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Getränke:Warum nur trinken jetzt alle wieder Spezi?

Auch am Kulturstrand liegen Besucher mit dem Spezi voll im Trend.

Auch am Kulturstrand liegen Besucher mit dem Spezi voll im Trend. Das Mixgetränk erfreut sich großer Beliebtheit.

(Foto: Catherina Hess)

Wo man hinschaut, blubbert Spezi in Flaschen und Gläsern. Die uralte Cola-Limo ist immer mehr in Mode. Warum eigentlich? Auf den Spuren einer typisch bayerischen Erfrischungslegende.

Von Philipp Crone

Sie sind überall. Die junge Frau trägt am Freitagnachmittag eine Schwip-Schwap-Flasche durch die Klenzestraße, an der Isar hocken drei Teenager und stoßen mit drei Paulaner-Spezi an, die mit den bunten Etiketten. Die Augustiner-Pilger sind selbstverständlich auf den Freilichtflächen der Stadt noch immer in der Mehrheit, wenn man die bevorzugten Geschmacksrichtungen im München der Sommersaison 2020 in den Blick nimmt. Aber nach der Euro-Flasche mit dem Mönch folgt nicht etwa das Tegernseer Weg-Bier oder ein Giesinger, die das Stadtbild an der Isar, dem Englischen Garten oder den einschlägigen Plätzen prägen, sondern eine der vielen Varianten des Spezi. Was ist da los?

Spezi, das war bis vor ein paar Jahren das Getränk, auf das Kinder erst total heiß waren, um dann ab dem bierfähigen Alter selbiges als Kinderplörre weit von sich zu weisen. Wenn nun die junge Frau in der Klenzestraße ihr braun-sprudeliges Getränk so vor sich herträgt wie vielleicht ansonsten nur eine neue Handtasche, dann muss sich da etwas getan haben. Hat sich auch, wie die Getränke-Profis bestätigen. Das Spezi also. Und da geht es schon los. Spezi sagen zwar alle, aber das ist nicht richtig. Spezi ist eine Marke, kein Getränk. Was früher Überkinger war beim Mineralwasser, oder Selters, das ist Spezi für die Familie der Cola-Mischgetränke. Warum ist Spezi derzeit spitze?

Das Spezi war ursprünglich ein Bier, sagt Sebastian Priller-Riegele von der Riegele-Brauerei in Augsburg. Dort wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bier mit dem Namen Spezi, damals stand das noch ausschließlich auf Bairisch für Freund, auf den Markt gebracht. Die erste urkundliche Erwähnung dieses pappsüßen Ausdrucks von bayerischem Lebensgefühl gab es laut Riegele 1956.

Zu der Zeit hantierten Brauereien aber auch schon mit alkoholfreien Getränken. Man beobachtete, dass in Gaststätten Cola und Orangenlimo gemischt wurden. Offenbar schmeckte das, wurde bestellt, war aber für den Wirt unhandlich. Dauernd musste er mit den halb vollen Cola- respektive Orangenlimoflaschen hantieren. In Augsburg bot man nun die Mischung direkt aus der Flasche an und nannte das Ganze Spezi.

Das Getränk setzte sich durch, wurde beworben, etwa mit "Spezi ist Spitze". 1977 entstand ein Spezi-Verband, es wurden Lizenzen vergeben, etwa an Paulaner. Spezi reihte sich bei den Standard-Getränken ein, etwa bis vor ein paar Jahren, als die Kleinbiere in Bayern und in München in Mode kamen. Hannelore Lambauer, die in der Westermühlstraße 40 Jahre einen Getränkemarkt betrieben hat, erklärte, dass es früher fünf Biersorten und fünf von den alkoholfreien gegeben habe, mittlerweile seien es jeweils eher 50. Darunter eben auch Spezi.

Walter König, Sprecher des Bayerischen Brauerverbandes, sagt: "Retro, dafür interessiert sich die junge Generation." Ob in der Mode oder eben bei den Getränken. Davon profitiert das Spezi, Pardon, das Cola-Orangenlimo-Mischgetränk. "Es sind eben Zeiten, in denen man auf alte Werte, Beständigkeit und Traditionen setzt", sagt König in frisch gezapftem Werbedeutsch. Dafür stünden einige Trends auch in der Getränkebranche. Beim Bier sei das Helle wieder stärker gefragt, eine der Urformen der Hopfen-und-Malz-Industrie.

"Viele Brauereien benutzen jetzt aber auch wieder uralte Etiketten aus den Fünfzigerjahren", sagt König. Spaten etwa hat seine erste Schaufel wieder ausgegraben und auf das Bier geklebt. Es finde eine Art Rückbesinnung statt, sagt König, zu der Frage: Wo kommen wir her. "Das war auch schon vor Corona der Fall, wurde dann in der letzten Zeit verstärkt. Auch Trends wie Naturradler oder die diversen Kellerbiere zeigten, wie Brauereien ihre Getränke in Szene zu setzen versuchen. Dazu kommt, dass die früher als "Maurerflasche" verhöhnte Euro-Flasche, wie sie etwa von Augustiner genutzt wird, "jetzt wieder in ist". Trotz allem sei es aber noch immer so, Spezi-Boom hin oder her, dass der Absatz von Vollbier generell abnehme. "Das wird aber von steigenden Zahlen beim alkoholfreien Bier und vom Export bayerischen Bieres wieder aufgefangen."

Bei Paulaner, dessen Spezi derzeit in vielen Münchner Supermärkten palettenweise die Eingänge versperrt, steht man in Sachen Anpreisefähigkeiten des eigenen Produkts dem Brauerverband in nichts nach. Die Nachfrage steige "nach wie vor", heißt es von der Pressestelle. Und zwar nicht nur in München und Bayern, sondern auch in Hamburg oder Berlin. Spätis der Hauptstadt sind längst nicht mehr nur Orte, an denen sich das bayerische Bier reihenweise in den Kühlschränken präsentiert, sondern auch das Spezi. Das von Paulaner schmeckt seit den Sechzigerjahren gleich, "mehr fruchtig, weniger süß, weniger Kalorien", sagt Sprecherin Birgit Zacher. Und da ist man bei der Frage: Was ist der Reiz von diesem braunen Sprudelgetränk? Die Farbe wohl eher nicht.

Die Tradition, das ist das eine, eine Halbe Spezi mit der Orangenscheibe, das fröhlich vor sich hinsprudelt. Dann liegt es natürlich im nichtalkoholischen Trend und enthält den Cola-Wachmacher. Die Getränkemärkte an der Isar verkaufen die verschiedenen Sorten entweder konstant, wie das etwa der Reichenbachkiosk bestätigt, oder verstärkt, wie es von der Isarquelle auf der anderen Isarseite heißt. Und Manuel Schulz vom Getränkeproduzenten Eizbach, der diverse Limonaden und mit Calypzo die Spezi-Variante anbietet sagt: "Den Spezi-Hype nehmen wir auch wahr, das ging vor etwa drei Jahren los mit dem Paulaner-Spezi." Es sei eben kultig und das nun auch überregional, wie etwa in Berlin.

Spezi, als Flaschenvariante auf einer Isartreppe, aus dem Glas in der Gaststätte oder zur Not als Wegvariante. Der Träger zeigt damit seine Bayern-Kompetenz, was in Zeiten der grassierenden Zuagroasterei durchaus angezeigt ist. Er zeigt aber auch, dass hier jemand ist, dem die Botschaft seines Getränks egal ist. Kinderlimo? Bierverweigerer? Mei. Es ist einfach so ein harmlos freundliches Getränk, dass die Sympathie von der Flasche immer auch auf den Trinkenden übergeht.

© SZ vom 06.07.2020
48 Spezi

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