Prozess in München:Masken-Verweigerer räumt Faustschläge ein

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U-Bahn München

Zum Prozessauftakt hat der Angeklagte die Tat eingeräumt.

(Foto: dpa)

Ein Fahrgast bittet einen 20-Jährigen und seine drei Bekannten in der U-Bahn, sich FFP-2-Masken aufzusetzen. Darüber gerät der junge Mann so in Wut, dass er den Passagier bis zur Bewusstlosigkeit ins Gesicht schlägt.

Von Andreas Salch

Ein- oder zweimal hatte der Angestellte Armin F. (Name geändert) Menschen schon im Supermarkt daran erinnert, doch bitte eine FFP-2-Maske zu tragen. Das war im vergangenen Jahr, noch vor dem fast vollständigen Wegfall der Maskenpflicht. Als der 57-Jährige in den späten Abendstunden des 4. November 2021 dann aber vier Jugendliche in der U2 aufforderte, sich eine FFP-2-Maske aufzusetzen, eskalierte die Situation. Ein 20-jähriger Lagerarbeiter griff Armin F. an und schlug solange mit der Faust auf ihn ein, bis er das Bewusstsein verlor.

Seit diesem Mittwoch muss sich Walad L. (Name geändert) für die Tat vor einer Jugendstrafkammer am Landgericht München I verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen versuchten Totschlags erhoben. Walad L. hat die Tat zum Auftakt der Verhandlung in einer Erklärung, die sein Verteidiger verlas, eingeräumt. Darin bekennt er unter anderem: "Ich weiß, dass ich völlig unangemessen und blöd reagiert habe."

Um 23.21 Uhr in jener Nacht des 4. November 2021 waren Walad L. und seine Bekannten am U-Bahnhof Giesing in die U2 Richtung Messestadt Ost eingestiegen. Kurz darauf, an der Station Innsbrucker Ring, stieg Armin F. zu. Er sah Walad L. und seine drei Bekannten, die keine FFP-2-Masken trugen, und ging auf sie zu. Was er genau zu ihnen gesagt habe, wisse er nicht mehr, sagte der 57-Jährige bei seiner Vernehmung zum Vorsitzenden Richter Matthias Braumandl. Es sei jedenfalls ein "deutlicher Hinweis" darauf gewesen, "dass ein Verstoß gegen die Regel stattfand", so der Angestellte. Doch die Vier hätten nicht im Geringsten auf seine Aufforderung reagiert.

Selbst dann, als er sie auf ein Plakat in der U-Bahn aufmerksam gemacht habe, das auf die Pflicht zum Tragen einer FFP-2-Maske hinwies, hätten sie ihn "nicht eines Blickes gewürdigt". Das habe ihn gewundert, berichtet Armin F. Er habe noch ein Foto mit seinem Handy von der Gruppe gemacht und sei dann an der Haltestelle Kreillerstraße ausgestiegen. Von da an könne er sich an nichts mehr erinnern. Seine Erinnerung setzte erst wieder ein, als er auf einer Station im Klinikum rechts der Isar aufwachte.

Was nach dem Aussteigen geschah, haben Kameras aufgezeichnet

Zu der Situation in der U-Bahn und danach gibt es Aufnahmen von Überwachungskameras. Als Richter Braumandl Armin F. fragt, ob er sie sich ansehen könne, verneint der 57-Jährige. Armin F. befindet sich aufgrund der Tat in psychotherapeutischer Behandlung. Er hoffe, dadurch wieder "sicherer" zu werden, erklärt F.

Was von dem Moment an passierte, als bei dem Angestellten die Erinnerung aussetzte, steht in der Anklage der Staatsanwaltschaft. Auch Walad L. und seine drei Bekannten waren ebenso wie das spätere Opfer an der Station Kreillerstraße ausgestiegen. Der Lagerarbeiter und eine Bekannte gingen zunächst in Richtung Rolltreppe am östlichen Ausgang, machten jedoch nach ein paar Schritten kehrt, um den Ausgang zur St.-Veit-Straße zu nehmen, den auch die beiden anderen ansteuerten.

Auf dem Weg zurück liefen Walad L. und seine Bekannte direkt an Armin F. vorbei. Der soll zu dem Lagerarbeiter gesagt haben, dass er wohl in die falsche Richtung laufe. Das war offenbar der Tropfen, der bei dem 20-Jährigen das Fass zum Überlaufen brachte. Walad L., der noch über die Situation in der U-Bahn verärgert gewesen sein soll, geriet laut Anklage wegen der Bemerkung von Armin F. derart in Wut, dass er beschloss, ihn "abzustrafen".

Blitzschnell versetzte der eher schmächtige Lagerarbeiter dem etwas korpulenten Angestellten mit beiden Händen einen heftigen Stoß gegen den Oberkörper, so dass er ins Taumeln geriet. Walad L. lief dem 57-Jährigen im Laufschritt hinterher und sprang ihn an. Armin F. wurde zu Boden geschleudert, Walad L. setzte sich auf ihn und begann mit "ungedämpfter Wucht", wie es in der Anklage heißt, in das Gesichts seines Opfers zu schlagen. Insgesamt sieben Faustschläge versetzte er dem Angestellten. Dann rief ihm einer seiner Bekannten zu: "Das reicht, hör' auf." Armin F. lag regungslos und blutend am Boden und hatte das Bewusstsein verloren. Walad L. und seine Bekannten flohen.

Der 20-Jährige wurde wenige Stunden später in der Nähe des Tatorts von der Polizei festgenommen. Der Grund, warum Armin F. besonders darauf achtet, dass die Menschen um ihn herum stets eine FFP-2-Maske tragen, ist seine schwer erkrankte Frau. Um sie nicht mit dem Coronavirus zu infizieren, müsse er "extrem vorsichtig" sein. Mit dem Urteil wird Anfang August gerechnet.

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