Glücksspiel Bayern scheitert beim Abbau von Spielautomaten

Wie viele Automaten es in Bayern tatsächlich gibt, ist sehr schwer festzustellen. Jüngste Statistiken erfassen nur Geräte in Spielhallen, nicht in Kneipen - Zocken beim Bier sehen Experten oft als Einstieg in Suchtkarrieren.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Regeln, mit denen die Zahl der Spielautomaten reduziert und Wildwuchs in der Branche eingedämmt werden sollte, haben in Bayern bisher so gut wie gar nicht gegriffen.
  • Demnach gab es vor zwei Jahren knapp 21 500 Automaten in Bayerns Spielhallen, in diesem Jahr sind es mit gut 20 900 nicht einmal drei Prozent weniger. In mehreren Ländern sank dagegen die Zahl deutlich, zum Beispiel in Hamburg um 26,8 Prozent.
  • LSG-Geschäftsführer Konrad Landgraf rügt Schlupflöcher durch Härtefälle, wie sie in Bayern bei der Umsetzung des Staatsvertrags entstanden seien.
Von Johann Osel

Die Regeln, mit denen die Zahl der Spielautomaten reduziert und Wildwuchs in der Branche eingedämmt werden sollte, haben in Bayern bisher so gut wie gar nicht gegriffen. Wie die Landesstelle Glücksspielsucht (LSG) meldet, zeigt das die neue Erhebung zur "Angebotsstruktur von Spielhallen und Geldspielgeräten 2018". Demnach gab es vor zwei Jahren knapp 21 500 Automaten in Bayerns Spielhallen, in diesem Jahr sind es mit gut 20 900 nicht einmal drei Prozent weniger.

In mehreren Ländern sank dagegen die Zahl deutlich, zum Beispiel in Hamburg um 26,8 Prozent oder in Niedersachsen und Sachsen um jeweils 20 Prozent. Bundesweit waren es zumindest sieben Prozent. Ein Glücksspielstaatsvertrag der Länder, dessen Inhalte 2017 weitgehend wirksam wurden, sieht unter anderem Mindestabstände zwischen Spielhallen vor; erwartet worden war in der Folge eigentlich die Schließung zahlreicher Standorte und damit ein deutlicher Rückgang des Angebots.

Spieler verzockt ein Vermögen - Freistaat muss zahlen

Immer wieder lockten einen Handwerker die Spieltische der staatlichen Casinos. Da er trotz einer Sperre reingelassen wurde, soll der Freistaat Bayern nun 40 000 Euro Schadenersatz an seine Frau zahlen. mehr ...

LSG-Geschäftsführer Konrad Landgraf rügt Schlupflöcher durch Härtefälle, wie sie in Bayern bei der Umsetzung des Staatsvertrags entstanden seien. "Normalerweise ist ein Härtefall eine Ausnahme, bei uns ist es vielmehr so, dass er die Regel wurde", sagte er der SZ. Die Zahlen brächten ein "ernüchterndes Bild" und seien "definitiv als Aufforderung an die neue Regierung" zu sehen, die Zahl der Automaten endlich zu verringern. Denn: Gelegenheit macht Spieler, heißt es oft unter Experten. Die Landesstelle koordiniert Prävention, Forschung und Beratung zum Thema pathologisches Spielen; sie wird vom Gesundheitsministerium finanziert, arbeitet jedoch unabhängig.

Reglementierung gilt generell als ein heikles Metier: Einerseits liegt es wohl in der Freiheit eines jeden Bürgers, wie und wie oft er spielt; auch ist die Branche mit nach eigenen Angaben bundesweit 70 000 Jobs und als Steuerzahler ein Wirtschaftsfaktor. Andererseits ist das Suchtpotenzial nicht zu verneinen: In Bayern gehen LSG-Experten von 33 000 pathologischen Zockern aus und von 35 000 Menschen mit problematischem Spielverhalten. Dreiviertel der Klienten in den Fachstellen präferieren Automaten. Hilfesuchende hätten im Schnitt 24 000 Euro Schulden. "Häufig bedeutet Glücksspielsucht den Ruin ganzer Familien", so Landgraf. Hinzu kommen Sorgen vieler Städte über Straßenzüge mit einer Ballung an Spielsalons, befürchtet wird eine Abwertung. In den Jahren 2006 bis 2016 hatte sich die Zahl der Automaten in Bayern verdoppelt.

Unter diesen Vorzeichen war es zum Staatsvertrag gekommen, Hallen müssten demnach einige Hundert Meter Abstand einhalten, Großstandorte und Mehrfachkonzessionen wären eingeschränkt. Betreiber konnten aber "unbillige Härten" aufführen und Konzepte vorlegen, "um die Gefährlichkeit der Spielhalle weiter zu vermindern". Nach der Umsetzung 2017 hatte das Innenministerium auf SZ-Anfrage mitgeteilt, dass die Ämter "individuelle Entscheidungen" mit "Beurteilungsspielräumen" träfen und Betreiber sehr häufig von Ausnahmen Gebrauch machten.

Letztlich haben seit 2016 im Freistaat sieben Spielotheken dichtgemacht. Die neuen Daten beinhalten nur Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern und keine Geräte in Kneipen. Die tatsächlichen Zahlen liegen also höher. Gestiegen sind die Kasseninhalte, die Differenz zwischen Einsätzen und bezahlten Gewinnen: Im Vergleich zu 2016 wuchsen sie in der Bilanz für 2018 um gut 47 Millionen auf jetzt 673 Millionen Euro.

Gleichwohl steht die Branche nicht nur unter Druck von Vorschriften und schlechtem Ruf; sondern auch von Abwanderung der Spieler ins fast unbegrenzte Online-Glücksspiel. Der Verband Deutsche Automatenwirtschaft betont: "Mit spielsüchtigen Menschen wollen wir kein Geld verdienen." So setze man sich Ziele beim Spielerschutz, die über die Gesetze hinausgingen. Gerade startete man eine Kampagne mit dem Fußballer Bastian Schweinsteiger - eine "Aufklärungskampagne", keine Werbung, wie es hieß.

Man sehe "durch eine verfehlte Regulierung nur nach Größe und Abstand illegale Angebote wachsen". Die Branche stehe für Qualität, Jugendschutz und geschultes Personal. Systematische Zutrittskontrollen wie in staatlichen Casinos und eine bundesweite Sperrdatei für einsichtige Süchtige schlägt man vor. Das fordert übrigens auch die LSG. In einigen Ländern ist die Möglichkeit von Sperren in einzelnen Hallen oder landesweit erprobt beziehungsweise angedacht. In Bayern besteht kein Rechtsanspruch auf Sperren.