobei wir damit bei etwas weiterem, typisch Münchnerischem wären. Nämlich Streetart und Graffiti. Dass es das im sauberen München überhaupt gibt, das ist für manche vielleicht immer noch erstaunlich. Dabei weiß man längst, dass die deutsche Graffiti-Szene größtenteils von München ausging. Ein paar Beispiele: Im Jahr 1970 schrieben Unbekannte das Wort "Heiduk" an die Hauswände, von 1983 an malte ein gewisser Ray lustige Comic-Figuren darauf und im März 1985 gingen sieben junge Männer in die Street-Art-Geschichte ein, als sie im Bahnhof Geltendorf eine S-Bahn der Linie S4 besprühten.

Darunter war Mathias Köhler alias Loomit, der heute zu den bekanntesten deutschen Streetart-Künstlern zählt und noch immer sehr aktiv ist. Auch sonst ist die Münchner Streetart-Szene heute noch äußerst lebendig. Zudem haben internationale Stars wie Blek Le Rat oder Shepard Fairey hier gewirkt. Nur dass man das aufgrund des Primats von Laptop und Lederhose, High-Tech und Hochkultur gerne mal übersieht oder vergisst.

Und genau hier kommt der Autor, Künstler und Verleger Martin Arz ins Spiel. Der schreibt schon seit einigen Jahren Bücher über Streetart und macht in München regelmäßig Streetart-Touren. Vor ein paar Wochen hat er in seinem eigenen Hirschkäfer-Verlag mit "Streetart München" einen "Reiseführer für Münchner" vorgelegt und es damit nun auf die Empfehlungsliste "Bayerns Beste Independent Bücher 2021" geschafft. Die Begründung der Jury: "Eine großartige Zeitkapsel, eine würdige Hommage an die unendliche Kreativität von Street und Urban Art."

Nur für Buchbesprechung

Arz' Radtouren und Spaziergänge führen unter anderem auf die Spuren des Krümelmonsters.

(Foto: Martin Arz)

Wer das vor drei Jahren erschienene, inzwischen vergriffene Buch "Munich Walls. Urban Art auf Münchens Wänden" von Arz gelesen hat, dem dürfte darin jedenfalls einiges bekannt vorkommen. Weil der neue "Reiseführer", wie der Autor auch im Vorwort schreibt, "in großen Teilen" darauf basiert.

Eine reine Wiederauflage oder gar Mogelpackung kann man das Buch trotzdem nicht nennen. Weil es dann doch so einige sehens- und lesenswerte Neuerungen darin gibt. Die Wichtigste zuerst: Es gibt je zwei ausgesuchte, in Form von Texten, Karten und vielen Bildern präsentierte Fahrradrouten und Spaziergänge, welche das Buch zu einem großen Teil neu gliedern. Hinzu kommen ein neues Interview mit Loomit, das Kapitel "Typisch!", wo man die erwähnten Weißwürscht oder Brezn sieht, und mit "Erinnerungen" eine Rubrik, in der Streetart-Interims-Projekte wie "Westend Stories" oder das "Kunstlabor" vorgestellt werden.

Geblieben ist der Einleitungstext, in dem Arz sehr kompakt und informativ die "Streetart-Geschichte" in München zusammenfasst. Auch das Gespräch mit "Mama Graffiti" alias Astrid Weindl gibt es noch. Diese hat von 1999 bis 2018 die Jugendkultureinrichtung Färberei in München geleitet und war als Ermöglicherin und Kämpferin für die hiesige Streetart eine extrem wichtige Figur. Das Interview mit Loomit ist dazu eine gute Ergänzung, weil es darin vor allem um seinen individuellen Antrieb, seine Leidenschaft für Graffiti geht, die ihn als Teenager dazu gebracht hat, den Bahnhof, den Supermarkt, das Freibad in Buchloe anzusprühen, von wo aus es dann nach München und in die ganze Welt ging.

Nichts ist von Dauer und jedes Bild kann morgen verschwunden sein

In München hat Loomit beispielsweise in der Fußgängerunterführung unterhalb des Friedensengels Farbspuren hinterlassen. Dort beginnt die Fahrradroute 1, für die man mindestens zwei Stunden einrechnen soll und die hier beispielhaft erwähnt sei. Wer sich von dort aus auf den Weg macht, kommt unter anderem an der Muffathalle vorbei und dort an den rotweißen Comic-Szenarien von Mehmet & Kazim aus München. Man trifft in der Unterführung Ludwigsbrücke Figuren des berühmten brasilianischen Bruder-Duos Os Gêmeos, die man an den übergroßen Gesichtern und dünnen Gliedmaßen erkennt. An der Brudermühlbrücke begegnet man Relikten der von der Färberei organisierten Graffiti-Aktion "Isarart" und in der Tumblingerstraße erwartet einen die letzte für alle offene Münchner "Hall of Fame", die entsprechend regelmäßig neu besprüht wird.

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Graffiti an der Mauer - was heute da ist, kann morgen schon übermalt sein.

(Foto: Martin Arz)

Auch der Zielpunkt, der Alte Viehhof, war bei den Künstlern ein beliebter Ort, und 2015 und 2016 wurde dort das Urban Art Festival "Deadline" abgehalten. Seit dem Bau des neuen Volkstheaters und dem Abriss der "Deadline"-Wände ist das alles weitgehend Geschichte.

Und das ist etwas, worauf man sich allgemein bei Streetart einstellen muss: Dass nichts von Dauer ist und jedes Bild morgen verschwunden sein kann. Nicht zuletzt deshalb dokumentiert Martin Arz die Werke, und er hat in seinem "Reiseführer" eine erstaunliche Fülle davon zusammengetragen. Man kann sich diese gemütlich auf dem Sofa anschauen, aber noch besser ist: Man macht sich auf den Weg. Das Buch von Arz ist dafür eine gute Vorbereitung und auf Tour ein kundiger Begleiter.

Martin Arz: Streetart München. Reiseführer für Münchner. Hirschkäfer Verlag, 256 Seiten, zahlreiche Abbildungen; 19,90 Euro

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