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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Wie Münchens Nächte verehrt, beschworen und verteufelt werden

Münchener Straßenszene / Reinicke

München leuchtete in René Reinickes „Straßenszene um die Jahrhundertwende“, die er durch gelbe Lichter akzentuierte.

(Foto: picture alliance / akg-images)

In Bildern, Fotografien und Fernsehserien zeigen Künstler unerwartete Seiten von München bei Nacht - und entdecken an unwirtlichen Orten Idyllisches.

Wenn das Tageslicht erlischt, naht die Blaue Stunde. Das Licht wird weich, der Herzschlag der Stadt verlangsamt sich. Es ist die Stunde, die die Menschen lieben, wenn der Tag seine Härte verliert und die Nacht lustvoll lockt. Und sei es nur mit einem Sundowner, wie derzeit auf der Treppe der Bayerischen Staatsoper. Doch die Nacht war immer auch voller Geheimnisse und voller Schrecken. Man fürchtete sie ganz real und ließ sich vom Nachtwächter behüten. Und glitt man dann im Schutz der Nacht in den Schlaf, brachten Albträume neue Ängste über die Menschen. Die Nacht war immer schon ein Faszinosum - ganz besonders für Künstler. Das belegte eindrucksvoll die legendäre Ausstellung "Die Nacht", die Christoph Vitali 1998 im Haus der Kunst zeigte.

Durch alle Epochen und in allen künstlerischen Gattungen hat man die Nacht verehrt, die Nacht beschworen, die Nacht verteufelt. Letzteres vor allen Dingen im Mittelalter. Zahlreiche künstlerische Darstellungen verbinden mit der Nacht das Böse schlechthin. Die Aufklärung brachte auch hier Licht ins Dunkel. Mozart setzte im ausgehenden 18. Jahrhundert der "Königin der Nacht" ein Denkmal in seiner "Zauberflöte", für die Schinkel ihm phänomenale Bühnenbilder voller Sterne schuf, van Gogh huldigte Ende des 19. Jahrhunderts dem Himmel - und seiner wirren Befindlichkeit - in seiner irrsinnigen "Sternennacht". Mit den Romantikern war aus der Schwärze der Nacht ein leuchtendes Blau geworden, Novalis beschwor die "Hymnen an die Nacht", in München ritt der "Blaue Reiter". Die Nacht hatte vielleicht ihre Schrecken verloren, doch die Symbolisten feierten mit Wollust ihre Geheimnisse und Schrecken, auch Traum, Ekstase und Leidenschaft. Und der Münchner Malerfürst Franz von Stuck schuf in seiner Villa himmlische Räume und den "Altar der Sünde".

Eine impressionistische Farbexplosion in Blau: Johann Charles Palmiés "Der Marienplatz in München bei Nacht", 1907.

(Foto: Kunkel Fine Art)

Mit der Moderne kam endgültig Licht ins Dunkel und Künstler aller Art zeigten, wie die Nacht zum Tage wurde. Gustaf Gründgens gab mit dem Schlager "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" 1938 das Thema vor. Literatur und Film feierten die Großstadt bei Nacht, Maler zeigten die Stadt an der Schnittstelle zwischen Tag und Nacht, Traum und Wirklichkeit. Natürlich spielten London, Paris und Berlin hier die Hauptrollen. Das eher kleinstädtische München mit seinen beschaulichen Straßen und Plätzen und seinen Naturidyllen wie den Biergärten und dem Englischen Garten stellten die Künstler vorrangig bei Tag dar.

So tauchten auch in der großen Nacht-Ausstellung im Haus der Kunst beispielsweise nur wenige Bilder vom nächtlichen München auf, darunter aber solche von Aleksander Gierymski, einem polnischen Maler, der in München studierte hatte. 1890 malte er den "Wittelsbacherplatz in München bei Nacht" und den "Max-Joseph-Platz in München bei Nacht". Mehr und mehr ließ er die Architektur in seinen Bildern zugunsten von Licht und Stimmung in den Hintergrund treten. Mächtige Schatten und hellere Bereiche verliehen seinen Bildern eine oft geheimnisvolle symbolistische Atmosphäre: Kalt-bläuliches, von Wolkenschleiern verwischtes Mondlicht am Himmel, gelb-warmes Licht von Straßenlaternen am Boden, das einzelne Bereiche des Stadtraums erhellte und hervorhob. So entstanden traum-, ja albtraumhafte Szenerien voller Dunkelheit und Geheimnisse.

Charles Vetter: "Die Kaufinger Straße bei Nacht", 1904. Markant ist hier das Spiel von kalten Lichtpunkten, die mit dem Schnee auf den Dächern korrespondieren, und warmen Lichtern, die sich auf der nassen Straße widerspiegeln.

(Foto: Kunkel Fine Art)

Ein Zeitgenosse Gierymskis war Charles Vetter. Seine zahlreichen Münchner Stadtansichten zeigen vorwiegend das geschäftige Treiben auf den Straßen und Plätzen der Stadt, das er in atmosphärischen Stimmungsbilder zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten einfing. Lange bevor im beginnenden 20. Jahrhundert die Maler das pulsierende Leben einer sich entwickelnden Großstadt suchten und vorwiegend nach Berlin blickten, fand Vetter in der bayerischen Landeshauptstadt eine lebendige Szenerie für seine Bilder. So malte er 1908 den "Stachus in München bei Nacht". Die dahineilenden Menschen unter ihren Regenschirmen, die Trambahnen und Pferdedroschken tauchte Vetter in Nachtlicht, schlug dabei aber einen Lichterbogen vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang. Während die rechte Seite des Bildes in warmes Licht wie bei einer untergehenden Sonne getaucht ist, wirkt die Bildmitte wie von kaltem Mondlicht beschienen. Daneben tut sich ein kühl-grüner Streifen auf, der das Morgenlicht anzukündigen scheint. Und alle diese Lichter spiegeln sich auf den nassen Straßen. Dahinter, im Gebäuderiegel des Karlstors, leuchten kalt-weiße Punkte, die ebenso (Kunst-)Lichter der Großstadt wie Mond und Sterne symbolisieren könnten.

Einen ähnlichen Lichter-Trick wandte Vetter in seinem Gemälde "Die Kaufingerstraße in München bei Nacht" von 1904 an. Markant ist das Spiel von kalten Lichtpunkten, die mit dem Schnee auf den Dächern korrespondieren, und warmen Lichtern, die sich auf der nassen Straße widerspiegeln.

Den Auftritt der weltberühmten Schleiertänzerin Loie Fuller im Deutschen Theater München 1910 malte Hans Reinhold Lichtenberger.

(Foto: Kunkel Fine Art München / Walter Bayer)

Als Maler eines großstädtischen und bürgerlichen Lebens wurde René Reinicke bekannt. Auch er war zum Studium nach München gekommen und machte sich einen Namen als Maler und Illustrator. In seinem Aquarell einer "Münchner Straßenszene um die Jahrhundertwende" von 1903 sind zwar viele architektonische Details erkennbar, man merkt aber, dass ihm die an den Schaufenstern vorbeiflanierenden Passanten - vielfach in großbürgerlicher Kleidung - wichtiger waren. Dazu schuf er mit Hilfe gelber Lichtmomente eine seltsam feierliche Atmosphäre.

Nicht nur die Straßen, sondern insbesondere Opern-, Theater- und Varietévorstellungen interessierten Hans Reinhold Lichtenberger. Der aus Berlin stammende Maler und Zeitgenosse Klees malte viele Ballett- und Tanzszenen und liebte es, hinter die Kulissen in die Garderoben zu blicken. Den Auftritt der weltberühmten Schleiertänzerin Loïe Fuller im Deutschen Theater in München hielt er 1910 aber nicht voyeuristisch, sondern außergewöhnlich expressionistisch fest. In eine Farbexplosion in Blau hingegen tauchte Johann Charles Palmié 1907 den "Marienplatz in München bei Nacht". Aus der impressionistisch Darstellung in Blau heraus leuchten Lichtpunkte in weiß, gelb, grün, lila und rot, während die Mariensäule nurmehr schemenhaft auszumachen ist.

Einen radikalen Bruch vollzogen die zeitgenössischen Künstler. Hier fanden vor allem die Fotografen eine neue Bildsprache. Thomas Ruff ging es in seinen Nachtbildern nicht mehr um die Erkennbarkeit der Orte. Ihn faszinierten in den Neunzigerjahren die grün getönten Aufnahmen, die er mit Hilfe von Kamera und Nachtsichtgeräten von Szenerien im Nirgendwo schoss. Die Lichtsynthesen des Münchner Fotografen Thomas Weinberger zeigen menschenleere Orte, oft Industriearchitektur, in völlig unwirklichem Licht und mit krassen Farbakzenten. Da rammt sich der Pfeiler der Großhesseloher Brücke in die Mitte des Bildes, der Isardamm wirkt, als ob dahinter die Lichter eines Ufos leuchten würden, das Heizkraftwerk hinter einer Anwohnerstraße mit glutroten Blumenbeeten scheint förmlich zu verglühen, und eine Gleisansicht des Münchner Hauptbahnhofs wirkt derart spielzeughaft, dass Weinberger die Aufnahme gleich "Märklin" genannt hat.

Weit entfernt vom Glanz, in dem sich die Isarmetropole so gerne sonnt, fotografierte Wolfgang Tillmans den Mann „An der Isar, II” 2008.

(Foto: Wolfgang Tillmans, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, KiCo Stiftung; Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln)

Am radikalsten aber geht der Fotograf Wolfgang Tillmans mit München um. Der in Berlin und London lebende Turner-Prize-Träger - von ihm stammt in München das Aids-Memorial am Sendlinger Tor - zeigt in der Aufnahme "An der Isar II" einen Mann, der am Rande eines Grasfeldes schläft. Daneben steht eine Bierflasche und eine Plastiktüte scheint mit dem hellen Pullover des Mannes zu verschmelzen. Eine grob gerasterte Schwarz-Weiß-Aufnahme, die das nächtliche München nicht feiert, sondern ungeschönt das Ende der Party darstellt.

In zahlreichen Fernseh- und Krimiserien spielt das nächtliche München zwar eine Rolle, Filme wie "Kir Royal" feiern unter anderem das Nachtleben und in "Nightsession" lassen sich vier Skater durch die Münchner Nacht treiben. Dass München für Künstler aber bis heute nicht als Nabel des nächtlichen Lebens gelten kann, darauf scheint auch der Anteil der bayerischen Landeshauptstadt in der Arte-Serie "Durch die Nacht mit" hinzudeuten. Während andere Städte, allen voran Berlin, vielfach auftauchen, hat es München in 142 Folgen nur ein einziges Mal geschafft: Im Oktober 2005 ging es mit der Schauspielerin Bai Ling und DJ Hell durch München bei Nacht.

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