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Olympiapark:Der perfekte Schwung für München

Die kühne Form des Zeltdachs über dem Stadion prägt den Olympiapark, der nach dem Willen der Stadt zum Weltkulturerbe werden soll.

(Foto: Imago)

Vor 50 Jahren begannen die Bauarbeiten für den Münchner Olympiapark. Bis heute begeistert der Ort mit leichter, geradezu schwebender Architektur. Nur der große Sport ist dem Park abhandengekommen.

Die Schüssel wirkt immer noch futuristisch: Die mit Sitzen in verschiedenen Grüntönen aufsteigende Haupttribüne. Darüber das kühn geschwungene Zeltdach mit seinen Plexiglaselementen, die schrägen Pylone, an denen die ganze Konstruktion aufgehängt ist. Nur der grün-braun gesprenkelte "Rasen" und die ausgeblichenen Laufbahnen zeigen, dass das Stadion aus sportlicher Perspektive schon bessere Tage gesehen hat.

Hier wurde Bayern München im Juni 1972 deutscher Meister - noch vor jenem denkwürdigen Augusttag, an dem mehr als 7000 Sportler der internationalen Olympiamannschaften in das Oval einzogen. Darunter auch die Mannschaft des Staates Israel. Die Schale, in der das olympische Feuer entzündet wurde, ist noch zu sehen. Nur wenige Tage später war dies auch der Schauplatz der Gedenkstunde an das Attentat, bei dem elf israelische Athleten und ein deutscher Polizist zu Tode kamen. Und später die Schlussfeier. Zwei Jahre später, 1974, wurde Deutschland im Olympiastadion Fußball-Weltmeister.

Gipfelstürmer auf dem Dach des Olympiastadions.

(Foto: Stephan Rumpf)

Inzwischen ist es ruhiger geworden in der Arena, in der seit 2005 keine Fußballspiele mehr stattfinden. Sehr viel ruhiger. Gelegentlich ein Open-Air-Konzert, eine Veranstaltung, ansonsten verströmen die leeren Ränge eine eigentümliche Atmosphäre. Es finden Touren über das Zeltdach statt und Führungen durch das seit seiner Eröffnung meistgenutzte deutsche Stadion. Ein Mann mit gelbem Helm seilt sich von oben ab. Abenteuerspielplatz Olympiastadion.

Von hier sind es nur wenige Hundert Meter bis zum Willi-Daume-Platz, an dem ein Schild die heutigen Besucher des Olympiaparks willkommen heißt. Daume war der Mann, der einst bei Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel vorstellig wurde und als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees vorschlug, München möge sich doch als Austragungsort für die Sommerspiele 1972 bewerben. Im Oktober 1965 war das, und dort, wo heute die weltberühmte Olympia-Architektur zu sehen ist, befand sich damals eine weitgehend ungenutzte, ebene Fläche, durch die der Nymphenburg-Biedersteiner Kanal floss. Darauf: der nur noch von Privatfliegern genutzte Flughafen Oberwiesenfeld, ein gut 50 Meter hoher Berg aus Kriegstrümmern, dazu eine Menge Arbeiter und Bagger: Denn der Fernsehturm, der erst später zum Olympiaturm wurde, und das Eisstadion waren bereits im Bau.

Vogel hatte nicht viel Zeit zum Überlegen, zwei Monate blieben bis zum Bewerbungsschluss. Danach ging alles sehr schnell. Der Oberbürgermeister sagte bekanntlich ja, obwohl es in München keine geeigneten Sportanlagen und auch keine Pläne dafür gab. Bund, Freistaat, NOK und Stadtrat stimmten in Windeseile zu, und so reisten Vogel und Daume im April 1966 zur entscheidenden IOC-Sitzung nach Rom. Und brachten die Zusage mit nach Hause.

Flughafen München Oberwiesenfeld, 1931

Wo sich ein Flughafen (Bild von 1931) und eine weite Ebene befanden, begann 1969 der Bau der Olympiaanlagen.

(Foto: SZ-Photo)

Das, was damals noch das Oberwiesenfeld war, der frühere Exerzierplatz der bayerischen Armee, Münchner Flughafen aus der Vor-Riem-Ära, später Flugfeld der US-Army, sollte innerhalb von sechs Jahren zu einem vorzeigbaren Olympiagelände werden. Im Sommer 1969, vor 50 Jahren also, begannen die Bauarbeiten für die Sportanlagen, die mit ihrem ikonischen Zeltdach zu einem der herausragendsten Ensembles der Nachkriegszeit wurden.

Bau der Olympiagelände und Gebäude für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München

Das Zeltdach wird von einem Stahlnetz stabilisiert.

(Foto: SZ-Photo)

Am Coubertinplatz, aktuell verdeckt von der Konstruktion der fürs Sommerfest aufgestellten Wildwasserbahn, prangen noch heute die schon stark ausgeblichenen Tafeln mit den Medaillengewinnern von 1972. Daneben ist der Grundstein zu sehen, mit dem Datum 14. Juli 1969. Tatsächlich hatte der Bau des Olympiastadions schon ein paar Wochen früher begonnen. Mit dem für 80 000 Zuschauer konzipierten Stadion entstanden unter anderem auch die Olympiahalle, die Schwimmhalle, das Olympia-Radstadion, das Olympische Dorf und - an anderer Adresse - die für Basketball konzipierte Rudi-Sedlmayer-Halle, die Regattastrecke in Oberschleißheim, die Schießanlage in Hochbrück sowie die Olympia-Reitanlage in Riem. Hoch oben im Norden, in Kiel-Schilksee, wurde ein Olympiazentrum für die Segelwettbewerbe errichtet.

Prof. Günter Behnisch | Prof. Guenter Behnisch

Günter Behnisch.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Die Gesamtkonzeption der Anlagen auf dem Oberwiesenfeld wurde dem Büro des Architekten Günter Behnisch übertragen, das 1967 einen Ideenwettbewerb gewonnen hatte. Bis heute legendär ist das berühmte "Strumpfhosenmodell", mit dem Behnisch der Jury die damals utopisch anmutende Zeltdachkonstruktion demonstrierte. Es war wirklich aus einer Damenstrumpfhose gefertigt. Vorbild für die Konstruktion war das von dem Architekten Frei Otto entworfene Zeltdach für den Deutschen Pavillon bei der Weltausstellung in Montreal 1967. Otto wurde mit ins Boot geholt, die Statik des 74 800 Quadratmeter großen Olympiadachs galt als knifflig. Pessimisten prophezeiten dem Plexiglas-Zelt ein unrühmliches Ende im ersten schneereichen Winter.

Aussichtspunkte: Olympiaturm

Von oben.

(Foto: Florian Peljak)

Das Dach mit seinen geschwungenen Flächen war ein stimmiger Bestandteil des Olympia-Konzepts, das gleichzeitig ein Anti-Konzept war. Als in jenen Sommertagen die ersten Bagger auf das Oberwiesenfeld rollten, lag das Kriegsende erst knapp 25 Jahre zurück, entsprechend sensibilisiert waren die damals Verantwortlichen für alles, was an die Nazi-Vergangenheit erinnern könnte. Und damit auch an Olympia 1936 in Berlin - München, das demokratische Deutschland, wollte ganz bewusst ein Gegenmodell liefern. Spiele im Grünen, sanft geschwungene Hügel, Sportanlagen ohne Anklänge an klassizistische Monumentalbauten, demokratische Offenheit. Die Olympiastätten, selbst die Olympiahalle und das Olympiastadion, schmiegen sich in die Landschaft und wirken daher kleiner, als sie es tatsächlich sind. Welche Ausmaße das Olympiastadion in Wahrheit hat, kann man von Westen aus sehen, wo die Haupttribüne mit ihren Betonstufen hoch über die Werner-von-Linde-Halle, die frühere Aufwärmhalle, aufragt. Ein Spaziergang oben auf der Brüstung ähnelt zumindest auf einer Seite einer Gratwanderung - gute Aussicht inklusive.

An einem der Pylone im Olympiastadion ist bis heute eine aufgemalte "Banderole" mit den Olympiafarben zu sehen. Grün, gelb, orange, blau - alles, nur nicht das knallige Rot, kombiniert mit weiß und schwarz, das für Berlin 1936 stand. In München sollte alles anders sein, und nichts charakterisiert diesen Gedanken besser als ein Vergleich der leicht, geradezu schwebend wirkenden Architektur des Münchner Olympiageländes mit der säulenbewehrten Stadion-Trutzburg von Werner March im Berliner Westen.

Bar-Cafe "München 72" in München, 2012

Waldi.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Münchner Olympia-Farbkonzept und die von dem Grafiker Otl Aicher entworfenen Piktogramme sind wegen ihres innovativen Stils berühmt geworden und gelten als wegweisend. Schon fast vergessen ist der knallbunte Olympia-Waldi, der als Gummifigur mit drehbaren Dackelohren zum Inventar zahlreicher Haushalte gehörte. Das Olympiagelände zählt zu den wenigen olympischen Stätten, die bis heute intensiv genutzt werden - auch wenn der Sport seit dem Auszug des Fußballs ein wenig ins Hintertreffen geraten ist.

So glanzvoll das Ensemble unter dem Zeltdach bis heute wirkt: Komplett erhalten sind die Wettkampfstätten von 1972 keineswegs. Das teilweise aus Holz gefertigte Radstadion etwa, in dem in den Siebziger- und Achtzigerjahren Tennis gespielt wurde und das später für kurze Zeit Heimstatt der Sport-Erlebniswelt "Olympic Spirit" war, ist seit 2015 Geschichte. An der Stelle, die eigentlich eine Randlage im Olympiapark darstellt, soll eine neue Eis- und Basketballhalle entstehen. Was den Abbruch einer weiteren Halle realistisch erscheinen lässt: des alten Olympia-Eisstadions nämlich. Und auch die Zukunft der im Ufo-Stil gestalteten Rudi-Sedlmayer-Halle, die heute Audi Dome heißt, ist damit ungewiss. Die Haupttribüne des Olympia-Reitstadions gibt es schon seit Längerem nicht mehr, gleiches gilt für die Veranstaltungsstätten auf dem alten Messegelände an der Theresienhöhe, in denen Gewichtheben, Judo, Ringen und Fechten stattfanden.

1. Outdoorsportfestival in München, 2016

Laufen in der Riesenblase auf dem Olympiasee.

(Foto: Stephan Rumpf)

Aktuell stehen auf dem Coubertinplatz, der zentralen Fläche des Olympiaparks, ein Riesenrad, diverse Fahrgeschäfte und Imbissbuden. Auf dem See, der vor rund 50 Jahren durchs Aufstauen des Nymphenburg-Biedersteiner-Kanals entstand, kann man sich beim "Waterball" oder im Tretboot in Schwanenform austoben. Freizeitspaß, wo einst die Sportler um Medaillen kämpften. Die olympischen Anlagen sind in jüngerer Zeit durch Neubauten ergänzt worden, die sich ebenfalls bescheiden zwischen die künstlichen Hügel des Parks "drücken": das Aquarium "Sea Life" und die Kleine Olympiahalle.

Eine zweite Karriere als Olympiastadion blieb dem Olympiastadion bisher verwehrt - aus Winterspielen 2018 oder 2022 wurde nichts. Für 2022 wird nun ein Ersatz-Event angestrebt: die European Championships, für die sich München beworben hat.

65 Tage

hatte München im Jahr 1965 zur Verfügung, um ein konkurrenzfähiges Konzept für Olympische Spiele zu entwickeln und die politische Zustimmung aller Ebenen einzuholen. Am Anfang dieser Frist stand das erste Gespräch zwischen NOK-Präsident Willi Daume und Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, am Ende der Bewerbungsschluss. Drei Jahre nach dem Zuschlag fuhren auf dem Oberwiesenfeld die Bagger auf.

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