Neues Gräberfeld:Letzte Würde für Wohnungslose

Lesezeit: 3 min

Neues Gräberfeld: Karin Schmid und Peter Lippert auf dem neuen Gräberfeld für Obdachlose im Friedhof am Perlacher Forst.

Karin Schmid und Peter Lippert auf dem neuen Gräberfeld für Obdachlose im Friedhof am Perlacher Forst.

(Foto: Andrea Schlaier)

Wenn Menschen ohne ein richtiges Zuhause sterben, werden sie bisher auf irgendeinem der 26 Friedhöfe in München bestattet. Jetzt hat die Stadt erstmals ein Gräberfeld nur für sie gestaltet.

Von Andrea Schlaier

Es ist so still. Allein die Blätter regen sich. Eins ums andere segelt vom Lebkuchenbaum und verabschiedet sich in großer Ruhe vom Herbst. Nur einmal bimmelt aufgeregt das Glöckchen von der Aussegnungshalle herüber. Ein kontemplatives Schauspiel auf einer neu geschaffenen Insel im Friedhof am Perlacher Forst. Zwei neue Bänke stehen hier seit ein paar Wochen, gerahmt von langen Gräsern und späten Blühern, mit Blick zum Baum auf einer Wiese und auf eine Stele: "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt", hat ein Steinmetz in Großbuchstaben auf die sandsteinfarbene Säule graviert, Psalm 13, 14 aus dem Hebräerbrief. Was könnte für diese Stätte besser passen: Hier liegt das erste eigene Gräberfeld für verstorbene Obdachlose in der Stadt. Am 28. Oktober wurde es eingeweiht.

"Bisher sind wohnsitzlose Menschen in München in einzelnen Gräbern auf unseren 26 Friedhöfen bestattet worden", sagt Peter Lippert, stellvertretender Leiter der Städtischen Friedhöfe und Chef der Gräberverwaltung. Er sitzt auf der Bank vor dem Lebkuchenbaum. Wenn ein obdachloser Mensch zum Beispiel viele Jahre unter der Wittelsbacherbrücke zu Hause war, dann habe die Verwaltung versucht, ihn nach seinem Tod möglichst auf einem Friedhof in der Nähe zu beerdigen. "Er hatte, wenn man so will, an seinem Wohnsitz Kontakte und Beziehungen, und vielleicht möchte ihn von dort jemand am Grab besuchen." Mit dem neuen Gräberfeld ist es nun möglich, "diesen Menschen an einem zentralen Platz einen würdigen Bestattungsplatz anzubieten".

Die Idee geht vom Katholischen Männerfürsorgeverein München (KMFV) aus. Gerd Reifferscheid ist dort Projektleiter. "Weil viele Wohnungslose auf die unterschiedlichen Friedhöfe verteilt waren, je nachdem in welcher Einrichtung sie vorher lebten, konnten wir die Gräber teilweise nicht nachhaltig pflegen." Gerade ältere Wohnsitzlose, die in Einrichtungen der KMFH schlafen, hätten die Seelsorger immer wieder gefragt, wo sie denn hinkommen, wenn sie sterben. "Zehn bis 15 Männer sterben in unseren Einrichtungen ungefähr im Jahr", überschlägt Reifferscheid. "Viele haben aber auch Gräber in ihren Heimatorten, wo sie dann begraben werden." In Oberschleißheim gibt es bereits ein gemeinsames Gräberfeld für Wohnungslose, wie München es nun auch schafft. "Wir dachten, das ist eine gute und würdige Sache." Sowohl bei der städtischen Friedhofsverwaltung als auch bei der Erzdiözese München und Freising, in deren Bereich der KMFV karitativ wirkt, habe man offene Türen eingerannt.

Neues Gräberfeld: "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt", steht auf der Säule, Psalm 13, 14 aus dem Hebräerbrief.

"Denn wir haben hier keine bleibende Stadt", steht auf der Säule, Psalm 13, 14 aus dem Hebräerbrief.

(Foto: Andrea Schlaier)

"Auch wohnungslose Menschen leben oft in einer Gemeinschaft, selbst wenn sie keine familiäre Bindung mehr haben, sollen sie auch im Tod eine Gemeinschaft haben", sagt Lippert. Die Fläche, die nun für diese Menschen gestaltet wurde, liegt seit einiger Zeit weitgehend brach - nurmehr fünf alte Familiengräber finden sich dort unter Feldahorn und Eiche. In lockerer Aufteilung hat Karin Schmid, Landschaftsarchitektin bei den Städtischen Friedhöfen, insgesamt 56 Grabstätten in vier Gruppen arrangiert und einen zentralen Platz geschaffen mit Bänken, einer Stele und einem bepflanzten Halbrund. Lippert ist angetan vom Ergebnis: "Hier kann man sich mit Blick auf die Gräber niederlassen und in Ruhe der Menschen gedenken."

Der Katholische Männerfürsorgeverein hat erst mal zwölf Grabstätten gekauft. In jeder von ihnen finden entweder zwei Särge oder acht Urnen Platz. Die Rasengräber sind schlicht; auf jedem ruht ein großer Stein mit Namensplatte. Der Platz reicht, um hier noch eine Blume abzulegen oder eine Kerze aufzustellen.

Wer keine familiäre Bindung mehr hat, wenn er in München stirbt, bekommt im Fachjargon eine "Bestattung von Amts wegen". Dahinter steckt die Überzeugung, sagt Lippert, "das jeder Mensch das Recht auf eine würdevolle Bestattung hat". Im vierstelligen Bereich liege die Zahl dieser Gruppe jährlich. Bei etwa 700 Fällen muss die Stadt in finanzielle Vorleistung gehen und die Kosten tragen. "Darunter fallen auch Leute, die allein in ihrer Wohnung gestorben sind, keine Vorsorge getroffen haben und bei denen zunächst keine Angehörigen ausgemacht werden können." Es handle sich nicht immer um arme Menschen. "Manche sind sehr solvent. Aber unsere Gesellschaft wird immer älter. Es kommt häufig vor, dass nur noch einer aus der Familie da ist." Finden sich noch Verwandte oder ein Nachlass, "holen wir uns die Kosten wieder". Eine Urnenbestattung inklusive Einäscherung kostet derzeit um die 1500 Euro. Für eine Erdbestattung von Amts wegen muss man im Schnitt mit 4000 Euro rechnen.

Reifferscheid und Lippert hoffen, dass das Angebot im Friedhof am Perlacher Forst künftig auch andere Sozialträger in Anspruch nehmen, die sich in München um Wohnungslose kümmern. Sie denken an den Sozialdienst katholischer Frauen, die Wohnungshilfe oder Diakonie. Peter Lippert verweist in dem Zusammenhang auf den Verein der Straßenzeitung Biss, der bereits auf dem Ostfriedhof ein kleines Gräberfeld für Obdachlose vorhält.

Offiziell wird der Platz am 28. Oktober eingeweiht. "Bestattungen auf unserem Gräbefeld finden zwar in christlichem Rahmen statt, sie sind aber überkonfessionell angelegt", erklärt Reifferscheid. Ob mit oder ohne Obdach, der würdevolle Ablauf spiele eine zentrale Rolle bei den Bestattungen von Amts wegen, sagt Lippert. "In allen Fällen wird der Sarg oder die Urne in der Aussegnungshalle kurz aufgebahrt." Ein Lied zum Einzug und eins zum Auszug. Dann begleiten die Friedhofsmitarbeiter den Verstorbenen zur letzten Ruhestätte und schließen das Grab. Vom Lebkuchenbaum vor Peter Lippert segeln die letzten Herbstblätter.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMissbrauch in der Katholischen Kirche
:Die Akte der Namenlosen

Nach gut zwei Jahren beendet die Staatsanwaltschaft die Missbrauchs-Ermittlungen in der Causa Piusheim. Drei Zeugen berichteten zwar öffentlich von schockierenden Erinnerungen - doch diese Hinweise reichen nicht aus.

Lesen Sie mehr zum Thema