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Oktoberfest 2020:Wiesnwirte ziehen wegen Corona-Verlusten vor Gericht

Oktoberfest 2020 wegen Corona-Pandemie abgesagt

Niemand da: Das Oktoberfest 2020 ist wegen Corona ausgefallen. Bierzelte, in die man hätte gehen können, wie hier das Paulaner Festzelt, gab es nicht. Sie blieben alle eingemottet.

(Foto: dpa)

Eine Versicherung von gleich sieben Zelten weigert sich zu zahlen - angeblich mit einer verblüffenden Begründung: Das Oktoberfest sei gar nicht abgesagt worden.

Von Franz Kotteder

Das wird jetzt viele überraschen - aber möglicherweise hat die Wiesn in diesem Jahr doch stattgefunden. Die in Hamburg sitzende Deutsche Sport & Entertainment Versicherungsgemeinschaft DSE behauptet jedenfalls, so schildert es Michael F. Schottenhamel, dass es da vielleicht tatsächlich so eine Pressekonferenz von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gegeben habe. Offiziell abgesagt aber habe das Oktoberfest niemand, und deshalb gebe es auch keinen Grund zu zahlen. Fragt man in Hamburg nach, ob das ernst gemeint sei, antwortet die Geschäftsführung, man erteile grundsätzlich keine Auskünfte.

Ist ja auch eine dünne Geschichte, das mit der nie abgesagten Wiesn. Und deshalb will Schottenhamel jetzt auch klagen, ebenso wie sechs seiner Wirtekollegen. Schottenhamel betreibt mit seinem Cousin Christian die Festhalle Schottenhamel, das älteste bestehende Wiesnzelt überhaupt. Die Familie hat sie vor mehr als 150 Jahren erstmals auf dem Oktoberfest aufgestellt. Seitdem stand sie jedes Jahr dort, wenn die Wiesn stattfand. Manchmal aber auch nicht - so wie in diesem Jahr.

Schottenhamel hat 2011 die Veranstaltungsausfallversicherung für das Oktoberfest mit den Hamburgern ausgehandelt, mehrere Kollegen schlossen sich ihm an. Gedacht war dabei nie an einen Totalausfall, das wollte sich kein Wirt vorstellen. Aber einzelne Tage, das war schon möglich. Wegen einer angeordneten Staatstrauer oder aus Sicherheitsgründen wegen Terrorgefahr. Und dann stünde man da mit Unkosten, die nicht wieder reinkämen.

Die DSE aber weigert sich nun, den Ausfall eines ganzen Oktoberfestes als Versicherungsfall anzuerkennen. Die besagte Pressekonferenz sei schließlich kein Verwaltungsakt gewesen und falle damit nicht unter die Versicherungsbedingungen, die eine Auszahlung rechtfertigten. Und es hätte auch gut sein können, dass die Wirte mit ihren Zelten gar nicht zur Wiesn zugelassen worden wären. Das, so Schottenhamel, seien in etwa die Argumente gewesen, die von dem Versicherer kamen. Und deshalb reicht er an diesem Dienstag beim Landgericht Klage ein. Mit ihm tun das auch die Wirte des Paulaner-Festzelts, des Weinzelts, des Schützenzelts, des Armbrustschützenzelts, des Hofbräu-Festzelts und der Fischer Vroni.

Wer nun glaubt, im folgenden Prozess müssten die Wiesnwirte einmal alle Karten auf den Tisch legen und erzählen, was sie so einnehmen während eines Oktoberfestes, täuscht sich aber. Münchens bestgehütetes Geheimnis wird wohl eines bleiben. "Jeder von uns hat eine andere Versicherungssumme", sagt Schottenhamel, "es sind ja jeweils nur einzelne Kosten versichert, auf denen wir im Versicherungsfall sitzen bleiben." So klagen die sieben Wirte nun jeweils Summen "im mittleren sechsstelligen Bereich" ein. Jeder von ihnen hat bisher pro Jahr zwischen 30 000 und 40 000 Euro für die Versicherung gezahlt.

Auf die Klageandrohung, so Schottenhamel, habe die DSE nicht reagiert. Auch nicht mit einer Kündigung der bestehenden Verträge, wie das andere Versicherungen bei klagenden Gastronomen getan haben. Die Verträge laufen ohnehin nur jeweils über zwei Jahre, und Schottenhamel weiß nur von einem Kollegen, der erst im Januar einen neuen Zweijahresvertrag abgeschlossen hatte. Alle anderen Verträge laufen dieses Jahr sowieso aus.

Die Wiesnwirte sind jedenfalls zuversichtlich, dass sie ihr Geld bekommen. Bisher zeigten die Gerichte wenig Verständnis für die Argumente der Versicherer, wenn es um Ausfallversicherungen für die Gastronomie ging. Und möglicherweise stellen sie jetzt auch fest, dass die Wiesn 2020 in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden hat.

© SZ vom 15.12.2020/sim
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