Eröffnung des neuen Volkstheaters:Strahlen, Grinsen, Staunen

Eröffnung des neuen Volkstheaters: Zur Eröffnung gab es mit Edward II. einen Klassiker.

Zur Eröffnung gab es mit Edward II. einen Klassiker.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei der Eröffnungsvorstellung des neuen Münchner Volkstheaters sind die Gäste entzückt vom neuen Gebäude im Schlachthofviertel. Und auch die Darbietung auf der Bühne überzeugt.

Von Egbert Tholl

Gerade ist es schon ein bisschen herrlich verrückt in dieser Stadt. Vor einer Woche wurde die Isarphilharmonie eröffnet, nun, diesen Freitag, das neue Volkstheater, und wenn man sich darum bemüht, die Stimmung bei dieser Eröffnung einzufangen, ist man fast versucht, den eine Woche alten Text noch einmal vorzuholen und lediglich ein paar Sätze auszutauschen, denn auch hier: strahlende Gesichter, grinsende Gesichter, staunende Gesichter.

Als ersten trifft man den ehemaligen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers, maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass man nun im sensationell schönen Innenhof des Neubaus im Schlachthofviertel stehen kann: "Es ist wunderbar, die Dinge, die wir vor Jahren auf den Weg gebracht haben, jetzt in dieser herrlichen Form fertiggestellt zu sehen."

Neu ist hier, im Vergleich zur Eröffnung der Isarphilharmonie: Es gibt eine Demo. Vor dem Volkstheater stehen elf Menschen, zeigen Videos aus Schlachthöfen und ein Banner, auf dem steht: "Speziesismus beleuchten statt ausblenden." Interessant daran ist, dass niemand, den man unter den sicherlich klugen Volkstheaterbesuchern fragt, erklären kann, was "Speziesismus" sein soll. Das ist doch mal eine Demo mit echtem Bumms - keiner weiß, worum es geht.

Eröffnung des neuen Volkstheaters: Wofür, wogegen? Am Rande der Theater-Eröffnung demonstrieren einige Menschen.

Wofür, wogegen? Am Rande der Theater-Eröffnung demonstrieren einige Menschen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Naja, man kann es irgendwie schon wissen, der Gedanke ist offenbar, dass man keine Kunst machen darf, wenn in unmittelbarer Nähe Tiere geschlachtet werden. Ein weiteres Banner zitiert Heinrich Böll: "Wo die Kultur stirbt, beginnt die Barbarei", was ebenso enigmatisch wirkt, denn das neue Volkstheater wurde ja gebaut, damit die Kunst nicht stirbt.

Viele kriegen das ohnehin nicht mit, das Demolein, schon kommt Katrin Habenschaden (Grüne) daher, zweite Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende des Volkstheaters, ihr Strahlen erfüllt den ganzen Innenhof, sie lobt den Bau, die Farbgebung, findet alles, zu Recht, dynamisch und lebendig, freut sich auf die Aufführung. Nach dieser, als die Premierenfeier sich langsam zu entwickeln beginnt, meint sie dann: "Noch ist es keine Party. Party ist, wenn was ausgezogen wird, was eigentlich am Körper bleiben sollte." Es ist zu vermuten, dass der weitere Verlauf des Abends sie mit ihren Vorstellungen durchaus versöhnt.

Hausherr Stückl und Oberbürgermeister Reiter feixen am Bühnenrand

So fabelhaft der Bau auch ist, neu riecht und glänzt, es gibt Konstanten vom alten Volkstheater her, die Riederinger Musikanten im Publikum tragen die gleiche Tracht wie stets, überhaupt scheint fast die ganze "Brandner Kaspar"-Truppe zuzuschauen. Und auf der Herrentoilette belauscht man ein Gespräch: "Ist das schon deine Passionsspielfrisur?" Ja, ist sie.

Also hinein ins große Haus. Ohne Maske, nach strenger Kontrolle der möglichen Gs. Man starrt in die offene Bühne. Sie wirkt riesengroß. In der Mitte steht ein Rednerpult, das wirkt hier sehr klein. Hausherr Christian Stückl und Oberbürgermeister Dieter Reiter feixen am Bühnenrand, wer zuerst reden soll, Stückl schickt Reiter vor. Der ist vollkommen im Eröffnungsmodus, jede Woche ein neues Haus, meint aber, das werde jetzt abreißen - man könnte ihm noch empfehlen, in einer Woche das "Spielart"-Festival zu eröffnen.

Kein neues Haus, aber neue Kunst. Reiter wiederholt, kann wiederholen, was er zur Eröffnung der Isarphilharmonie sagte: Man ist im Zeitplan, im Kostenplan, für 131 Millionen ein neues Theater. Und er wiederholt, was er vor einer Woche sagte (oder war's bei der Eröffnung des neuen Schwere Reiter?): "Kultur ist der Kitt der Gesellschaft."

Weiter macht sich Reiter ein bisschen lustig über das, was hinsichtlich Zukunftsprognosen über den damals designierten Volkstheaterintendanten Stückl vor 21 Jahren in einer "großen Münchner Zeitung" zu lesen war. Da stand nicht, dass die Stadt diesem dereinst ein neues Haus bauen würde. Reiter betont, dass der Neubau stark Stückls Beharrlichkeit zu verdanken sei, durch ihn habe er auch gelernt, was ein Bühnenturm ist und dass so einer hoch sein muss. Und überhaupt: "Wir werden alles tun, um den Christian hier zu halten." Aber der will ja eh nicht weg.

Kommt dann der Christian selber in die Mitte der Bühne, schwappt der Applaus so hoch, dass Stückl peinlich berührt und ein bisschen verloren, aber bewusst lässig am Rednerpult lehnt. Kurz erzählt er, weshalb der Neubau unabdingbar war - die notwendige Renovierung des alten Hauses hätte 50 Millionen Euro gekostet und die Immobilie hätte danach immer noch dem Fußballbund gehört. Dann lenkt Stückl schnell geschickt von seiner eigenen Person ab, lobt alle, die den Neubau möglich machten und holt den Architekten Arno Lederer auf die Bühne. Dieser erzählt von den 1000 Seiten des Anforderungskatalogs, lobt des Hauses technischen Direktor Carsten Lück und andere und erzählt in lustigem Schwäbisch, dass er doch eine Leerstelle in der Sammlung der zu erfüllenden Aufgaben entdeckt hatte: die Schönheit. "Das dies nicht gefordert war, dachten wir, also schenken wir etwas." Die Schönheit eben. Dies ist ihm mit dem Bau gelungen.

Stückl will dann nur noch schnell von der Bühne, aber wo ist der Korbinian? Korbinian ist an diesem Abend der Hüter des Vorhangs, und weil Stückl Gedöns um seine Person immer peinlich ist, will er jetzt schnell den Vorhang geschlossen haben, damit er verschwinden kann und man ihn, den Vorhang, in wenigen Minuten wieder öffnen kann für die Premiere. Korbinian indes lässt Stückl noch so viel Zeit, dass dieser die Hoffnung auf eine schöne Feier hinterher beim Publikum deponieren kann.

So. Nachher. Albert Ostermaier, Dichter und Dramatiker: "Ich finde, dass das neue Volkstheater die schönste Verkörperung ist, wie Politik, Poesie und Präzision zusammenkommen und einen Ort der Möglichkeiten und der Sinnlichkeit schaffen können." Stückls städtische Kolleginnen und Kollegen: "Toll. Die Bühne ist nicht einfach zu bespielen, aber was die technisch alles kann!" (Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele) "Der Raum ist fantastisch. Ich bin total neidisch auf das Haus." (Andrea Gronemeyer, Intendantin der Schauburg) "Spät kommt das Statement der Stadt München für die Kunst. Aber es kommt gewaltig." (Jochen Schölch, Intendant des Metropol-Theaters)

Alexander Duda, ehrwürdiger (nicht nur) Volkstheatermime und immer noch im "Brandner" dabei, würde am liebsten sofort wieder fest anheuern, Pascal Fligg, seit 2009 und damit aktuell am längsten im Ensemble und in der Eröffnungspremiere "Edward II." mit der Rolle des Erzbischofs von Canterbury betraut, findet das Haus den Wahnsinn: "Man spürt das Publikum, das Zusammensein, das Miteinander."

Kirchlichen Beistand gibt es auch; von Rainer Hepler, Kunstpfarrer der Erzdiözese München: "Es ist fast wie Ostern und Weihnachten zusammen. Und in dem Stück gerade ging es auch um verkorkste kirchliche Sexualmoral, um den Bruch mit Konventionen - das finde ich gut." Gasteigchef Max Wagner, der Hüter der Isarphilharmonie und des ganzen HP8, denkt derweil bereits über mögliche Formen der Zusammenarbeit nach. "Ursprünglich sollte uns eine Buslinie verbinden, aber dann hat der MVV anders entschieden."

Während all dem und schon in den letzten Minuten der Eröffnungspremiere spielt auf der Bühne 2 die steirische Band "Granada" ihre fabelhaft rumpelnde Vorstellung von poesiesatter Wurzelmusik. Erst findet man die Band gar nicht, weil draußen nichts zu hören ist. Kaum aber betritt man die Bühne 2, haut einen die Musik mit großem Wumms weg. Was für ein Konzertraum! Und auch wenn man die Band draußen nicht hört, die Party macht sich bemerkbar, im Foyer wird getanzt, im Gasthaus Schmock und im Hof summt und brummt es. Und, wie so oft beim alten Volkstheater: Die Polizei ist da. Am ersten Abend. Hey, das Volkstheater ist im Viertel angekommen. Unüberhörbar, unübersehbar.

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