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Corona-Modellprojekt:Lockerungsübung zur falschen Zeit

Coronavirus - Tübingen

In Tübingen kann man schon wieder im Biergarten sitzen. Nur wie soll es in München werden?

(Foto: dpa)

Während der Inzidenzwert sich bedrohlich der 100 annähert, will die Rathausregierung bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens öffnen. Wie ernst soll man die Warnungen der Politiker vor Ansteckung und Virus-Mutationen dann noch nehmen?

Kommentar von Isabel Bernstein

Es mutet bizarr an: In Deutschland grassiert eine tödliche Pandemie - und es steht ein Modellversuch im Raum, der darauf fußt, dass Kommunen erst Inzidenzwerte zwischen 100 und 150 erreichen müssen, um Corona-Regelungen lockern zu dürfen.

Nicht nur das: Die Münchner Stadtpolitik will sich daran auch noch beteiligen. "München steht bereit", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und verweist auf fertige Hygienekonzepte in Theater und Gastronomie. Er ist überzeugt: Die Stadt sei breit aufgestellt für die nötigen Tests. Wirklich? Bei den Schulen hat das mit den Tests vor den Osterferien schon mal nicht geklappt.

Die Bewerbung Münchens, eine bayerische Modellstadt nach Tübinger Vorbild werden zu dürfen, fällt mitten rein in eine Zeit, in der der Inzidenzwert in der Stadt steigt und vielleicht schon am Dienstag über die 100er-Marke klettert. In der die Kliniken vor einer dritte Welle und sinkenden freien Kapazitäten auf Intensivstationen warnen. In der Ärzte und Pflegepersonal zunehmend erschöpft sind von dem Dauermarathon, den die Pandemie ihnen seit einem Jahr abverlangt. Eine Zeit, in der Eltern sich fragen, wie sie die kommenden Wochen überstehen, wenn in den Kitas wieder nur Notbetreuung herrscht und die Schulen für die allermeisten Kinder geschlossen bleiben. In dieser Zeit soll ein Modellversuch Menschen ermöglichen, Essen zu gehen, Museen zu besuchen, sprich ihnen mit der gefühlten Sicherheit eines negativen Corona-Tests dort eine Normalität suggeriert, wo keine ist.

Sicher, es ist für Stadtpolitiker eine undankbare Aufgabe: Die Ängste all derjenigen, die ihr Geschäft oder ihr Restaurant geschlossen lassen müssen, sind groß, ebenso wie der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger nach mehr Normalität. Aber mal ehrlich: Wie ernst würde man noch all die Warnungen der Politiker vor Ansteckung und Virus-Mutationen nehmen, wenn sie gleichzeitig die Corona-Maßnahmen lockern und wieder ein nur scheinbar normales Miteinander in der Stadt ermöglichen?

© SZ vom 30.03.2021/sbeh
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