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Zeltdach-Tour:Gipfelsturm im Park

Eine Reise in Münchens Geschichte kann man im Olympiastadion mit etwas Nervenkitzel verbinden. Dabei erleben die Besucher hautnah, dass die Dachkonstruktion nicht nur stabil, sondern auch flexibel ist

Wie viel wiegst du?", erkundigt sich der Mann mit dem Walkie-Talkie und möchte eine Antwort, die zumindest "einigermaßen ehrlich" ist - aber das liegt auch im eigenen Interesse der Teilnehmer der Zeltdachtour im Olympiastadion. Alle tragen einen Rucksack mit spezieller Ausrüstung auf dem Rücken, denn zum Abschluss der Tour durchqueren sie das Stadion mit dem Flying Fox. Der Walkie-Talkie-Mann zieht einen schweren Haken aus dem Rucksack einer Teilnehmerin, hakt ihn ein und gibt seiner Kollegin am anderen Ende der Seilrutsche das Gewicht über Funk weiter. 40 Meter über der Rasenfläche muss die Frau jetzt einen Schritt ins Leere machen. "Ciao Schatzi!", ruft ihr Partner ihr gut gelaunt hinterher.

Hätte man beim Rammstein-Konzert hier oben gestanden, wäre man wohl geröstet worden wie ein waschechtes Brathendl. Till Lindemanns Pyrotechnik setzten gefühlt das ganze Stadion in Brand. Allerdings darf man bei den Konzerten nicht rauf aufs Dach. Auch nicht bei solchen mit weniger Flammen. Leider, findet Laurin Breiter, der seit fünf Jahren Besucher über das Zeltdach führt.

Beim Blick ins Stadion sieht man statt Rammstein von oben deshalb nur den grün-braun gescheckten Rasen. Der hat offensichtlich unter den letzten Konzerten sehr gelitten und bräuchte dringend ein wenig Pflege. Ein paar Müllsäcke liegen auf der Tartanbahn, Pappbecher zwischen den Sitzen. Wenn hier nicht die "ganz Großen" ihrem Publikum einheizen, wie es Breiter ausdrückt, gibt es aktuell nicht viel Verwendung für das Olympiastadion. Die etwa 70 000 Plätze bekomme man nicht so schnell voll.

Acht Konzerte gibt es heuer im Stadion, meist wird es also ganz anders genutzt. Beispielsweise führen Guides wie Breiter ihre Gäste über das berühmte Zeltdach. Sie erzählen von 1972 und davon, dass man damals nicht ganz sicher wusste, ob und wie lange die Konstruktion halten wird - komplett durchrechnen konnten die Architekten das nämlich noch nicht. Inzwischen habe man das freilich nachgeholt und herausgefunden, dass das Dach über dem Stadion wohl eine bis zu fünf Meter dicke Schneeschicht tragen könnte, so stabil sei es. An bestimmten Stellen liege es deutlich über dem Wert, der gesetzlich verlangt ist.

Gipfelstürmer auf dem Dach des Olympiastadions.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auf dem Metallsteg direkt an der Brüstung sind das beruhigende Nachrichten, denn trotz Helm und Gurt kann einem bei Breiters Worten ein wenig flau im Magen werden. So habe das Dach bei der Errichtung zunächst hin- und hergeschwankt, bis es sich in seiner finalen Position eingependelt hatte. Als es dann stand, gaben sie ihm maximal zehn Jahre. Beinahe 50 Jahre später ziert es Stadion und Stadt immer noch, nur das Acrylglas musste inzwischen ausgetauscht werden.

Dass das Ganze nicht nur stabil, sondern auch flexibel ist, darf man sogar testen. Wer mag, kann einen "Gipfelsturm" wagen und eine der Spitzen des Dachs erklimmen - auf einem extra dafür vorgesehenen Metallsteg. "Man muss echt aufpassen, dass man hier nicht wieder abrutscht", sagt eine Frau zu ihrem Mann auf dem steilen Steg. Sie umklammert vorsichtshalber das Geländer noch fester und trotzt dem Wind, der ihr um die Ohren pfeift. "Jetzt dürft ihr hüpfen", sagt Breiter. Und tatächlich ist das Dach keine starre Platte, sondern biegt sich leicht unter den Füßen und federt zurück.

Wieder zurück auf der mittleren Höhe von 40 Metern geht es weiter mit der Tour über das Dach und durch die Jahrzehnte. Die Geschichte ist mit Breiter ganz nah, wenn er erzählt, könnte man meinen, er hätte das Stadtion mitgeplant und schon damals bei den Olympischen Spielen mit angepackt. Wenn der 23-jährige Student schildert, wie Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, den Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel von seinen Olympiaplänen überzeugen wollte, dann klingt das so: "Also ging der Willi zum Hans-Jochen und sagte zu ihm: ,Du, wir bewerben uns um Olympische Spiele, das wird gut.'"

Mit seinen 70000 Plätzen ist das Olympiastadion sehr groß. Für Sport oder Konzerte wird es nur selten genutzt, lockt aber Besucher an, die unterm Dach Spaß mit einem Flying Fox haben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Geschichten und Anekdoten über das Olympiastadion kennt er zuhauf. Wie die vom Aufruf einer Lokalzeitung, gemeinsam das Dach zu reinigen, dem dann tatsächlich einige fleißige Münchner folgten und in Putzmontur anrückten. Sie standen ratlos vor versperrten Toren - das Ganze stellte sich als Aprilscherz heraus. Mitten in seinem Vortrag bewegt sich das Dach plötzlich deutlich, begleitet von einem Grölen. Einige Meter entfernt ist die nächste Gruppe beim "Gipfelsturm" und widmet sich dem Hüpfen mit viel Enthusiasmus. "Wenn hier eine Fußballmannschaft hüpfen würde, könnte man das noch an der Schwimmhalle spüren", hatte Breiter kurz zuvor erklärt - so eng sind die Konstruktionen verbunden. Man glaubt es ihm sofort.

Zeltdach-Touren können direkt online über www.touren-olympiapark.de gebucht werden.