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Oper:Wagners wogende Welt

Das Rheingold

Die Rheintöchter bei der Arbeit, der Pflege des Goldes: Eliza Boom, Samantha Hankey, Nadine Weissmann (von links).

(Foto: Wilfried Hösl)

Im Nationaltheater gibt es ein Wiedersehen mit Andreas Kriegensburgs "Rheingold"-Inszenierung.

Von Egbert Tholl, München

Das Erstaunliche bei dieser Aufführung von Richard Wagners "Rheingold" erlebt man, bevor das erste Es erklingt. Auf der Bühne des Nationaltheaters sitzt die idyllische Statistenschar, die sich in diesen Zeiten der Abstände und Masken ausnimmt wie die Verheißung einer anderen Welt. Diese Schar erschafft schließlich auch eine Welt mit ihren Körpern, zunächst den wogenden Rheinstrom. Beim Wiedersehen nach längerer Zeit - Andreas Kriegenburgs Inszenierung hatte ihre Premiere am 4. Februar 2012 unter dem damaligen Generalmusikdirektor Kent Nagano - ist es bemerkenswert, wie viel Freude das lebende Bühnenbild macht.

Beim Taschenspielertrick mit der Tarnkappe muss man über den Pragmatismus der Bühnenlösung abermals grinsen. Gut, soweit man sich erinnert, geht Kriegenburgs Idee des von Menschen mit Menschen erschaffenen "Rings" in dessen ersten beiden Teilen und dem ersten Akt "Siegfried" am besten auf. Sie werden aus der Ära des Intendanten Nikolaus Bachler als glückhafte, humane Umdeutung des großen Mythenspiels in Erinnerung bleiben. Und auch als gelungene Kapitalismuskritik. Klar, sie ist implizit, aber die Gier nach Gold und Besitz ist hier schon sehr schön dargestellt.

Murmelnder Wotan

Weniger in Erinnerung bleiben wird von diesem Abend das Dirigat von Erik Nielsen. Zur Ehre gereicht ihm, dass er kurzfristig einspringt, für Valery Gergiev. Nielsen kennt das Werk sehr gut, das merkt man daran, wie er die Sängerinnen und Sänger führt, und auch an der klangschönen Präzision - das Staatsorchester ist derzeit in umwerfender Bestform. Aber: "Rheingold" ist zudem ein Konversationsstück, Wagner schrieb dafür echte Theatermusik. Und die muss mehr sein als wonneweich zerdehnter Wohlklang - nicht einmal in Nibelheim geht es hier sonderlich tosend zu, und Nielsen dehnt das Stück auf Rekordlänge.

Freilich, die Sängerinnen und Sänger freuen sich über das in Sachen Dynamik wenig belastende Angebot aus dem Graben. Doch falls dies auch für John Lundgren gälte, lässt er sich dies nicht anmerken. Sein Wotan ist nicht viel mehr als ein murmelnder Vorstadtgangster, kein göttlicher Immobilienhai. Daniela Sindram als dessen Gattin Fricka indes verkörpert prägnant ihre Rolle im Ehestreit, Mirjam Mesak ist stimmlich und darstellerisch eine bezaubernde Freia.

Überhaupt gibt die Besetzung viel Anlass zur Freude: Unter den Rheintöchtern sticht die Wellgunde Samantha Hankey hervor, Johannes Martin Kränzle ist wie gewohnt ein herrlich fieser Alberich, seinem Bruder Mime gibt Wolfgang Ablinger-Sperrhacke bemerkenswert viel Kontur - da hätte man gleich Lust auf den oben erwähnten ersten Akt "Siegfried", aber den muss man sich halt in Ermangelung einer Aufführung imaginieren. Die Riesen (Fafner: Ain Anger) haben ihren Spaß, vor allem Christof Fischesser als, wer kann es ihm verdenken, entzückend verliebter Fasolt. Und schließlich darf sich Benjamin Bruns als Loge austoben, schmierig, hinterfotzig, überkandidelt, aber zu jeder Sekunde ein Musterbeispiel stimmlicher Plastizität.

© SZ/chj/her
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