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Maskenpflicht in der Bahn:Maske auf oder aussteigen

Kontrolle Maskenpflicht bei der Bahn

Beamte der Bundespolizei und Mitarbeiter der DB Sicherheit kontrollierten die Einhaltung der Maskenpflicht im Zug.

(Foto: dpa)

Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln in Bayern keinen Mund-Nasen-Schutz trägt, kann bis zu 150 Euro Strafe zahlen. Wie Schaffner versuchen, die Maskenpflicht durchzusetzen.

Von Max Ferstl

Wenn mal wieder einer schummelt, also ziemlich oft, dann tut Carolin Landgraf so, als hätte sie nichts bemerkt. Sie lässt sich den Fahrschein zeigen und prüft die Bahncard, wie immer. Dann schaut sie den Fahrgast so direkt an wie den jungen Mann in Wagen 7 des ICE 508 von München nach Hamburg Altona, seine Nase ist gut sichtbar, weil unbedeckt. Landgraf tippt sich auf die Nase, der Mann guckt verständnislos. "Denken Sie bitte an die Maske", sagt Landgraf. Ah. Der Mann nickt. "Wenn man die Leute darauf anspricht, funktioniert es ganz gut", sagt sie nach ihrem Kontrollgang. Landgraf ist Zugchefin bei der Deutschen Bahn, und normalerweise dafür verantwortlich, dass genug Personal an Bord ist und niemand schwarzfährt. Seit Corona muss sie auch darauf achten, dass Menschen nicht ohne Schutzmasken unterwegs sind.

Sind sie natürlich trotzdem. Im ICE 508 sieht man Masken, die an Ohren baumeln oder unter dem Kinn klemmen oder ganz fehlen. Hinzu kommen Beschwerden von Bahnfahrern in den sozialen Netzwerken schreiben: Kontrolleure würden die Verstöße zwar bemerken, aber nicht ahnden.

Deshalb wird in Deutschland gerade mal wieder über die Maskenpflicht diskutiert, und über die Disziplin, die möglicherweise nachlässt. Die Kritik an der Bahn wird lauter, der Vorwurf: Die Kontrollen seien zu lasch. Die Grünen haben schärfere Regeln in den Zügen gefordert. Und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) verlangte, dass die Bahn "strikt auf die Einhaltung der Maskenpflicht achtet".

Am Mittwoch hat die Bahn zu einer Kontrollfahrt eingeladen, im Abschnitt von München nach Nürnberg. Neben den Zugbegleitern sind zwei Leute von der DB-Sicherheit an Bord, dazu drei Bundespolizisten. Ein Zeichen, dass man jetzt hart durchgreift? "Eher Zufall", sagt eine Sprecherin. Es stimme ja nicht, dass zu lax kontrolliert werde. "Das Thema war von Anfang an wichtig", sagt sie. Wenn jemand die Maske nicht oder nicht richtig trägt, gebe es eine klare Strategie: erinnern, appellieren, mahnen. Nur wer stur bleibt, fliegt raus. Die meisten seien aber einsichtig.

Carolin Landgraf kommt bisher ohne Drohungen aus. Sie marschiert gelassen durch die Wagen, scannt Tickets. Und wenn es sein muss, guckt sie streng und tippt sich auf die Nase. Einen Mitfahrer erwischt sie komplett ohne Maske. Doch der Mann ist nicht auf Streit aus, entschuldigt sich sogar. "Sorry." Ansonsten ist es ruhig.

Woher kommt der Eindruck, dass die Menschen das mit den Masken nicht mehr so ernst nehmen?

Gerade im öffentlichen Personennahverkehr in den Städten nehmen die Klagen der Verkehrsbetriebe zu. "Die Disziplin hat ein Stück weit nachgelassen", sagt Matthias Korte, Sprecher der Münchner Verkehrsbetriebe, auch wenn "das Pflichtbewusstsein nach wie vor hoch" ist. Neun von zehn Fahrgästen, schätzt er, tragen die Maske korrekt. Im Grunde will die MVG keinen Ärger. Jeder Streit mit einem Maskenverweigerer, bedeutet stehende Züge oder Busse, bedeutet eine Verspätung, bedeutet mehr Leute an der nächsten Haltestelle - und damit weniger Platz im Wagen.

Deshalb probieren es Kontrolleure und Busfahrer bisher bei maskenlosen Fahrgästen lieber mit Appellen. "Erinnern und mahnen klappt in 9,9 von zehn Fällen." Manchmal klappt es aber nicht: Etwa 200 Mal musste jemand ein Bußgeld zahlen, weil er oder sie in Bus oder Bahn partout keine Maske tragen wollte. So schätzt es das Münchner Kreisverwaltungsreferat.

Solche Fälle könnten sich bald häufen. Denn grundsätzlich können die 150 Euro Bußgeld schon beim ersten Verstoß fällig werden, auch ohne Verwarnung. "Wenn eine Minderheit meint, sich nicht an die Maskenpflicht halten zu müssen, ist das nicht akzeptabel", sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Mittwoch.

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Zurück im ICE 508. Kurz vor Nürnberg hat Carolin Landgraf ihre Waggons kontrolliert, hat ein paar Ermahnungen ausgesprochen, aber nichts Ernstes. Eigentlich wie immer. Landgraf hat nicht den Eindruck, dass die Leute weniger zuverlässig Masken tragen. "Es sind immer nur einzelne Fahrgäste, die man ermahnen muss."

Vielleicht hat der Eindruck von der nachlassenden Disziplin etwas damit zu tun, was auf den Plätzen passiert, wenn sich die Kontrolleurin nähert. Da werden rasch Masken, die zuvor noch am Ohr hingen, übers Gesicht gezogen, da wird hektisch in den Taschen nach dem Mund-Nasen-Schutz gesucht. Es ist ein bisschen wie in der Schule: Sobald der Lehrer das Klassenzimmer verlässt, rasten alle aus. Wenn er zurückkommt, sitzen alle ordentlich an ihren Plätzen. Dagegen können Kontrolleure nicht viel ausrichten.

Landgraf sagt, sie habe noch nie jemanden aus dem Zug werfen müssen. Es helfe aber zu wissen, dass sie es könnte. Zur Not. Nein, ihre Arbeit sei durch die Maskenpflicht nicht stressiger geworden, aber anstrengender. Sie muss selbst Maske tragen, bei langen Fahrten bis zu sieben Stunden am Stück. "Da wird es schon warm", sagt Landgraf. Aber es helfe ja nichts.

© SZ vom 06.08.2020/jord
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