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Bäckerei:Überbrückungshilfe: null Euro

Im Herbst 2019 hat sich David Schakowski selbständig gemacht und eine Bäckerei-Filiale gepachtet. Nun bleiben seine Kunden meist zu Hause.

(Foto: Gino Dambrowski)

Mit Milliardensummen will die Bundesregierung Selbständige vor der Pleite retten. David Schakowski braucht das Geld dringend. Doch er hat zu viel Umsatz gemacht - 0,4 Prozent zu viel.

Von Catherine Hoffmann

An normalen Tagen ist seine Theke brechend voll: Semmeln mit Salami, Käse, Pute, vegane Antipasti-Sandwiches, Eierbrötchen, Müsli, Salate, Bagels warten auf hungrige Kunden. Um 6.30 Uhr sperrt David Schakowski die Filiale der Bäckerei Ratschiller's in der Schellingstraße 11 auf. Schon zwei Stunden später hat er vieles verkauft - an normalen Tagen. Doch seit der Corona-Krise ist nichts mehr normal. Heute bekommt er über den ganzen Tag nicht so viel los, wie einst in zwei Morgenstunden. "Die Bäckerei lief anfangs Bombe", sagt Schakowski, "aber jetzt fürchte ich um meine Existenz, weil die Corona-Hilfen nicht so unkompliziert ausgezahlt werden wie immer behauptet wird."

Früher hat er im Kiosk der U-Bahnhaltestelle Universität gejobbt, Cola und Zigaretten für kleinen Lohn verkauft. Dann hat er sich hochgearbeitet und im Herbst 2019 selbständig gemacht: Er pachtet den Laden von Ratschiller's und setzt ganz auf studentische Kundschaft. Bei ihm kostet der kleine Kaffee 1,50 Euro - und wer einen Becher mitbringt, zahlt nur einen Euro. "Selbst manche Gäste fragten: 'Willst du nicht deine Preise erhöhen?'", erzählt Schakowski. "Aber ich habe auch so genug Geld verdient und in guten Zeiten 2500 Euro im Monat auf mein Konto überwiesen."

Damit ist es seit Ausbruch der Pandemie vorbei. Im Frühjahr vergangenen Jahres läuft das Geschäft schlecht. Im ersten Corona-Semester des Jahres sitzen viele Studenten im Home-Office, Vorlesungen fallen aus, gelehrt wird online. Immerhin gibt es vom Staat 9000 Euro Corona-Soforthilfe für den Backshop-Pächter.

Diese schnelle Unterstützung haben damals viele Menschen bekommen, aber viele wissen bis heute nicht, ob ihnen das Geld wirklich zusteht. Auch Schakowski kann sich nicht sicher sein. "Da werden während des laufenden Spiels die Spielregeln geändert", sagt sein Steuerberater Andreas Schießl, Geschäftsführer der ACS Treuhand GmbH. "Bis heute ist unklar, welche Mandanten die Voraussetzungen für die Soforthilfe erfüllen und in welchem Umfang sie Anspruch auf diese Hilfe haben." Vor Enttäuschung warnt auch die Steuerberaterkammer München im Internet. "Diesbezügliche Informationen auf den Behördenseiten sind entweder nicht vorhanden oder wenig hilfreich", heißt es dort.

Was schlecht losging, wurde im Lauf des Jahres 2020 nicht besser. Zwar verspürt Schakowski im Sommer eine leichte Erholung, doch mehr als 50 Prozent des früheren Umsatzes erreicht er nicht. "Mit dem zweiten Lockdown war das Geschäft so gut wie tot", sagt der Pächter. Die Studenten fehlen mehr denn je, auch die Bayerische Staatsbibliothek in der Ludwigstraße, die normalerweise viele Wissbegierige anzieht, hat nun geschlossen. Ratschiller's hält zu seinem Pächter und erlässt ihm fast die Hälfte der Netto-Pacht von ursprünglich 5200 Euro. Das machen nicht viele Vermieter. Doch auch diese großzügige Entscheidung bringt nicht die Rettung: Die Einnahmen aus dem Verkauf von Kaffee und belegten Semmeln reichen auch für die niedrigere Miete nicht; Schakowski hat nun Schulden bei Ratschiller's.

"2020 war mein Unglücksjahr", sagt Schakowski. Er kämpft ums Überleben, wie Hunderttausende andere Selbständige auch. Steuerberater Schießl beantragt für ihn Überbrückungshilfe II, so wie er das gerade für viele andere Mandanten macht, für Fitnesstrainer, Ernährungsberater, Taxifahrer, Kioskbesitzer, Sänger und Sprecher beispielsweise. Ergebnis im Fall Schakowski: null Euro Überbrückungshilfe II vom Bund.

Nichts. Um einen Anspruch zu haben, müsste sein Umsatz im November und Dezember um 50 Prozent unter dem Umsatz von Juli und August 2020 liegen. Schakowski erreicht lediglich ein Minus von 49,6 Prozent. "Das ist doch absurd!", ärgert sich der Selbständige. "Ich hab' mal gelernt, dass man ab 0,6 aufrundet." Hätte er 150 Euro weniger Umsatz gemacht, könnte er auf Hilfe in Höhe von bis zu 8000 Euro hoffen. So geht er leer aus. Es ist bitter für einen, der selbst gerne anderen hilft, abends das übrig gebliebene Essen an Foodsharer spendet und für arme Kunden einen "Corona-Rabatt" eingeführt hat.

"Wir sitzen jetzt an den Anträgen für die Überbrückungshilfe III, da sieht es besser aus, weil andere Zeiträume verglichen werden", sagt Schießl, der Mann für die Finanzen. Schakowski kann nur hoffen, dass er recht hat - und dass die Corona-Krise bald ein Ende hat. Dann sammelt er vielleicht noch mehr freundliche Google-Bewertung wie diese: "Täglich die frischeste Auswahl an Backwaren und die herzlichsten Mitarbeiter, die man sich vorstellen kann. Komme gerne täglich vorbei!"

© SZ vom 28.01.2021/aner/van
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