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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Die Kunst, in München zu leben

Das Orlandohaus am Platzl 4 wurde 1900 im Stile der deutschen Renaissance erbaut. Namensgeber ist der Komponist Orlando di Lasso.

(Foto: Yoav Kedem)

Die Schöpfer unvergänglicher Meisterwerke lebten oft in einfachen Verhältnissen. Manche nutzten ihre Anwesen zu Werbezwecken, andere Künstler mussten gehen, weil München für sie zu teuer war. Ein Spaziergang zu ihren Wohnhäusern.

Von Martin Bernstein

Mit der Kunst ist es ja so eine Sache in diesen Tagen: Die meisten Gemälde und Skulpturen sind in Museen verräumt und die sind coronabedingt geschlossen. Gut, ein paar Meisterwerke kann man in München auch in Kirchen oder auf Straßen und Plätzen sehen - Hubert Gerhards Madonna aus dem 16. Jahrhundert beispielsweise (auf der Mariensäule) oder das Jüngste Gericht von Peter von Cornelius in der Ludwigskirche. Wer aber waren die Menschen, die mit ihren Kunstwerken München zur Kulturmetropole machten, und wo haben sie gelebt? Unser heutiger Spaziergang führt zu ihren Wohnungen und Häusern. Nicht im Künstlerviertel Schwabing, wo man solches vielleicht am ehesten vermuten würde, sondern in der Altstadt.

Eine Tafel in der Burgstraße erinnert an Franz von Cuvilliés.

(Foto: Yoav Kedem)

Gleich ums Eck vom Marienplatz stößt der Spaziergänger in der Burgstraße auf zwei dieser Kulturstätten, kenntlich jeweils durch Gedenktafeln am Haus. Der Rokoko-Meister François de Cuvilliés der Ältere lebte in dem Gebäude, das heute die Nummer 8 trägt. Dort starb der Schöpfer der Amalienburg und der Fassade der Theatinerkirche am 14. April 1768. Im Cuvilliés-Theater in der Residenz wurde 13 Jahre später Mozarts Oper "Idomeneo" uraufgeführt. Der Komponist hatte die Auftragsarbeit für den kurfürstlichen Hof in München geschrieben - im Winter 1780/81. In dieser Zeit wohnte er in der Burgstraße 7.

Durch die Ledererstraße führt unser Spaziergang in die Orlandostraße, deren Name schon zeigt, um wen es als nächstes geht: Orlando di Lasso. Der Renaissance-Komponist kam 1556 nach München, wo er bis zu seinem Tod am 14. Juni 1594 lebte. Sein Wohnhaus am heutigen Platzl ist nicht mehr erhalten. Das "Orlando-Haus" am selben Ort wurde 1900 nach Plänen des Münchner Architekten Max Littmann errichtet, immerhin - passend zum einstigen Bewohner - in den nachempfundenen Formen der deutschen Renaissance.

Völlig verschwunden ist das einstige Franziskanerkloster. Das Nationaltheater nimmt seinen Platz ein - und eine Tiefgarage unterm Max-Joseph-Platz. Dabei wäre das einstige Kloster ein Wallfahrtsort der Philosophie- wie der Literaturgeschichte. Im Münchner Franziskanerkloster lebte von 1330 bis zu seinem Tod am 9. April 1347 der Theologe und politische Denker William von Ockham. Im wirklichen Leben kämpfte er auf der Seite des Kaisers Ludwig des Bayern gegen den weltlichen Herrschaftsanspruch der Päpste, in der Fiktion wurde Ockham (oder Occam) zu einem der Vorbilder für die Figur des William von Baskerville in Umberto Ecos genialem Mittelalterkrimi "Der Name der Rose".

Über die Theatinerstraße - dort lebte mit Hans Mielich einer der bedeutendsten Münchner Maler und Porträtisten des 16. Jahrhunderts - geht es zum Promenadeplatz. Dort interessieren uns freilich nicht das Hotel Bayerischer Hof, in dem einst der Popmusiker Michael Jackson nächtigte, und die Orlando-di-Lasso-Statue davor, die von Jackson-Fans zum Verehrungsort für ihren Star umfunktioniert wurde, sondern das Haus gegenüber. Es ist zwar eine vollständige Rekonstruktion der Nachkriegszeit, aber eine äußerst gelungene.

Das Künstlerhaus am Promenadeplatz ist 1726 von dem Oberhofbaumeister Johann Baptist Gunetzrhainer umgestaltet worden - bis es 1944 durch Bomben stark beschädigt wurde. Der Baumeister arbeitete eng mit Cuvilliés zusammen.

(Foto: Yoav Kedem)

Das Haus war 1726 von dem Oberhofbaumeister Johann Baptist Gunetzrhainer erworben und umgestaltet worden. Der Baumeister arbeite an der Residenz und in Nymphenburg eng mit Cuvilliés zusammen. 1944 wurde das Gebäude durch Bomben stark beschädigt. Die Deutsche Bank kaufte das Haus 1960 und ließ es - nachdem die Fassade während der Sicherungsarbeiten zusammengebrochen war - nach originalen Vorlagen rekonstruieren. Die ehemals an der Fassade gezeigte Hausmadonna ist im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen. Bildhauer war der Renaissance-Künstler Hubert Gerhard. An der Fassade wird eine Bronzekopie gezeigt.

Im Inneren der Frauenkirche, in der Nähe des Kaisergrabs, hängt das Porträt von Jörg von Halsbach, Münchner Baumeister und Architekt der Spätgotik.

(Foto: Yoav Kedem)

Hubert Gerhard, dessen Bronze- und Terrakottaskulpturen in der Michaelskirche, der Residenz und im Nationalmuseum zu bewundern sind, schuf auch das Bronze-Epitaph für den Mann, ohne dessen Werkstatt die Meisterwerke der Bronzekunst nicht möglich gewesen wären: Martin Frey hieß der Gießer, dessen Grabplatte etwas versteckt hinter dem Kaisergrab in der Frauenkirche hängt. Gleich daneben blickt man in das Gesicht eines anderen Meisters, des Architekten Jörg von Halspach, der den gewaltigen Kirchenbau Ende des 15. Jahrhunderts schuf.

Der Schriftsteller Gottfried Keller ("Der grüne Heinrich") lebte während seiner Münchner Studentenzeit 1840 in der Neuhauser Straße 35. Freilich betätigte er sich da noch nicht als Dichter, sondern als - mäßig erfolgreicher - Landschaftsmaler. Bald musste er wieder abreisen: München war zu teuer für ihn.

Gedenktafeln für den Dichter Clemens Brentano und den Porträtmaler Johann Georg Edlinger entdeckt der Spaziergänger in der Herzogspitalgasse. Der Romantiker Brentano ("Des Knaben Wunderhorn") lebte seit 1833 in München. 1840 kam er im Haus des Malers Joseph Schlotthauer unter. Im Haus gleich daneben starb am 15. September 1819 der in seiner Zeit äußerst erfolgreiche österreichische Porträtmaler Edlinger, dem ein - in der Kunstgeschichte nicht unumstrittenes - Mozart-Porträt zugeschrieben wird.

Am nahen Altheimer Eck kam am 11. Juni 1864 der Komponist Richard Strauss ("Der Rosenkavalier") zur Welt. Seine Mutter stammte aus der Bierbrauer-Dynastie Pschorr. In der nahen Sendlinger Straße (Hausnummer 23) komponierte übrigens Carl Maria von Weber 1799 seine erste Oper "Die Macht der Liebe und des Weins" - als 13-Jähriger.

Unser Spaziergang auf Künstlerspuren führt jedoch zum Haus zur Hundskugel in der Hackenstraße 10. Das Haus, das nicht mit der benachbarten ehemaligen historischen Gaststätte gleichen Namens zu verwechseln ist, entstand 1741 durch einen Umbau, Architekt war vermutlich der aus der Oberpfalz stammende Baumeister Johann Michael Fischer. In dem Haus wohnte der Bildhauer Johann Baptist Straub, später auch Straubs Schwiegersohn und Werkstatt-Nachfolger, der Rokoko-Bildhauer Roman Anton Boos. Letzterer hat auch das Hauszeichen gestaltet, ein Holzrelief, das sechs Hunde zeigt, die mit einem Ball spielen. Soziale Absicherung gab es übrigens auch für die etablierten hofbefreiten Künstler nicht. Von Straub etwa ist bekannt, dass er von 1776 an "in solch Leibs gebrechliche Umstände gerathen (war), das er selber die veraccodirte Statuen herzustellen ausserstand gesetzt" war. Seinen Lebensunterhalt als Künstler konnte er damit nicht mehr verdienen - aber immerhin im Haus seines Schwiegersohns wohnen bleiben.

Die Sendlinger Straße 34, auf der linken Seite befindet sich das Haus des spätbarocken Künstlers Egid Quirin Asam.

(Foto: Yoav Kedem)

Das Wohnhaus von Egid Quirin Asam in der Sendlinger Straße ist zusammen mit der benachbarten Asamkirche das eindrucksvollste Rokoko-Ensemble der Innenstadt. Zwischen 1729 und 1733 kaufte der Bildhauer drei Grundstücke an der Oberen Sendlinger Gasse. Dort wollte er sein Wohnhaus, eine Werkstatt sowie "ganz aus freyem Willen und eigenen Mitteln zu Ehre des heiligen Johann Nepomuk" eine Kapelle bauen. Finanzielle Unterstützung erhielt er dabei von seinem Bruder Cosmas Damian - Bildhauer verdienten im 18. Jahrhundert weniger als Maler. Egid Quirin Asam gestaltete die Fassade des Hauses, das heute die Nummer 34 trägt, als Werbung für die eigene Kunstfertigkeit. Wer übrigens das Wohnhaus des Bruders besuchen will, muss dafür bis nach Thalkirchen "reisen". Dort steht das vom ihm 1724 erworbene Asam-Schlössl.

Bleiben wir noch kurz im Umfeld des Münchner Rokoko. Das Ignaz-Günther-Haus am Jakobsplatz ist ein typisches Altmünchner Bürgerhaus aus der Zeit der Gotik. Als der Bildhauer Ignaz Günther es 1761 erwarb, war das Gebäude schon rund 400 Jahre alt. Knapp 4000 Gulden musste Ignaz Günther für das Haus hinblättern, in dem heute die Verwaltung des Stadtmuseums untergebracht ist. Im Inneren beeindruckt eine der für München typischen "Himmelsleitern", eine steile Treppe, die ohne Richtungswechsel nach oben führt und alle Geschosse erschließt. An der Fassade befindet sich eine Kopie der Hausmadonna des 1775 gestorbenen Bildhauers.

Sankt-Jakob-Platz: Die Rückseite des Haus des Ignaz Günter, Bildhauer und Vertreter des bayerischen Rokokos.

(Foto: Yoav Kedem)

Am Jakobsplatz erinnert eine Gedenktafel an den Maler Carl Spitzweg, der bis zu seinem Tod am 23. September 1885 zwanzig Jahre lang in einem der Häuser am damaligen Heumarkt wohnte. Nicht weit entfernt, in der Rosenstraße 5, hatte Spitzwegs Bruder eine Musikalienhandlung.

Der Alte Südfriedhof ist die letzte Ruhestätte zahlreicher Münchner Künstler. Auch Roman Anton Boos liegt hier begraben - neben seinem Schwiegervater Johann Baptist Straub.

(Foto: Yoav Kedem)

Unser Spaziergang freilich endet auf dem Alten Südfriedhof, die letzte Ruhestätte nicht nur des Malers Spitzweg, sonder zahlreicher Münchner Künstler: der Architekt Friedrich Bürklein, die Landschaftsmaler Johann Georg von Dillis und Carl Rottmann, die Baumeister Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner, der Publizist Joseph Görres, Georg von Hauberrisser, Erbauer des Münchner Rathauses, der Historienmaler Wilhelm von Kaulbach, der Erzgießer Ferdinand von Miller, der Sprachforscher Johann Andreas Schmeller, der Gartenkünstler Friedrich Ludwig von Sckell - sie alle und viele andere liegen dort begraben. Übersichtspläne erleichtern das Auffinden der Gräber auf dem zehn Hektar großen Areal. Gleich am Eingang begrüßt ein etwas indigniert dreinschauender Rokoko-Bildhauer den Spaziergänger. Roman Anton Boos teilte sich nicht nur das Wohnhaus in der Hackenstraße mit seinem Schwiegervater Johann Baptist Straub, sondern auch die Doppel-Grabanlage direkt neben der Stefanskapelle.

© SZ vom 08.01.2021/kafe/van
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