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München:In St. Michael wird der Corona-Verstorbenen gedacht

Corona Gedenken in der St.Michaelkirche.

Hiltrud Schönheit hat in der Kirche St. Michael einen Gedenkort für die Toten der Corona-Pandemie initiiert.

(Foto: Catherina Hess)

Angehörige können die Namen in ein Totenbuch eintragen. Jeden Freitag im 18-Uhr-Gottesdienst wird ein Gebet für die Corona-Toten gesprochen.

Interview von Bernd Kramer

SZ: Frau Schönheit, in der Kirche St. Michael in der Neuhauser Straße können Angehörige von diesem Freitag an der Corona-Verstorbenen gedenken. Sie haben das als Vorsitzende des Münchner Katholikenrats mit organisiert. Wie genau funktioniert die Aktion?

Hiltrud Schönheit: Wir haben die Osterkerze wieder aufgestellt, lassen sie tagsüber brennen und legen ein Totenbuch aus, in das die Namen der Verstorbenen eingetragen werden können. Die Michaelskirche ist dafür der ideale Ort, sie liegt mitten in der Stadt. Jeden Freitag wird das Buch im 18-Uhr-Gottesdienst an den Altar getragen, es wird dann ein Gebet für die Corona-Toten gesprochen. Wir hatten erst die Idee, außerdem das Weihwasserbecken mit Sand zu befüllen, sodass Angehörige dort eine Kerze aufstellen können - wegen Corona darf im Moment ja kein Wasser im Becken sein. Leider ist die Orgel ganz in der Nähe und die Kerzen würden sie schnell verrußen. Daher haben wir das Becken mit einem Tuch ausgelegt, in das Bilder der Verstorbenen gelegt werden können. Die Aktion richtet sich übrigens nicht nur an Katholiken, sondern an Menschen aller Konfessionen und Religionen.

Sie mussten auch Ihre Gedenkaktion coronagerecht gestalten...

Das stimmt. Schmierinfektionen spielen zwar keine große Rolle, aber wir haben extra Stifte für den Einmalgebrauch besorgt und ausgelegt. Am besten ist es, wenn die Menschen ihre eigenen Stifte mitbringen.

Machen die Auflagen es dieser Tage besonders schwer, Abschied zu nehmen?

Mir scheint es so. Gottesdienste finden derzeit ja nur mit Masken statt, ohne Gesang und mit viel Abstand zwischen den Menschen. Bekannte in Allach, die im vergangenen Jahr einen Angehörigen verloren haben, erzählten, dass eigentlich das ganze Dorf zur Trauerfeier gekommen wäre. Sie sind da seit Generationen verwurzelt. Das ging nun nicht, und das macht etwas mit den Familien. Da fehlt etwas.

Trauern Menschen, die jemanden wegen Corona verlieren, anders?

Ich glaube, dass ein Corona-Tod noch einmal auf eine andere Art traumatisierend ist. Vor allem am Anfang waren die Einschränkungen ja so stark, dass Menschen kaum die Möglichkeit hatten, richtig Abschied zu nehmen. Man brachte seinen Angehörigen ins Krankenhaus und wenig später stand man vor einem Sarg. Dazwischen war nichts, kein Handhalten, kein Wachen am Krankenbett, man sieht und fühlt das Sterben nicht mehr. Der Abschied bleibt sehr distanziert. Vieles sucht nach einem Ritual und einem Ort. Uns ist aufgefallen, dass es keinen zentralen Ort gibt, an den die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer gehen können.

Glauben Sie, dass Ihre Aktionen auch Menschen etwas geben kann, die nicht selbst betroffen sind?

Das hoffe ich. Wir alle können dieses Virus in uns tragen, können nicht genau sagen, wie schwer es uns treffen würde, wenn wir uns infizieren. Mit dieser Unkalkulierbarkeit müssen wir leben, unser Gedenken soll auch das ein wenig begreifbar machen.

© SZ vom 29.01.2021/vewo, van
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