Ristorante Canal Grande:Auf Kreuzfahrt in Nymphenburg

Canale Grande

Auf der Terrasse ist es manchmal eng im Canal Grande.

(Foto: Catherina Hess)

Im Restaurant Canal Grande geht es zu wie an Deck eines Schiffes: Die Tische sind eng gestellt, die Service-Kräfte manchmal robust, die Preise saftig. Die Nymphenburger Jugendstilvillennutzer kommen trotzdem.

Von Marcelinus Sturm

Der bessergestellte Münchner und sein Stamm-Italiener: Das ist eines der großen gastronomischen Klischees in unserer Stadt. Aber eines, das sich in der Realität dann doch immer wieder bestätigt. Im Falle des Ristorante Canal Grande am Nymphenburger Kanal ist das nicht anders: Vom Publikum her trifft man dort einen repräsentativen Querschnitt des Nymphenburger Jugendstilvillennutzers, der entweder hier wohnt oder mittags respektive abends nach der Kanzlei noch einen Happen essen, dazu "uno vino bianco, per favore" genießen will und überhaupt gerne seine italienischen Sprachkenntnisse an Kellner oder Kellnerin ausprobiert. Damit ist das Canal Grande nicht alleine, zwischen Schloss und Hubertusbrunnen findet man noch drei weitere Italiener mit dem Acetaia, dem Puro und dem Romans.

Das Canal Grande ist wohl, wenn nicht alles täuscht, das älteste davon. Seit zwei Jahren steht es allerdings unter neuer Führung, aber was sind in Zeiten der Seuche schon zwei Jahre? Man hat komplett renoviert, drinnen gibt man sich elegant und edel in Schwarz, hellem Holz und Messingverzierungen, aber eigentlich will man natürlich auf der großen Freiterrasse vor dem Haus sitzen. Die wird hier und da als "romantisch" beschrieben, aber das wird nur jemand sagen, der in seinem Leben noch nicht allzu viel Romantik erlebt hat, und wir wollen da überhaupt nicht angeben.

Tatsächlich sind die Tische ein bisschen eng gestellt, und sitzt man blöd, kann es schon passieren, dass der Kellner den ganzen Abend neben einem in der Anrichte herumkruscht, weil er Servietten oder ein Besteck braucht. Marcelinus Sturm musste da gleich munter drauflos assoziieren und dachte an das gut besetzte Restaurantdeck eines Kreuzfahrtschiffs, bei Venedig und Canal Grande kann man da schon mal draufkommen.

Der Eindruck wurde im Lauf des ersten Abends leider noch verstärkt. Die Service-Kräfte sind manchmal robust und manchmal geschäftsmäßig, übertriebene Liebedienerei wird man ihnen nicht vorwerfen können. Vereinzelt waren auch Versuche zu beobachten, Charles Schumann zu imitieren. Aber wenn man mehr oder weniger nett angeraunzt werden will, geht man halt in München zu ihm und nicht zum Italiener. Ansonsten herrscht Routine vor.

Das gilt auch für die Karte, die auf den ersten Blick sehr umfangreich erscheint, wie für Tausend Passagiere eben. Tatsächlich aber besteht sie im Wesentlichen aus italienischen Klassikern, die nur gelegentlich leicht abgewandelt werden und dann nicht immer zu ihrem Besten. Das Carpaccio di carne salada, eine Spezialität aus dem Trentino, vom Degustationsmenü (Einzelpreis 19,90 Euro) erinnerte mehr an einen Teller Bündnerfleisch, weil es arg trocken war. Fast war man versucht, sich eine Breze und Obazdn dazu zu bestellen. Und das Dadolata di salmone marinato (17,90) bestand zwar tatsächlich aus Lachsstücken mit schwarzem Sesam, lappte aber doch mehr in die Asienküche.

Canale Grande

Drinnen gibt man sich elegant und edel in Schwarz.

(Foto: Catherina Hess)

"Pasta wie in Italien", verspricht die Speisekarte, was wohl sagen will: mal so, mal so. Die Tagliolini mit schwarzem Trüffel (14 als secondo, als Hauptgericht 17,90) waren tatsächlich sehr in Ordnung, wohingegen sich Sturms Begleitung bei den Scialatielli con gamberi (22,50), neapolitanischen Nudeln mit Garnelen und getrockneter Paprika, eher an die Einlage zu einer Pfannkuchensuppe erinnert fühlte. An den Ravioli Caprino cipolla e tartufo (23,90 und als secondo im Menü), Ravioli mit Ziegenkäse, Zwiebeln und Trüffeln gefüllt also, gab es hingegen wenig auszusetzen.

Ähnliches lässt sich über das Vitello tonnato (15,90) sagen, in dem das Kalbfleisch erfreulicherweise nicht in der Thunfischkapernsauce ertränkt worden war. Das Saltimbocca alla romana (25,50) war schön saftig, was aber auch für den Preis gilt. Was man im Canal Grande generell sagen kann, denn da wird schon kräftig hingelangt. Außer beim Degustationsmenü mit vier Gängen (52,00), bestellt man die einzeln, wird's fast doppelt so teuer. Das klassische Carpaccio di filetto (17,50) liegt so im Mittelfeld, auch was die Qualität betrifft. Beim Entrecote con finferli e taleggio (29,90), dem Entrecote mit Pfifferlingen und Taleggiokäse, lässt die Steakliebhaberin an Sturms Tisch ein gutes Drittel zurückgehen. Mehr muss man nicht wissen.

Bei Gräte sechs hörte Sturm zu zählen auf

Die Kernkompetenz neben Pasta ist aber ohnehin der Fisch, möchte man meinen. Wir probierten Branzino und Orata alle griglia, also Wolfsbarsch und Dorade vom Grill (jeweils 23). Beides filetiert vom Kellner, der dieser Aufgabe mit ruppigem Charme nachging, dass man fast fürchtete, er wäre normalerweise mit der Anfertigung von pulled pork befasst. Gerupft sah der Fisch dann zwar Gottlob doch nicht aus, aber wenn man unter Filetieren versteht, dass man danach keine Gräten mehr auf dem Teller hat, dann war das was anderes. Bei Gräte sechs hörte Sturm zu zählen auf und genoss den immerhin perfekt auf den Punkt gegrillten Fisch.

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fastfood-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können. SZ

So ging das letztlich den ganzen Abend über, auch die Desserts waren bestenfalls solider Durchschnitt. Der Schriftzug auf dem Kassenhäuschen beim Eingang zur Terrasse, "Passione e gusto", also "Leidenschaft und Geschmack", erscheint da doch recht dick aufgetragen zu sein. Beides war bei unseren Besuchen im Canal Grande nur rudimentär anzutreffen, vielleicht lag's am Andrang. Wir fühlten uns jedenfalls kreuzfahrtmäßig massenverpflegt und neigen der venezianischen Parole: "No grandi navi!", keine großen Schiffe, zu.

Adresse: Ferdinand-Maria-Straße 51, 80639 München, Telefon: 089/32609290, Öffnungszeiten: täglich 11.30 Uhr bis 23.30 Uhr, warme Küche bis 22 Uhr, canalgrande-ristorante.de

© SZ vom 29.07.2021/van, sonn
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