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SZ-Serie: München erschwinglich:Suche Matschhose, biete Plastik-Dino

Laden mit dem Namen: Kinderkram, Kidlerstraße 34, Sendling

Bei "Kinderkram" von Mechthild Laier gibt es auch viele Kuscheltiere wie den Pu-Bären, den Emilie haben will.

(Foto: Florian Peljak)

Weil Basare und Flohmärkte in der Corona-Pandemie nicht stattfinden können, erfahren die gut ein Dutzend Second-Hand-Läden für Kinder in München großen Zulauf.

Von Sabine Buchwald

Die Matschhose gehört zur Kleinkind-Grundausstattung wie das Lieblingskuscheltier und der Langarmbody. Sie ist eine Freundin der Waschmaschine, hält Dreck und Nässe ab. Mit nur einer dieser Rundumschützer aber kommt kaum ein Kind gut durch kühle Monate. Die Kita fordert ein Reserveexemplar am Garderobenhaken, und Hosenbeine werden schnell zu kurz, wenn man noch im Wachstum ist. Kein Wunder also, dass sie ein begehrtes Second-Hand-Objekt ist. "Matschhosen, Gummistiefel und Jacken werden derzeit stark nachgefragt", bestätigt Stephanie Heikes, Betreiberin des kleinen Second-Hand-Kinderkleidergeschäftes "Klamottchen" am Gollierplatz.

Seit zehn Jahren kennt man Heikes im Westend. Der Laden gegenüber der Bergmann-Schule ist inzwischen ihr dritter Standort im Viertel. An Kunden mangle es nicht, sagt sie. Die einen bringen Kleidung, die zu klein geworden ist, und verdienen ein bisschen dabei. Die anderen freuen sich, wenn sie nicht so viel für die Garderobe ihre Kinder ausgeben müssen. Viele Kunden sind Verkäufer und Käufer und kämen bis aus Landsberg und weiter.

Laden mit dem Namen: Kinderkram, Kidlerstraße 34, Sendling

Mechthild Laier in ihrem Büro in der Zentrale des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in der Dachauer Straße.

(Foto: Florian Peljak)

Gut ein Dutzend Kinder-Second-Hand-Läden gibt es in München. Die Corona-Zeit habe den Trend zur Zweit- oder gar Mehrverwertung von Kleidung und Spielzeug noch weiter verstärkt, hört man allerorten. Die Läden erfahren großen Zulauf, weil coronabedingt derzeit nur wenige Flohmärkte in Kirchen, Kitas und Schulen stattfinden. Diese sind feste Größen im Jahreslauf von Familien unabhängig von Einkommen und Status. Sie sind nicht nur Bausteine-Börsen, sondern Umschlagplätze für Tipps und Infos. Auf ihnen sieht man Eltern zu knallharten Feilschern werden.

Geübte erkennt man an ihren großen Einkaufstaschen, in denen Plastik-Dinos oder Glitzerponys verschwinden, die für weniger als ein Eis den Besitzer wechselten. Bei kleinen Preisen weicht nicht selten der Widerstand der Eltern gegen einen Kinderwunsch. Ein weiterer Grund für den Second-Hand-Trend: Viele Erwachsene denken an Nachhaltigkeit in einer Welt des Überflusses. Jedes Kleidungsstück, jedes Spielzeugauto, jedes Gummitierchen, das man von jemandem übernimmt, hat eine Geschichte und bekommt augenblicklich bei der Übergabe auf dem Flohmarkt oder im Second-Hand-Laden eine neue hinzu.

Die Kita "Kinderreich" in Giesing schreibt mit ihrem "Herbstbasar 2020" gerade an einer Geschichte, die Beispiel sein könnte für andere. Statt des traditionellen Flohmarktes in den Räumen an der Ohlmüllerstraße wird dort seit ein paar Tagen über Whatsapp verkauft und gekauft. Wer mitmachen möchte, bittet Elternbeiratsvorsitzende Melissa Leis um Aufnahme in die Gruppe (Mail an elternbeirat-kita-kinderreich@outlook.com). Mit Bildern zeigt man, was man loswerden möchte und setzt seine Preisvorstellung dazu. Die Gruppe stehe auch fremden Eltern offen, sagt Leis. Gleichzeitig mache man ja Werbung für die Einrichtung. Mehr als 50 Teilnehmer sind derzeit dabei, angeboten werden etwa eine Spielküche, deren "Ofentür ein bisschen hakt", das "Obstgarten-Spiel" und jede Menge Winterkleidung. "Der Basar ist zum Selbstläufer geworden", sagt Leis, ein Ende sei nicht geplant.

Auch bei "Kinderkram" in der Kidlerstraße fragen die Kunden derzeit oft nach Matschhosen. Ebenso nach Schneeanzügen und Schuhen, lässt sich Mechthild Laier von einer Mitarbeiterin sagen. Laier ist nur manchmal hier in Sendling anzutreffen. Ihr Schreibtisch steht in der Zentrale des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in der Dachauer Straße. Sie koordiniert die ehrenamtlichen Helfer. Derzeit hat "Kinderkram" nur zwei Tage geöffnet. Es fehlen mehr Freiwillige, die mit anpacken wollen. Neun Frauen und ein Mann ermöglichen Montag- und Donnerstagnachmittage.

Der Laden ist zu einem Treffpunkt in Sendling geworden. Die Stangen und Regale sind voll mit Anziehsachen und Spielzeug. Obenauf stehen einige Autokindersitze. Alles kommt von Spendern. Manche stellen einfach ihre Kisten vor die Eingangstür, was bisweilen Ärger bringt. Passanten wühlen darin und Sachen bleiben auf dem Gehweg liegen. "Spenden besser während der Öffnungszeiten abgeben", bittet Laier. Verkauft wird etwa bis Größe 128. Nur Bücher gibt es auch für Größere. Ein Band von Isabel Abedis "Lola"-Bestsellern beispielsweise für drei Euro, T-Shirts und Jogginghosen für zwei, ein Babybody für nur einen. "Man trifft hier Leute aus allen Schichten", sagt Laier. Es sei keine Schande, gebrauchte Sachen zu kaufen, sondern umweltbewusst. Viele Leute dächten inzwischen so.

Laden mit dem Namen: Kinderkram, Kidlerstraße 34, Sendling

Bei "Kinderkram" gibt es viel gebrauchte Kleidung.

(Foto: Florian Peljak)

Einige Kinderkram-Kunden freilich müssen mit jedem Euro rechnen. Kinder von Klienten des SkF dürften sich gar einmal im Quartal von Kopf bis Fuß einkleiden, erzählt Laier: "Sie können sich einfach aussuchen, was ihnen gefällt." Ein Teil der Einnahmen geht regelmäßig an soziale Projekte. Dieses Jahr hat sich das Team für die Unterstützung eines Eltern-Kind-Zentrums entschieden.

In München gibt es 28 solcher Zentren, zu finden sind sie hier. Nirgends sonst in Bayern ist die Dichte so hoch. Ihre Geschichte geht ins Jahr 1981 zurück, damals wurde das erste in der Neuaubinger Wiesentfelser Straße eröffnet. Ein Landesverband koordiniert die meist als Vereine organisierten Treffpunkte, die einen gemeinsamen Ansatz haben: Eltern und Kinder zu unterstützen und zusammenzubringen. In jedem Neubaugebiet wird mittlerweile ein solches Zentrum mit eingeplant, sagt Susanne Veit, Geschäftsführerin des Landesverbandes. Regelmäßig organisiert etwa das Mütter-Väter-Zentrum in Neuhausen an Sonntagen einen "Alleinerziehungsbrunch" und bietet Homöopathie-Sprechstunden. Stillberatung, Turnen, Basteln stehen dort und anderswo in den Terminkalendern. Wie in Neuhausen kann man an vielen dieser familienfreundlichen Orte Second-Hand-Klamotten finden oder zumindest schwarze Bretter, über die Betten, Laufräder oder Kaufläden neue Benutzer finden.

Diese Familienzentren haben neben ihren Second-Hand-Läden oder Flohmärkten eine wichtige Funktion in der Stadtgesellschaft. Sie sind Umschlagsorte für etwas, was wertvoller ist als günstige Matschhosen: Hier werden Wissen und Erfahrungen weitergegeben von Menschen für Menschen, die mit Kindern leben.

Deshalb, aber nicht nur deshalb, sind auch Kinderfreizeitgebote notwendig und schön. Der Verein Feierwerk bietet in München an mehreren Standorten kostenlose oder sehr günstige Mitmach-Gelegenheiten. Seit 4. Oktober gibt es beispielsweise wieder das Kino in der Jugendfreizeitstätte Südpolstation in Neuperlach; im Dschungelpalast in Sendling-Westpark kann man sich im Familien-Café freitags und sonntags von 15 Uhr an zum Ratschen und Basteln treffen. In Sendling entsteht auch Radio-Feierwerk: Zu hören ist das Kinderprogramm samstags von 7 bis 12 und sonntags von 6 bis 9 Uhr auf UKW 92,4. Nachwuchsreporter sind übrigens sehr willkommen.

© SZ vom 21.10.2020/vewo
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