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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Ein bisschen Weltfriede, ein bisschen Zoff

Es gibt fast nur noch Einzelzimmer, wie das von Wolfgang.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Obdachlosenunterkunft in der Kyreinstraße ist für viele Männer so etwas wie die letzte Chance. Sie bekommen dort ein Zimmer und jemanden zum Reden, sogar nachts.

Es wird mit jeder Stunde schlimmer. Die Sätze werden wirrer, die Kleidung wird skurriler, morgens um 4 Uhr trägt Johann Rosenmeier* Pinsel als Federschmuck in einem rot-blauen Stirnband. Morgens um 6 Uhr sagt Alexander Wolf zu seinem Kollegen: Das geht so nicht mehr. Der Eintrag im Pförtnerbuch, den er gerade verfasst hat, ist so lang, wie schon lange nicht mehr. So viel los in dieser Nacht im Haus in der Kyreinstraße. Eine Nacht, die selbst einen so ruhigen und ausgeglichenen Mann wie Alexander Wolf an seine Grenze bringt.

Alexander Wolf hat in dieser regnerischen und kühlen Sommernacht Anfang August Dienst an der Pforte. Von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens sitzt er am Eingang der Obdachlosenunterkunft in der Kyreinstraße 5, ein Haus des Katholischen Männerfürsorgevereins. Seine Hauptaufgabe: für Ruhe sorgen. Im Haus leben fast 50 Männer, der älteste 77, der jüngste 35. Sie alle haben ihre Wohnung verloren, viele auch ihren Job und ihre Familie. Sie haben auf der Straße gelebt, manche jahrelang. Die Männer hier, sie sind Baumaschinenmechaniker, Künstler, Lehrer, Lkw-Fahrer.

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Fast alle haben getrunken, manche tun es immer noch. Manche arbeiten. Fast alle haben psychische Probleme; manche gehen zum Arzt und nehmen Psychopharmaka, manche nicht. Sie alle dürfen hier wohnen. Sie alle sollen nicht zurück auf die Straße. "Unsere Aufgabe ist, dass wir die Leute nicht rausschmeißen", sagt Manfred Baierlacher, der das Haus seit der Eröffnung 1990 leitet. Diese Aufgabe ist nicht immer leicht zu erfüllen.

Es fängt schon chaotisch an. 22.05 Uhr, gerade hat Alexander Wolf die Pforte von seinem Kollegen übernommen, hat das Radio von Smooth Operator auf ein Klavierkonzert umgestellt und Teewasser aufgesetzt, da kommt der Kollege zurück, mit einem ehemaligen Bewohner. Er hat ihn eben getroffen, der Peter Scholl* wollte in der Tiefgarage schlafen. Ob er hierbleiben kann? Das müsste der Chef erlauben.

Scholl steht am Fenster der Pforte, einen schwarzen Rucksack über der linken Schulter. Alexander Wolf telefoniert, Scholl schwankt leicht, vielleicht vom Gewicht des Rucksacks, vielleicht von zu viel Bier. Es dauert, Scholl hat keine Geduld mehr, "leckt mich doch am Arsch", sagt er und geht, raus auf die Straße. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Alexander Wolf in dieser Nacht beleidigt wird.

22.35 Uhr, Alexander Wolf macht den ersten von vier Rundgängen durchs Haus. Fünf Stockwerke, gelbe Wände, Pflanzen im Treppenhaus, lange Flure, grün gestrichene Türrahmen. Aus einem Zimmer im ersten Stock singt eine Frauenstimme, Oper im Radio. Zweiter Stock, Alexander Wolf schaut in die Gemeinschaftsduschen und in die Toiletten. Ob noch genug Klopapier da ist. Ob da einer liegt, der Hilfe braucht.

Dritter Stock, eine Zimmertür ist blau bemalt. Die Tür gegenüber geht auf, Johann Rosenmeier - drahtige Figur, wache Augen, 66 und mehr Zahnlücken als Zähne - kommt heraus, eine Schachtel Zigaretten und ein Glas in der Hand. Er nennt Alexander Wolf seinen kleinen Bruder und zieht einen blauen Edding aus der Hosentasche. Nach einigem Hin und Her darf er ein paar Punkte auf die rechte Hand des Pförtners malen - ein Kompromiss, eigentlich wollte er dessen Stirn bemalen.

Rauf in den vierten Stock, die Tür von Zimmer 42 fällt auf. Love, Frieden, Sorry - Klebestreifen, mit Edding in Großbuchstaben beschrieben, die ganze Tür voll damit. Wolfgang - klein und schmal, verstrubbeltes graues Haar, große Augen - öffnet die Tür. Seit mehr als zehn Jahren lebt er im Haus. "Mir gefällt's hier", sagt Wolfgang, er will, dass nur sein Vorname in der Zeitung stehen soll. Kleiderschrank, Kühlschrank, die Wände: überall Klebestreifen, überall Worte. Ab und zu gibt's Zoff, daran hat er sich gewöhnt. Und manchmal ist er der Grund dafür, weil er seine Botschaft - Love, Liebe, Frieden, Sorry - durch die Nacht schreit.