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Muslime in München:Botschaften per Videostream und Fastenbrechen "to go"

Iman Popal im leeren Gebetsraum seiner Civitas-Gemeinde in Sendling, Ramadan

Iman Popal im leeren Gebetsraum seiner Civitas-Gemeinde in Sendling.

(Foto: Catherina Hess)

An diesem Freitag beginnt der Fastenmonat Ramadan - doch auch die Moscheen sind in der Corona-Zeit geschlossen. Als Alternative soll es auch hier Online-Angebote geben.

Positiv denken. Darum bemüht sich Benjamin Idriz. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, da den Muslimen ein Fastenmonat unter widrigsten Umständen bevorsteht. Idriz also wendet die Beschwernis ins Positive und sagt: "Wir werden diesen Ramadan in den nächsten Jahren vermissen." Einen Ramadan, in dem die meisten Moscheen geschlossen und Gottesdienste derzeit nicht in Sicht sind? In dem das gemeinsame abendliche Fastenbrechen, das Iftar-Essen, in der Moschee ausfällt? So einen Ramadan soll man vermissen? Ja, sagt Idriz, der Imam in Penzberg ist und zugleich dem Münchner Forum für Islam (MFI) vorsteht. Ja deshalb, weil sich die Gläubigen dieses Jahr stark auf ihre Familie fokussieren werden. Das meiste, was normalerweise in der Moschee stattfindet, geschieht zu Hause. Eine ganz neue, familiäre Atmosphäre sei also zu erwarten, etwas Wertvolles, auf andere Art eben.

Am Donnerstag beginnt der Ramadan mit dem Nachtgebet, Freitag ist der erste Fastentag. Bis 23. Mai werden gläubige Muslime tagsüber weder essen noch trinken, das ist ihnen erst nach Sonnenuntergang erlaubt, diesen Freitag von 20.20 Uhr an. "Es ist eine Herausforderung", sagt Idriz zum Ramadan in Corona-Zeiten. Solange die Behörden keine Lockerungen für Gotteshäuser erlauben, sind Zusammenkünfte auch in Moscheen untersagt. Zwar sei seine Penzberger Moschee offen, damit Gläubige einzeln beten könnten, "aber es kommt keiner", sagt Idriz und lacht. Alle befolgten die Bitte, daheim zu beten.

Im Ramadan gehört das gemeinsame, abendliche Fastenbrechen ebenso wie das anschließende Nachtgebet und die tägliche Koranrezitation zu den spirituellen Grundelementen. Wie die meisten christlichen Pfarreien zu Ostern wollen sich auch die beiden Gemeinden von Benjamin Idriz vor allem mit Online-Angeboten behelfen. In der Morgendämmerung will Idriz von Penzberg aus eine spirituelle Botschaft senden. Rechtzeitig vor Sonnenuntergang wollen sie, auch im MFI, täglich eine Iftar-Botschaft versenden, die dann zum Essen zu Hause gelesen wird. Die Koranrezitation soll jeden Nachmittag aus dem MFI und aus Penzberg gestreamt werden. Keine Online-Alternative werde es dagegen fürs Nachtgebet geben, dafür sei die körperliche Anwesenheit nötig.

Da es keinen Dachverband der Münchner Moscheen gibt, wird sich wohl jede der gut 50 Gemeinden andere Notlösungen für den Ramadan ausdenken. In der Pasinger Moschee ist man noch am Überlegen, wie Dursun Tosun, der Vorsitzende, berichtet: "Eine konkrete Lösung haben wir noch nicht, das wird spontan entschieden." Er befürchtet, dass die Ramadan-Pflichten zu Hause eher lax gelebt werden, da sei die "Disziplin" eher gering.

Ahmad Popal hat jenseits der spirituellen Erschwernisse weitere Sorgen: Seiner Civitas-Gemeinde in Sendling gehe das Geld aus. Normalerweise bringen die Muslime ihren Mitgliedsbeitrag in bar zur Gemeinde, dann, wenn sie zum Beten kommen. Jetzt, da das gemeinsame Gebet entfalle, fehle auch das Geld, und so werde es sehr eng mit der Miete für den Gebetsraum in einem Hinterhof. "Es ist existenziell", beschreibt Popal die Lage der Gemeinde, deren Mitglieder familiäre Wurzeln in vielen unterschiedlichen Ländern haben.

Und nun auch noch ein Ramadan ohne die übliche Gemeinschaft, "das schmerzt mir in der Seele". Aber immerhin, eine Idee für eine Notlösung habe er, und er hoffe, dass sie sich umsetzen lasse: "Iftar to go". Um den Gläubigen auch in diesen Zeiten etwas anzubieten, um die Älteren und Schwächeren nicht allein zu lassen, wolle er gerne in den Gemeinderäumen jeden Abend Speisen bereitstellen, die man mitnehmen könne. Und das persönliche Gespräch wolle er auch jetzt anbieten: Sei es am Telefon oder, wenn nicht anders möglich, bei einer anstehenden Scheidung oder einer tiefen psychischen Krise etwa, auch bei einem persönlichen Treffen, natürlich mit Abstand und am besten draußen beim Spaziergang.

"Das Leben ist wichtiger als alles": Damit versucht Izet Bibic sich und die anderen zu trösten. Er ist Imam des Dachverbands der bosnischen Gemeinden, wozu in München fünf Moscheen gehören. Auch er will im Ramadan ein spirituelles Grundangebot online anbieten, Live-Vorträge und -Seminare etwa. "Die Leute sind traurig, aber jeder versteht diese Situation": So beschreibt Bibic die Stimmung in seinen Gemeinden. Er hoffe auf Lockerungen der Beschränkungen. "Was können wir machen?", fragt er. "Wir können beten."

Beten wird auch Imam Idriz, aber er schreibt auch Briefe. Kürzlich hat er Ministerpräsident Markus Söder gebeten, bei den Gesprächen über künftige Lockerungen doch auch die Muslime einzubeziehen, als zweitgrößte Glaubensgemeinschaft nach den Christen. Während des MFI in der Münchner Altstadt auf jeden Fall bis Ende Mai geschlossen bleibe, überlege die Penzberger Gemeinde, wie man bei einer erhofften Lockerung der Corona-Regeln im Mai zumindest einen eingeschränkten Betrieb starten könnte: Es dürften nur 15 oder 20 Menschen gleichzeitig in die Moschee, den Teppich würde man mit Folie abdecken und jeden Gläubigen bitten, seinen eigenen Gebetsteppich von daheim mitzubringen. Jeder solle dann auch seinen eigenen Koran dabeihaben und die rituelle Waschung zu Hause vornehmen. Dieses Konzept habe er inzwischen auch der Staatskanzlei vorgeschlagen, sagt Idriz.

Zum Fastenmonat hat Idriz eine weitere Bitte, diesmal an den Bayerischen Rundfunk. Er bitte Intendant Ulrich Wilhelm, an muslimischen Festtagen über Muslime und ihren Glauben zu berichten. Zum Beispiel zum 27. Tag des Ramadan. Die wichtigste Nacht im muslimischen Jahreslauf, die "Nacht des Schicksals", in der die Gläubigen der Offenbarung des Koran gedenken, fällt heuer auf den 19. Mai. Da könnte doch der BR sein Programm entsprechend gestalten, wünscht sich Idriz. Und am 24. Mai, zum Ramadanfest, könnte das Fernsehen aus einer Moschee live übertragen, ähnlich wie an Ostern aus Kirchen. Falls der BR eine Moschee suche, sagt Idriz - das TV-Team könne gerne zu ihm nach Penzberg kommen.

© SZ vom 23.04.2020/syn
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