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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Eine wacht

Manche Mädchen melden sich selbst beim Jugendamt, lassen sich in Obhut nehmen, andere bringt die Polizei.

(Foto: Robert Haas)

In der Schutzstelle leben Mädchen, die geschützt werden müssen. Vor anderen, vor sich selbst. Und deshalb ist eine Frau immer für sie da. Wenn nachts alle schlafen, ist sie wach.

Es ist die Hitze. Ganz bestimmt, das sagen sich die Frauen, Kolleginnen, die um Mitternacht im Dunkeln auf der Bierbank sitzen und rauchen. Der bisher heißeste Tag des Jahres, da kann so was schon mal passieren, da kann es schon mal eskalieren, wie sie das hier nennen. So, dass um elf Uhr nachts zwei Polizisten im Haus sind und eine Mutter, die hier eigentlich gar nicht hingehört. Dafür aber zwei Mädchen zu wenig. "Nicht weinen, durchhalten", sagt eine zur anderen.

Sie kennen sich hier aus mit Situationen, die eskalieren. Sie haben das öfter. In der Mädchenschutzstelle der Inneren Mission leben acht oder neun junge Frauen für Tage, Wochen, manchmal für Monate zusammen. Alle Mädchen wurden vom Jugendamt in Obhut genommen. Das heißt, dass sie im Moment nicht in ihren Familien leben dürfen.

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Die Mädchen sind hier, weil ihre Eltern gewalttätig sind. Weil Vater und Mutter sie vernachlässigen. Weil ihre Eltern mit ihnen überfordert sind. Die Mädchen sind hier, weil sie vergewaltigt wurden. Weil sie von ihren eigenen Familien bedroht werden. Die Mädchen sind hier, weil sie angekündigt haben, sich umbringen zu wollen oder es schon mal versucht haben.

Sie leben nun auf Zeit in diesem Haus mit dem großen Garten. Mädchen in der Pubertät, zwischen zwölf und 17 Jahren. Viel Make-up, lange künstliche Fingernägel, aber auch ungeschminkte Gesichter, Kichern. Und vor allem: Zigaretten.

Das Haus der Mädchenschutzstelle hat drei Etagen, im Erdgeschoss sind die Gemeinschaftsräume und das Büro der Sozialpädagoginnen; es befindet sich direkt neben dem Eingang. Die Zimmer der Mädchen sind im ersten und zweiten Stock. Vor der Haustür der Mädchenschutzstelle stehen ein Plastikstuhl, eine Bierbank und ein Aschenbecher.

Es ist 20.40 Uhr, zwei Mädchen sitzen dort und rauchen. "Wollt ihr Eisgeld, ja oder nein?", fragt Bettina Klein. "Ja", rufen sie, folgen der Sozialpädagogin ins Büro. Bettina Klein, Locken, runde Brille, großes Herz, hat heute die späte Schicht. Um 23 Uhr wird ihre Kollegin Nina Bauer* übernehmen und die ganze Nacht bleiben, bis 8 Uhr morgens.

Die Mädchen fläzen sich aufs Sofa, Lisa*, 16, in taillenhoher Jeans und bauchfreiem Top, Jaqueline, 17, in Leggings und langem Shirt. Sie reden. Über die Eissorten, die sie holen werden. Und darüber, dass die Polizei vielleicht kommt, weil Franzi, die auch in der Schutzstelle wohnt, ihrer Mutter gesagt hat, dass ihr Klamotten geklaut wurden. Und zwar von einem anderen Mädchen. Deshalb hat Franzis Mutter die Polizei gerufen.

"Es eskaliert", hatte Bettina Klein vor wenigen Minuten zu einer Kollegin gesagt. Im Moment ist es friedlich, Lisa zeigt Bettina Klein grüne Blätter im Sonnenlicht, die Bodenfliesen in der U-Bahnstation, wo sie immer umsteigt, S-Bahn-Gleise. Bilder, die sie mit ihrem Smartphone gemacht hat. Jaqueline sagt, ihr wurde vor Kurzem ihre Musikbox geklaut, 90 Euro, da hätte keiner etwas gemacht, da sei keine Polizei gekommen. Dann gehen die beiden zur Eisdiele.

20 Minuten später holen sich die nächsten beiden Mädchen ihr Eisgeld. "Ihr seid genau um 20 vor zehn hier, ohne Verspätung", sagt Bettina Klein. Die Mädchen nicken. Fünf Minuten nachdem sie gegangen sind, klingelt das Telefon. Wie viele Kugeln sie haben dürfen, eine oder zwei? Zwei, sagt Bettina Klein, legt auf. Und lächelt.

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"Wir haben mit Kindern in Not zu tun. Mit Biografien, die wir uns kaum vorstellen können", sagt Bettina Klein. "Wir sind immer auf der Seite der Kinder. Die Kinder haben alles richtig gemacht. Ihr Verhalten ist eine Reaktion. Die Fehler machen die Eltern, die Gesellschaft." Wie sie mit den Mädchen umgeht? Autorität ja, aber keine Macht, sagt sie. Locker und flexibel, mit viel Humor. "Wir dürfen nie vergessen: Die Jugendlichen leben hier. Wir arbeiten hier nur."