Sportvereine:Karate-Training im Anorak? Was im Winter drohen könnte

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Sportvereine: Die Vereine überlegen, wo sie Energie einsparen können. Eine Möglichkeit: das Flutlicht.

Die Vereine überlegen, wo sie Energie einsparen können. Eine Möglichkeit: das Flutlicht.

(Foto: Florian Peljak)

Kalte Hallen, geschlossene Bäder und dunkle Fußballplätze? Die Sportvereine in München blicken wegen der Energiekrise mit Sorgen auf den Winter. Was den Verbänden bei Gasmangel bevorsteht - und was Staat und Gesellschaft dagegen unternehmen können.

Von Thomas Becker

Es gibt wohl keine Mannschaftssportart, deren Mitglieder härter im Nehmen sind als Wasserballer. Dass das Wasser an ihrer Trainingsstätte im Dante-Bad nun wegen der drohenden Gas- und Energiekrise kälter ist als sonst? Bei Trainer Ivan Mikic und seinen Mannen dürfte das noch nicht mal das kleinste Zucken unter der Bademütze hervorrufen. "Das stört uns gar nicht, bei den aktuellen Temperaturen sowieso nicht", ruft der Coach des Zweitligisten SV 1899 München ins Telefon. Bisher habe er noch keine negativen Nachrichten bekommen, aber wenn von September bis April/Mai wieder Hallentraining im Olympiabad ansteht, dann weiß auch Mikic nicht, ob seine Truppe da regelmäßig zum Trainieren kommen wird.

Sportvereine: Auch die Wasserballer bangen um ihre Trainingszeiten, falls Bäder geschlossen werden.

Auch die Wasserballer bangen um ihre Trainingszeiten, falls Bäder geschlossen werden.

(Foto: Claus Schunk)

Sieben, acht Mannschaften hat der Klub gemeldet, von der U10 bis zu den 60-Jährigen in der Masters-Klasse. Einen Plan B für den Fall der Fälle haben die Wasserballer schon: das kleine Trainingsbad in Giesing. "Fürs Training geht es gerade so", sagt Mikic, "für die Spiele eher nicht". Heißt: Ohne das Olympiabad würde die Saison in der 2. Bundesliga erneut ausfallen, wie bei Corona schon. Ähnlich sieht es bei den Klubkollegen der Abteilung Kunstspringen aus: Die können eh nur vom Turm im Olympiabad üben.

Es ist mal wieder so weit: Die große Politik schlägt durch auf die lokale Ebene, auch im Sport. Kaum hat sich das vom Virus gebeutelte Vereinsleben wieder einigermaßen normalisiert, kommt schon die nächste Breitseite für die Klubs: die Energiekrise infolge des Krieges in der Ukraine. Angesichts der drohenden Energieknappheit hat Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die städtischen Referate schon beauftragt, in den Verwaltungsgebäuden kurzfristig wirksame Maßnahmen zur Energieeinsparung umzusetzen. Kürzungen für den Sportbetrieb seien derzeit nicht absehbar, heißt es seitens der Stadt. Dass aber die Kosten zur Erhaltung des Spiel- und Trainingsbetriebs steigen werden, ist klar, fragt sich nur, wie arg.

Wie ist die Lage beim Nummer-eins-Sport Fußball? Fabian Frühwirth, Pressesprecher des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV), in dem 4600 Vereine organisiert sind, sagt: "Man kann die Dimension noch nicht erahnen. Dennoch ist jetzt der Zeitpunkt da, gezielt darauf hinzuweisen, dass man natürlich schonender mit Energie umgeht. Auf der anderen Seite dürfen die Vereine aber nicht allein gelassen werden." Momentan sei zwar das schönste Wetter, und niemand denke ans Heizen, "aber das geht ja schon beim Duschen los. Wir warnen davor, dass irgendwann das böse Erwachen kommt, und die Vereine dann in Schwierigkeiten kommen", so Frühwirth.

Manche Klubs wissen sich angesichts der zu erwartenden höheren Energiekosten nicht anders zu helfen, als die Mitgliedsbeiträge zu erhöhen, "und das könnte uns einige Mitglieder kosten", fürchtet Erwin Lösel, Abteilungsleiter der Fußballer des SV 1880 München. 400 Kicker sind bei dem insgesamt 2000 Mitglieder starken Klub im Westend aktiv. Derzeit laufe der Trainingsbetrieb noch normal, und dass ihnen im Herbst das Flutlicht abgedreht wird, befürchtet Lösel auch nicht: "Wir haben vor gut einem Jahr auf LED umgerüstet und verbrauchen seitdem deutlich weniger Strom." Er schätzt, dass es eher bei den Hallensportarten kühl werden könnte: "Bei uns im Verein ist Karate ganz groß - die können im Winter ja schlecht im Anorak trainieren."

Gespräche mit der Politik über Zuschüsse laufen bereits

Die Notwendigkeit des Energiesparens hat auch Fußball-Rekordmeister FC Bayern erkannt, der sein in den Vereinsfarben illuminiertes Stadion künftig nur noch drei statt sechs Stunden nach Einbruch der Dunkelheit leuchten lassen wird. Die bislang mit Gas betriebene Rasenheizung wird auf eine Luft-Wärmepumpe umgestellt, den Strom dafür liefern die im Stadion verbauten Solarpaneele. Zudem wird die Klimatisierung der Arena sowie der 106 Logen reduziert, in den Toiletten wird nur noch Kaltwasser fließen.

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) warnt vor hohen Mehrkosten bei der Durchführung des Trainings- und Wettkampfbetriebs. Viele Vereine könnten "in den kommenden Monaten in finanzielle Notlagen geraten, die ihre Überlebensfähigkeit massiv bedrohen würden", heißt es in einer Mitteilung. DFB-Präsident Bernd Neuendorf werde deshalb im Bundeskanzleramt mit Wolfgang Schmidt, dem Bundesminister für besondere Aufgaben, über kurzfristige Hilfen reden. Der bayerische Verband hat laut BFV-Sprecher Frühwirth ebenfalls längst Kontakt mit dem bayerischem Innenministerium aufgenommen: "Es ist nun die Frage, wie man Vereinen Zuschüsse zukommen lassen kann", sagt Frühwirth.

Das lasse sich pauschal aber gar nicht so einfach regeln, weil die Besitzverhältnisse eben nicht gleich, sondern extrem unterschiedlich sind: Mal ist die Kommune Betreiber und trägt auch die Betriebskosten, mal ist die Anlage dem Verein überlassen, der nur die Betriebskosten übernimmt, mal ist die Anlage komplett in Vereinsbesitz. "Ein Stadt- oder Gemeinderat kann da aber schon Zuschüsse in irgendeiner Art bewilligen", regt Frühwirth an, "auch über den Städte- und Gemeindetag muss es Lösungen geben, und da sind wir eigentlich guter Hoffnung."

Zuletzt hatte der Deutsche Städtetag jedoch vorgeschlagen, angesichts der steigenden Energiepreise durch die Aussetzung des Betriebs von Hallenbädern Geld einzusparen. Eine Idee, die beim Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) auf Ablehnung stößt: "Das ist für uns keine geeignete Maßnahme. Der Empfehlung des Deutschen Städtetages können wir nichts abgewinnen", sagte BLSV-Präsident Jörg Ammon. Für die Menschen seien Sport und Bewegung essenziell, um körperlich gesund zu bleiben: "Die Langfristschäden, die man kurzfristig monetären Einsparungen gegenüberstellt, sind groß." Natürlich könne es aber Energieeinsparungen geben, zum Beispiel beim Flutlicht.

"Wir können uns nur gegenseitig die Daumen drücken"

Womit wir wieder beim Fußball sind. Das Thema Energie-Lockdown ist laut BFV-Sprecher Frühwirth zwar präsent bei den Vereinen, aber noch nicht flächendeckend angekommen: "Ich bin mir sicher, dass sich in den nächsten Wochen schnell etwas tun wird." Spätestens nach der Zeitumstellung sei der Trainingsbetrieb ohne Flutlicht halt nicht mehr möglich. Während Corona seien viele Fußballer zum Training draußen geblieben, im Winter nicht in die Halle gewechselt, aber unter eine warme Dusche springen wollen auch die Draußen-Spieler.

Ganz ohne warmes Wasser kommen auch Schwimmvereine wie der SV 1899 München nicht aus, mit 700 Mitgliedern einer der großen Schwimmklubs der Stadt. "Im Michaelibad, dem einzigen Bad der Stadtwerke, das mit Gas geheizt wird, ist die Temperatur schon gesenkt worden", sagt Christina Skrandies von der Geschäftsstelle, "aber das verkraftet man. Man bewegt sich ja. Aber wenn der Notfallplan 3 in Kraft tritt, kann es sein, dass das Bad wieder geschlossen wird. Das wäre schon hart für uns, wieder mal." Beim SV würde das Montagabend-Training ausfallen: 15 bis 20 Anfänger im Lehrschwimmbecken, etwa ebenso viele Wettkampfschwimmer und nochmal so viele Breitensportler im großen Becken auf zwei Bahnen, von 18 bis 21.30 Uhr, insgesamt sechs Gruppen.

"Platz ist eh sehr knapp bemessen, aber es geht halt nicht anders", sagt Skrandies, "wenn diese Belegungszeiten wegfallen: ja, wohin dann mit den Leuten?" Man habe zwar auch Belegungen in anderen Schulbädern, aber die Umverteilung ins nächste Stadtviertel sei schwierig, gerade bei Kindern. "Und diese Bäder sind ja auch schon alle belegt! Da heißt es dann: zusammenrücken. Aber das machen wir ja sowieso. Wir können uns nur gegenseitig die Daumen drücken, wir sitzen ja alle im gleichen Bad." Das nennt man wohl Galgenhumor.

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