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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Wilde Fälle

Hündin "Pippa" leidet an Juckreiz, wahrscheinlich eine Allergie, diagnostizieren die Mitarbeiterinnen der Tierrettung.

Hündin "Pippa" leidet an Juckreiz, wahrscheinlich eine Allergie, diagnostizieren die Mitarbeiterinnen der Tierrettung.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Team der Tierrettung München bekommt bei seinen nächtlichen Einsätzen viel mit vom Leben in der Stadt - von Katzen mit Fieber über Messie-Wohnungen bis hin zu wüsten Beschimpfungen.

Aus Selbstschutz müsse sie die Behandlung jetzt abbrechen, teilt Julia Diels mit. Eindringlich sieht sie den Hundebesitzer dabei an. Der ist damit beschäftigt, seine rechte Hand auf den linken Arm zu pressen. Hier hat ihn sein Mittelschnauzer gerade gebissen, nachdem er zuvor auch nach Diels geschnappt hatte. Die Nachbarn des älteren Mannes hatten die Tierrettung gerufen, da sich der Hund am Bein verletzt hatte. Der Boden der Einzimmerwohnung ist mit Hundehaaren und Staub bedeckt. Zahlen kann der Besitzer die Behandlung nicht. Seine Betreuerin werde das in den nächsten Tagen übernehmen, sagt er.

Julia Diels, 32, und Undine Franz, 28, laufen zurück zum Einsatzfahrzeug. Beide sind ganz in weiß gekleidet, über ihren Shirts tragen sie orange Westen mit der Aufschrift "Aktion Tierrettung München". Sie packen den Rettungsrucksack wieder ein und desinfizieren beide kurz ihre Hände. "Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt von einem Hund gebissen wurde", sagt Diels.

Seit 2001 gibt es die Tierrettung München. Der Notdienst ist täglich 24 Stunden erreichbar. Ebenso wie ein Notarzt übernimmt das Team, das aus neun Tierärzten und zwölf Assistenten besteht, die Erstversorgung. Vor allem nachts und am Wochenende, wenn die Tierärzte geschlossen haben, sind sie in Notfällen oft der erste Ansprechpartner.

Auch Katze "Isa" wird von Diels und Franz untersucht. Ihre Temperatur ist erhöht, 39,9. Normalerweise sollte sie nicht über 39 Grad liegen. Sie musste sich schon mehrmals übergeben und hat Durchfall. "Mensch Isi, geht das wieder los?", fragt der älterer Mann seine Katze. Erst vor einigen Monaten diagnostizierten die Ärzte in der Kleintierklinik einen Virus. "Letztes Mal hat sie das nur knapp überlebt, ich möchte lieber sofort in die Tierklink", sagt die Besitzerin. Schnell zieht sie sich ihre hautfarbenen Socken über die Füße und schlüpft in die Schuhe. Katze "Isa" und ihre Besitzerin sitzen hinten im Rettungswagen, Diels am Steuer und Franz daneben. Das Navi zeigt den Weg zur Tierklinik. "Wir sind schneller, wenn ich hier links fahre", weiß Diels aus Erfahrung. "Isa" beginnt zu miauen. Sie hat Glück, die Fahrt dauert nur einige Minuten.

Diels und Franz arbeiten routiniert. Während die eine durch die Münchner Nacht fährt, dokumentiert die andere die Fälle. Während die eine Tierhalter beruhigt, sucht die andere das passende Medikament aus dem Koffer. Das Handy klingelt pausenlos. Die meisten Anrufer melden sich, weil sie Jungvögel gefunden haben, die auf dem Boden sitzen. "Ich habe ihn mit drei gefangenen Fliegen gefüttert", berichtet eine Frau. "Das ist wahrscheinlich eine Krähe. Die sind gerade in der Bodenphase und lernen dann fliegen", erklärt Franz. Immer wieder. "Lassen Sie ihn am besten in Ruhe, im Nest war es ihm vielleicht zu warm." An diesem Abend hat es noch 34,5 Grad.

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Diels und Franz sind gerade zurück in der Geschäftsstelle an der Herzogstraße, da meldet sich eine Hundebesitzerin. Ihr Mischling könne mit einem Bein nicht mehr auftreten. Die beiden Frauen machen sich auf den Weg nach Moosach. Unterwegs ruft ein Mann an, seine Hündin bekomme keine Luft. "Atemnot geht vor", sagt Diels und gibt die neue Adresse in der Au ins Navigationssystem ein.

Ein weiterer Anruf - ein sechs Monate alter Labradorwelpe muss sich schon den ganzen Tag übergeben, auch die Spritze beim Tierarzt hat nicht geholfen. "Vor allem bei der Hitze kann das Tier schnell austrocknen. Leider sind wir gerade aber auf dem Weg zu einem anderen Notfall", erklärt Diels. Sie diktiert der Besitzerin die Nummer eines Tiertaxis und rät ihr, in die Tierklinik zu fahren. Denn der Besitzer der Hündin aus der Au wartet bereits.

Er ist aufgeregt, am Haaransatz bilden sich Schweißperlen. Die kleine Hündin wird auf dem Sofa untersucht. Diels hört sie mit dem Stethoskop ab, misst Fieber und tastet den Bauch ab. Währenddessen läuft der Besitzer mehrmals durch das Wohnzimmer, um ein Dokument des letzten Tierarztbesuchs zu finden. Vergeblich. Diels spricht ihm gut zu, "die Atemwege sind frei, sie wirkt stabil". "Sie ist eine ganz Raffinierte, hat auch schon mal im Theater mitgespielt", erzählt der Besitzer. Die Hündin bekommt Schleimlöser und soll möglichst wenig Hitze abbekommen.

Das Einsatzfahrzeug und die orangenen Warnwesten tragen die Aufschrift "Aktion Tierrettung München".

(Foto: Stephan Rumpf)

In den vergangenen Jahren seien die Menschen bei solchen Temperaturen deutlich vorsichtiger geworden, berichtet Diels. "Wenn doch etwas passiert, dann endet das meist tödlich. Die Tiere kollabieren und das Hirn bekommt zu wenig Sauerstoff", erklärt Diels. Ihre Assistentin erzählt, dass erst am Tag zuvor ein Hund eingeschläfert werden musste. "Leicht fällt das nie, man stumpft nicht ab", sagt Diels. Sie arbeitet hauptberuflich bei der Tierrettung. "Man kriegt durch den Beruf sehr viel mit vom Leben in München", berichtet sie. Franz nickt zustimmend. Sie studiert Tiermedizin in München und arbeitet nebenher bei der Tierrettung.

Nun geht es nach Moosach. Als sie ankommen, springt der Mischling, der nach seinem Spaziergang nicht mehr auftreten konnte, schon wieder von der Couch und schnuppert den Rettungsrucksack ab. Nach einer kurzen Behandlung gibt die Ärztin auch hier Entwarnung. Weiter geht es zum Hundewelpen "Pippa". Sie ist vier Monate alt. Ihre Besitzer, ein junges Pärchen, haben sie vor drei Wochen aus dem Tierheim geholt. Jetzt hört sie nicht mehr auf sich zu kratzen. Auch hier gibt Diels Entwarnung, wahrscheinlich handle es sich um eine Allergie.

Julia Diels (links) und Undine Franz haben häufig Einsätze in der Nacht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Plötzlich beginnt es zu regnen. Inzwischen sind es nur noch 24 Grad. Erneut klingelt das Telefon. Eine Frau kündigt sich mit einer verletzten Amsel an. Deren Kopf stehe schief, sie sei wohl von einer Katze angegriffen worden. Seit 2018 kann das Tierrettungsteam nicht mehr alle verletzten Wildtiere einsammeln, das wäre nicht zu schaffen. Gefundene Tiere können aber kostenlos in der Geschäftsstelle abgegeben werden. Viele Menschen können das nicht nachvollziehen. "Es heißt dann, wir ließen das Tier sterben", erzählt Dies. "Oder sie nennen uns Mörder", sagt Franz. Während der letzten sechs Stunden haben die beiden Frauen 25 Anrufe entgegengenommen, um Tieren zu helfen. Manchmal seien sie eben auch auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen.

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