Pflegemangel in München:Wann das Pflegesystem zu kippen droht

Pflegemangel in München: Pflegetag in den München Kliniken: Bei der Informationsveranstaltung darf man auch in die Frühchenstation schauen - hier bei einer Übung mit Puppen von (von links) Pflege-Azubi Nico Meier, Schnuppertag-Besucherin Sirree Jawad und Diana Bechthold, Azubi für Kinderpflege.

Pflegetag in den München Kliniken: Bei der Informationsveranstaltung darf man auch in die Frühchenstation schauen - hier bei einer Übung mit Puppen von (von links) Pflege-Azubi Nico Meier, Schnuppertag-Besucherin Sirree Jawad und Diana Bechthold, Azubi für Kinderpflege.

(Foto: Catherina Hess)

Mit aller Kraft und vielen Lockmitteln rekrutieren Altenheime und Krankenhäuser neue Pflegekräfte. Doch der Bedarf wird so stark steigen, dass es trotzdem nicht reichen wird. Welche Lösungen sind in Sicht?

Von Ekaterina Kel

Günstige Wohnungen, vielversprechendes Einstiegsgehalt, Freizeitangebote, bezahltes Deutschlandticket: In einem Besprechungsraum wirbt eine Frau aus der Personalabteilung der München Klinik dafür, bei ihr im Unternehmen zu arbeiten. "Was können wir euch bieten, wenn ihr zu uns kommen wollt?", sagt sie.

Ihr gegenüber sitzt ein gutes Dutzend junger Menschen. Die meisten stehen kurz vor dem Abschluss der Mittel- oder Realschule oder sie haben schon einen Abschluss aus dem Ausland und machen einen Vorbereitungskurs an der Volkshochschule. Es ist "Praxistag Pflege" und die Berufsfachschulen der Stadt öffnen ihre Türen für Interessierte. Sie sollen sehen, wie toll der Pflegeberuf ist und sich möglichst zahlreich dafür entscheiden. Denn um Pflegerinnen und Pfleger ist es knapp bestellt. Und es wird immer knapper.

In einer großangelegten Monitoring-Studie rechnet die Vereinigung der Pflegenden in Bayern für das Bundesland vor, dass bereits 2028 der Kipppunkt erreicht ist, an dem mehr Pflegende in Rente gehen als neue nachkommen. Das heißt, die Gesundheits- und Pflegebranche, die jetzt schon mit Personalmangel zu kämpfen hat, wird spätestens in sechs Jahren in ernste Schwierigkeiten kommen. Gleichzeitig prognostiziert die Studie einen wachsenden Pflegebedarf in der Bevölkerung, es wird schlichtweg immer mehr Alte geben. "Weniger Pflegekräfte bei steigendem Bedarf: Das wird zu einem echten Problem", sagt Thomas Klie von der AGP Sozialforschung, einem Forschungsinstitut für Gerontologie und Pflege. Zusammen mit dem Institut für angewandte Pflegeforschung (DIP) hat er die Studie geleitet.

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(Foto: SZ-Grafik; Quelle: Bayerisches Landesamt für Pflege)

Weil Pflege so ein Mangelberuf sei, würden Berufseinsteiger in dieser Branche regelrecht umworben, so Klie. Dieser Eindruck stellt sich auch beim Praxistag an diesem Nachmittag in der München Klinik ein. Der Leiter der Akademie, Rainer Ammende, breitet die Arme aus, wenn er zu den Schülern spricht: "Es werden viele Pflegekräfte gebraucht." Diese jungen Menschen können sich aussuchen, wo sie hinwollen - und sie werden dort dankend empfangen. Am liebsten würden wir sie alle direkt einstellen, scherzt einer der Organisatoren an diesem Schnuppertag.

Eine, die tatsächlich direkt anfangen könnte, ist Sirree Jawad. Die 30-Jährige ist bereits ausgebildete Krankenschwester, wie sie erzählt. Nur leider werde ihre Ausbildung aus dem Irak nicht anerkannt. Deshalb muss sie hier noch mal die Ausbildung durchlaufen, drei Jahre, bis zur anerkannten Pflegefachkraft. Als vierfache Mutter, drei Kinder als Frühchen geboren, möchte sie später gern auf der Früh- und Neugeborenenstation arbeiten, sagt sie. Nach der Begrüßung vom Akademie-Leiter geht es für sie und die anderen Interessierten zu den Übungspuppen - Babys aus Plastik - im Praxisraum. Zwei Auszubildende und eine Praxisanleiterin zeigen ihnen, wie sie bei den ganz kleinen Patientinnen und Patienten zum Beispiel Fieber messen oder Blut abnehmen können. Oder wie sie sie richtig halten können.

Frei entscheiden, in welcher Einrichtung sie später arbeiten wollen

Egal ob die Azubis später Kinder, Alte oder alle anderen Patienten pflegen wollen, gehen sie seit 2020 den gleichen Weg und machen die sogenannte generalistische Pflegeausbildung. Sie können danach frei entscheiden, in welcher Einrichtung sie später arbeiten wollen. In allen Teilbereichen ist der Pflegemangel enorm. Jedoch gibt es in der Altenpflege eben diese sehr unangenehme Besonderheit: Dass die Zahl der Patienten in den kommenden Jahren so stark ansteigen wird, dass das System zu kippen droht.

Auch die Stadt München ist da keine Ausnahme. Der Experte Klie sagt zur Situation in der bayerischen Landeshauptstadt, dass die gesundheitliche Versorgung aktuell zwar noch relativ gut sei. "Nur mit Blick auf die Zukunft und die demografische Dynamik wird es nicht gelingen, diesen Stand zu halten." Und zwar trotz des urbanen Sogeffekts, trotz der Tatsache, dass München sehr gut bei der Akquise von Pflegekräften aus Drittstaaten sei, trotz der stetigen Ausbildungskapazität. Sind die Altenheime der Stadt darauf vorbereitet?

Renate Binder klingt zuversichtlich. Sie ist seit Herbst vergangenen Jahres Geschäftsführerin der Münchenstift, dem wohl größten Unternehmen für pflegebedürftige ältere Menschen in der Stadt. Sie sitzt in ihrem hellen Eckbüro und sagt selbstbewusst: "Unser Unternehmen hat aktuell keinen Pflegekräftemangel." Das sehe man auch daran, dass bei ihnen in den Häusern Vollbelegung herrsche.

Pflegemangel in München: Am Tag der Pflege wird unter Blaulicht geprüft, ob die Hände wirklich sauber sind.

Am Tag der Pflege wird unter Blaulicht geprüft, ob die Hände wirklich sauber sind.

(Foto: Catherina Hess)

Tatsächlich stehen in vielen anderen Häusern des Landes Betten chronisch leer, weil Personal fehlt. Laut der Pflegestatistik aus dem Jahr 2021 vom Bayerischen Landesamt für Statistik gibt es in der vollstationären Dauerpflege eine durchschnittliche Auslastung der verfügbaren Plätze von 84,6 Prozent, der Rest ist meistens wegen Personalmangels nicht belegbar. In München musste kürzlich etwa der St.-Josefs-Verein unter anderem wegen Personalnot Insolvenz anmelden und kündigte an, sein Pflegeheim in Haidhausen zu schließen.

Münchenstift-Chefin Renate Binder weiß, wie eng der Arbeitnehmermarkt ist, deshalb werde bei ihnen dem Pflegemangel sozusagen dauerhaft entgegengearbeitet. Die Personalabteilung etwa sei stark mit der Akquise von Pflegekräften aus dem Ausland beschäftigt. Es gibt Onboardings, Sprachkurse, Wohnungen, Begleitung bei allen Lebensbereichen. Man versuche mit speziellen Programmen die Mitarbeiter zu halten, die beispielsweise mit steigendem Alter keine körperlich anstrengende Tätigkeit in der Altenpflege mehr leisten können. Der Pflegejob muss selbst gepflegt werden.

Für Renate Binder ist der Schlüssel für ein volles Haus die Bindung ihres Personals. Sie redet viel von Wertschätzung, von Kompetenzen, von guten Arbeitsbedingungen. Als städtisches Unternehmen habe Münchenstift jedoch einen Vorteil. Sie müssten nicht den Profit maximieren, sagt Binder, "sondern vor allem darauf schauen, dass wir den Auftrag der Stadt gut erfüllen. Es geht darum, für die Münchnerinnen und Münchner gute Konzepte im Alter zu haben."

Was Binder aber auch sagt: "Wir müssen dringend über andere Pflege-Konzepte nachdenken." Stationäre Pflege sei nur ein Teil der Versorgung. Man müsste es als Gesellschaft insgesamt schaffen, die Menschen so lange es gehe in ihren Wohnungen zu unterstützen. Da seien gute Quartierskonzepte gefragt und auch Nachbarn oder Freunde, die aushelfen. Und auch eine Altenpflegeeinrichtung müsse noch viel mehr Anlaufstelle werden, auch für selbständige Seniorinnen und Senioren, die dann beispielsweise für das Mittagessen im Café vorbeischauten, sagt Binder.

Der Beruf müsse attraktiver auch für Abiturienten werden

Von neuen Konzepten spricht auch Sozialforscher Thomas Klie. Es bräuchte ein effizienteres Gesamtsystem, das die strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Pflege aufhebt, wie es im Moment der Fall sei. Für Klie und auch für Binder ist außerdem klar, dass der Beruf der Pflege künftig weitergedacht werden muss, damit er für auch Abiturientinnen und Abiturienten attraktiver wird. Beide fordern eine stärkere fachliche Eigenverantwortlichkeit.

Tatsächlich kündigte Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) im Dezember eine "grundsätzliche Reform der Pflege" an. Potenziale blieben bisher ungenutzt, heißt es in einem vorläufigen Eckpunkte-Papier zum angekündigten Pflegekompetenzgesetz. Man müsse den "Pool der fachkompetenten Personen in der Versorgung erweitern", insbesondere in Zeiten des demografischen Wandels. Was und wann es am Ende steht, ist unklar. Eindeutig ist bloß, dass das aktuelle System nicht mehr lange Bestand hat.

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