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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Wenn nachts im Münchner Tierpark die Robben leise schäkern

Tierpark Hellabrunn bei Nacht

Bitte nicht stören: Im roten Schimmer einer Speziallampe schaut ein Kronenkranich in Hellabrunn in die Kamera.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei Dunkelheit gehört der Zoo den Tieren. Wenn die Besucher weg sind, ist in den Gehegen Zeit für Wellness und Romantik. Manchmal aber bricht auch der Jagdtrieb durch.

Sonja schläft nicht. Ihre Truppe hat sich schon in die Kojen zurückgezogen, aber sie hat etwas Ungewöhnliches beobachtet. Jetzt steht sie vor der Panzerglasscheibe und blickt die Besucher skeptisch an. Auge in Auge mit einem Gorillaweibchen. Massige Schultern und durchdringender Blick. Vielleicht fragt sie sich, was die Besucher hier noch wollen. Jetzt ist ihre Zeit.

Nachts gehört der Zoo den Tieren. Um 18 Uhr schließen Hellabrunns Tore. Der Nachtwächter, der seine erste Runde dreht, bittet die letzten Besucher hinaus. Eine letzte Fütterung. Sonja und die anderen Menschenaffen bekommen hauptsächlich Gemüse zu essen, vielleicht noch ein Leckerli zum Abschluss des Tages. Mit Medikamenten, falls das Tier sie braucht; die ein oder andere Schimpansendame nimmt die Pille. Eine Tierpflegerfamilie mit Kleinkind picknickt an warmen Nächten wie dieser gerne noch draußen, bei den Giraffen zum Beispiel.

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Ein paar Mitarbeiter des Zoos wohnen in Betriebswohnungen auf dem Gelände. "Wenn geschlossen ist, kehrt Ruhe ein, wir stören die Tiere dann nicht weiter", sagt Robert Müller, Chef der Tierpflege. "Da fährt keine Kehrmaschine durch oder so." Hochbetrieb herrscht zwischen 5 und 9 Uhr morgens, vor dem Einlass. Da werden die Tiere gefüttert, da wird geputzt. Aber abends haben auch die Tiere Feierabend von ihrem Job als Botschafter ihrer Art.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn eine große Geburt ansteht, zum Beispiel, sind Tierpfleger und -ärzte vor Ort. Oder wenn Alarm ausgelöst wird, weil das Aquasystem in einem Aquarium droht, aus dem Gleichgewicht zu geraten, etwa wenn nach einem Stromausfall eine Pumpe nicht anspringt. Dann wird ein Aquaristiker aus dem Schlaf gerissen und muss innerhalb einer halben Stunde da sein, denn die Korallen sind so hochsensibel, dass sie selbst bei kleinen Temperaturschwankungen absterben können.

Sonja sieht sich immer noch die späten Besucher hinter der Scheibe an. Sie ist von Tierpflegern aufgezogen worden und nicht menschenscheu. Nach Einbruch der Dämmerung scheinen sich die Machtverhältnisse umzukehren. Der Affe beobachtet den Menschen. Die Orang-Utans hingegen sind schon eingenickt. Einer von ihnen in der Hängematte. Menschenaffen schlafen nachts, wenn auch nicht so lange und tief wie ihre Verwandten auf der anderen Seite der Scheibe. Einem Menschen würde es auch nicht gelingen, auf einer hohen Astgabel abgelegt einzuschlafen, wie es der Siamang, eine Gibbon-Art, draußen im Gehege gerade versucht. Nurmehr seine Silhouette ist erkennbar, blaue Stunde, der Mond ist aufgegangen und taucht den menschenleeren Tierpark in silbriges Licht. Der Gibbon gähnt.

Tierpark Hellabrunn bei Nacht

Gleich spannt der Flughund seine Flügel und gleitet durch die tropisch-feuchtwarme Luft.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Gajendra taucht vor dem Elefantenhaus seinen Rüssel ins Wasser. Seine Stoßzähne schimmern hell. Asiatische Elefanten lieben das Wasser, deswegen haben sie ein tiefes Becken zur Verfügung, "das sind vier Tonnen schwere Tiere, und sie genießen die Schwerelosigkeit genauso wie wir Menschen", sagt Chef-Tierpfleger Müller. Was sie nicht genauso genießen wie Menschen, ist stundenlanges Liegen.

Eine, eineinhalb Stunden, länger bleibt ein Elefant in der Regel nicht auf dem Boden, das machen ihre Organe nicht mit, dafür sind sie zu schwer. Sie dösen oft im Stehen. Einen richtigen Tag-Nacht-Rhythmus haben sie ohnehin nicht. Drinnen schmeißt sich Elefantenkuh Panang Dreck über den Rücken. Mangala, die Gajendra anhimmelt, hat wie so oft einen Ast im Mundwinkel stecken, einen selbst gebastelten Stoßzahn. Gajendra schaut kurz vorbei, um dann wieder nach draußen in die Nacht zu entschwinden.

Wenn sich nicht gerade ein Gewitter angekündigt hat, können die Tiere ein- und ausgehen wie sie wollen, um zum Beispiel die Nachtkühle auszunutzen, statt im stickigen Gebäude zu schlafen. "So gewinnen sie deutlich an Lebensqualität. Früher, als ich gelernt habe, war das noch anders", sagt Tierpfleger Müller, der seit 40 Jahren auf dem Gelände lebt. "Wenn die Tiere über Nacht eingesperrt sind, lassen sie sich besser kontrollieren, etwa, ob sie gefressen haben."

Tierpark Hellabrunn bei Nacht

Ein Pfeiffrosch sitzt in der Nacht im Tierpark Hellabrunn auf einem Blatt.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Himmel über Hellabrunn hat sich tintenblau verfärbt. Das dumpfe Brüllen eines Löwen hallt durch die Nacht. Frösche quaken, Grillen zirpen. 740 verschiedene Tierarten werden im Zoo gehalten, aber nicht nur die Tiere, wegen denen die Besucher kommen, die Elefanten, die Löwen, die Eisbären, leben hier. Auf dem 40 Hektar großen Gelände bei der Isar mit seinen verschlungenen Wegen, dem alten Baumbestand und den Teichen haben sich unzählige heimische Tiere angesiedelt. Immer wieder kommt es auch vor, dass ein Fuchs ein Zootier reißt.

Über viele Jahre ist ein eigener Lebensraum gewachsen, der nachts, wenn der Mensch sich zurückgezogen hat, erst richtig erwacht. Einer, in dem es nach Isarauen riecht und nach Steppe klingt. Einer, in dem Zebras das Brüllen der Löwen hören können, aber nicht mehr davor erschrecken - anders übrigens als vor den Böllern bei Grillpartys. Einer, in dem der Zaun der Humboldt-Pinguine nachts unter Strom steht, damit kein Fuchs ein Massaker im Gehege veranstaltet. In dem ein nachtaktiver Roter Panda in der Baumkrone sitzt und sich putzt, während in einem Baum unweit davon ein Pfau schläft. Isarauen, Steppe, Dschungel, ewiges Eis verschwimmen in der Dunkelheit zu einem Ganzen.

Yaks und Zebras drehen ihre Ohren, wenn sie ein Geräusch wahrnehmen, und verharren aufmerksam. Die Saruskraniche haben sich zum Schlafen ins Wasser gestellt, so könnten sie Angreifer sofort hören. Zwei Robben schäkern leise miteinander, eine kratzt sich am Kinn.

Tierpark Hellabrunn bei Nacht

Zebras in ihrem Gehege.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Alles ist gedämpfter in der Nacht. Und während sich die beiden Löwenbrüder nun aneinandergeschmiegt auf einen Felsen schlafen gelegt haben, bleiben andere Tiere immer in einer gewissen Habachtstellung. Aber Raubtiere wie Fluchttiere gewöhnen sich an das sichere Leben im Zoo, an die Vollpension und den Schutz des Geheges, und werden geruhsamer und entspannter als ihre Artgenossen in der freien Wildbahn.

Seit die ganze Nacht eine Wache im Zoo patrouilliert und an sensiblen Punkten Kameras installiert wurden, sind auch Einbrüche selten geworden. Als Mutprobe sind Betrunkene früher manchmal eingestiegen, einmal zertrümmerte jemand die Tiefkühltruhe am Kiosk, Stühle wurden in Teiche geschmissen. Das ist nicht nur für Tiere gefährlich, sondern, wenn sie an die falschen Tiere geraten, auch für die Einbrecher.

Im Nashornhaus frisst Niko, das Nashorn, schmatzend vor sich hin. Sein Mitbewohner, das Faultier, hängt an einem Ast, dreht träge den Kopf und blinzelt mit seinen Knopfaugen. 20 Stunden pro Tag schläft es in etwa, wann genau, da ist es nicht wählerisch. Abgesehen von Nikos Schmatzen ist alles still. Anders im Dschungelhaus: Pfeiffrösche erfüllen es mit ihren Lauten, winzig kleine, beinahe durchscheinende Tiere, deren Bäuche und Wangen sich abwechselnd aufpusten.

Kakerlaken huschen über den Boden, und der Flughund, der eben noch wie ein Kokon im Baum hing, spannt seine Flügel und gleitet durch die tropisch-feuchtwarme Luft. Ein paar Schritte entfernt vom Dschungelhaus sind die Frösche noch gedämpft zu hören, ihr Klangteppich mischt sich mit dem Bellen eines Mähnenwolfs, den Rufen des sibirischen Uhus und emsigem Grillenzirpen. Gegenüber, vor dem Elefantenhaus, taucht Gajendra wieder seinen Rüssel ins Wasser. Vielleicht wacht er darüber, dass die menschlichen Besucher Hellabrunn auch wirklich verlassen. Und die Nacht wieder den Tieren gehört.

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