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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Die Stille vor den Spielautomaten

Las Vegas City - The Greatest Gambling-Hall in Europe, Bayerstraße 9

Das Las Vegas City in der Bayerstraße hat bis drei Uhr morgens geöffnet. Wer durch die Tür geht, betritt eine gedämpfte Welt.

(Foto: Florian Peljak)

Das Las Vegas City an der Bayerstraße war einst Europas größte Spielhalle. Der Glanz ist weg, die Kundschaft kommt trotzdem - und schmeißt weiter stumm Münzen in Automaten. Besuch in einer gedämpften Welt.

Die Nacht ist noch jung, als Joyce ein kleiner Jauchzer entfährt. Ein hohes, lang gezogenes "Ahhhh!", mehr verwundert als triumphierend, dann kichert die 50-Jährige mit dem struppigen Pferdeschwanz und dem schwarzen Rock wie ein Mädchen vor sich hin. Auslöser der guten Laune waren drei Zitronen, die sich zufällig in der gewünschten Ordnung auf dem Bildschirm vor ihr aufgereiht haben. Aus den zehn Euro, die sie in den Schlitz des Spielautomaten gesteckt hat, sind in der letzten Viertelstunde dreißig geworden. Ein hübsches Kapital, um weiter zu spielen.

Das eine "Ahhh" wird in dieser Nacht die einzige Gefühlsäußerung bleiben, die im Las Vegas City zu vernehmen ist. Glücksspiel, so beschreiben es Psychologen, nimmt die Menschen mit auf eine emotionale Achterbahn: überraschende Kehrtwenden, steile Aufstiege, verzweifeltes Bangen, ein Sturz ins Bodenlose. Im einen Moment geht ein Regen von Glückshormonen auf den Spieler nieder, im nächsten sitzt er wieder auf dem Trockenen und hofft auf die nächste warme Dusche.

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Aber ansehen kann man das den Besuchern der Spielhalle an diesem Freitagabend nicht. Mit reglosen Mienen sitzen die Männer und Frauen vor den blinkenden Automaten und drücken mechanisch die Knöpfe. Die meisten wirken teilnahmslos, manche nervös. Ein junger Mann in kurzen Hosen läuft ständig zwischen zwei Automaten hin und her, die er abwechselnd mit Münzen füttert. Dann drückt er ein paar Tasten, stellt ein Schild auf: "Dieses Gerät ist bespielt. Der Spielende ist nur kurz Rauchen gegangen" - und geht zum nächsten Gerät.

Wer in einer Sommernacht des Jahres 2019 durch die Straßen rund um den Bahnhof läuft, der kann sich kaum noch vorstellen, dass hier vor drei Jahrzehnten Maßstäbe in Sachen Rotlicht und Glücksspiel in Deutschland gesetzt wurden. Als Walter Staudinger, genannt der "Pate von München", 1976 in der Bayerstraße die erste Peepshow Deutschlands eröffnete und dafür eigens "21 von innen verschließbare und kunststoffbeschichtete Einmannkabinen" aus den USA importierte, war das dem Spiegel eine ganze Seite wert. Dabei lag dessen Redaktion gerade einmal fünf Taxi-Minuten von der Hamburger Reeperbahn entfernt.

Ein paar Jahre später eröffnete Staudinger neben seiner Peepshow das Las Vegas City, damals die größte Spielhalle Europas. Der Schriftzug steht heute noch an der Fassade der Bayerstraße 9: "The Greatest Gambling-Hall in Europe". Zufall oder Absicht - mit der Dämmerung wird klar, dass das nicht mehr gilt: Die letzten drei Buchstaben in "Greatest" leuchten nicht, das Las Vegas ist eben nur noch eine Spielhalle unter vielen. Von den vielen gesichtslosen Spielhallen im Bahnhofsviertel mit ihren mit Spiegelfolie verklebten Glastüren unterscheidet sie nur noch der Cowboy aus bunten Neonröhren, der draußen an der Hauswand hängt, eine Zigarette im Mundwinkel - letzter Zeuge einer Zeit, in der das Laster noch mit viel Glamour daherkam.

Das Laster ist heute zwar nicht weg, aber es tritt diskret auf und unterliegt strenger staatlicher Reglementierung. Der Glücksspielstaatsvertrag soll "das Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht verhindern" und "den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen lenken", so steht es in der Präambel. In der Fassung vom vergangenen November haben sich die Bundesländer darauf geeinigt, den maximalen Verlust an Spielautomaten auf 60 Euro pro Stunde und Spieler zu beschränken. Bis dahin waren es 80 Euro.

Außerdem darf nicht mehr an mehreren Automaten gleichzeitig gespielt werden, um die vorgeschriebenen Pausen zu umgehen. Sie sollen den Spieler dazu zwingen, inne zu halten, aus einem Rausch aufzutauchen und möglicherweise zur Besinnung zu kommen. Im Las Vegas muss jeder Gast einen Ausweis zeigen, bevor er spielen darf. Zutritt ist erst ab 21 Jahren erlaubt. Das Personal überprüft dann das Alter und ob der Gast auf einer Sperrliste steht, weil er Schulden hat oder weil er sich vielleicht freiwillig auf die Liste gesetzt hat, weil er seine Spielsucht anders nicht mehr unter Kontrolle bekam. Mit einer Chipkarte können die Besucher dann immer ein Gerät freischalten. Aber im Las Vegas stehen auch ein paar Automaten einer anderen Kategorie, die können dann doch parallel gespielt werden.

Sogar das äußere Erscheinungsbild der Spielhallen ist im Staatsvertrag geregelt. Von ihnen darf "keine Werbung für den Spielbetrieb oder die in der Spielhalle angebotenen Spiele ausgehen oder durch eine besonders auffällige Gestaltung ein zusätzlicher Anreiz für den Spielbetrieb geschaffen werden", heißt es da. Außerdem gilt ein Abstandsgebot: Eine Spielhalle muss mindestens 250 Meter Luftlinie Abstand zur nächsten haben.

Das KVR hätte gern weniger Spielhallen in der Innenstadt. Aber als die Abstandsregelung in Kraft trat, standen die Beamten vor einem Problem: Wenn zwei Hallen zu nah aneinander liegen, welche soll denn dann schließen? Also werden bestehende Hallen für eine Übergangszeit geduldet.

Das Las Vegas hat drei Eingänge, die nebeneinander liegen: London, Rio und Berlin. Laut Spielverordnung dürften pro Konzession zwölf Geräte aufgestellt werden, erklärt Daniel Henzgen, aus der Geschäftsleitung der Löwen-Gruppe, zu der auch der Vegas-Betreiber Admiral gehört. Also wurde das Las Vegas dreigeteilt, für jeden Eingang gilt eine eigene Konzession. Solche Verbünde sind seit 2012 zwar verboten, aber auch hier gibt es Übergangsfristen.

Zusammen ergeben das Werbeverbot und die Ausnahmen bei der Abstandsregel Straßenzüge, in denen sich eine gesichtslose Spielhalle an die andere reiht. "Wir plädieren ausdrücklich für eine teiltransparente Lösung, die auch ins städtebauliche Bild vor Ort passt", erklärt Henzgen. Als Betreiber staatlich-konzessionierter Spielhallen habe man nichts zu verbergen.

Wer durch die Tür des Las Vegas geht, betritt eine gedämpfte Welt: Gedimmtes Licht, der braune Teppich schluckt den Schall, Zwischenwände mit Milchglasscheiben trennen jeweils zwei Geräte ab. Niemand spricht. Nur das leise Dudeln der Automaten ist zu hören und irgendwo im Hintergrund läuft Radio MDR Thüringen mit Wohlfühlhits: Pur, Elvis, die Tremeloes:"Silence is Golden". Stiller kann man eine Nacht in München eigentlich nur im Bett verbringen. Die Atmosphäre empfängt einen wie weiche Federn, man kann sich fallen lassen.

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"Unsere Gäste kommen zu uns, um abzuschalten", sagt Bianca Materne, Chefin von elf Admiral-Filialen in München. Abschalten, das heißt vor allem, den Alltag abschalten; den Stress im Job hinter sich lassen, vielleicht auch den Ärger mit Kollegen oder in der Familie. Auf keinen Fall sollen sie natürlich die Geräte abschalten, und damit sie sich wohl fühlen und gut durchhalten, gibt das Personal auch mal einen Kaffee aus und verteilt Bonbons. Zucker und Koffein - die Kombination von Red Bull. Das Original gibt es natürlich auch - für zwei Euro.

Joyce ist vor einem Jahr zum ersten Mal in diese Welt eingetaucht. Eine Freundin hat sie mitgenommen. Seitdem geht sie etwa zwei Mal im Monat hierher. "50 Euro sind mein Limit", sagt sie Wenn sie die verspielt hat, geht sie heim. Heute war sie beim Schlussverkauf im Karstadt nebenan; so viele Sachen waren da noch einmal runtergesetzt, da bliebt was übrig fürs Casino. Joyce ist vor 30 Jahren von den Philippinen nach München gekommen, seitdem arbeitet sie in der Kantine einer großen Versicherung. Sie muss sich ihr Geld hart verdienen. "Meine Tochter darf nicht wissen, dass ich spiele", sagt sie. Deshalb hat sie sich für die Zeitung auch einen anderen Namen ausgedacht. Reglementiertes Glücksspiel ist zwar legal, viele halten ihre Leidenschaft aber trotzdem lieber geheim. Dass ein Prominenter wie Bastian Schweinsteiger sich für eine Kampagne der Automatenwirtschaft hergibt, haben ihm viele übel genommen.