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Corona-Krise in München:Eine Milliarde Euro für Kurzarbeit

Kurzarbeitergeld

Im April 2020, dem Monat mit dem bisherigen Höchststand an Kurzarbeit, hatten 16 615 Münchner Betriebe Kurzarbeit angemeldet.

(Foto: dpa)

Fast jeder dritte Beschäftigte in München spürte 2020 die Folgen der Corona-Pandemie. Die Agentur für Arbeit pumpte viel Geld in die Rettung von Arbeitsplätzen.

Von Sven Loerzer

Noch vor einem Jahr sah es so aus, als würde der Beschäftigungsboom in München unvermindert weitergehen. Seit 2015 ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten Menschen Jahr für Jahr gesunken. Doch der Beginn der Pandemie mit dem ersten Lockdown Mitte März traf den Arbeitsmarkt mit voller Wucht: Im April und Mai stieg die Zahl der Arbeitslosen insgesamt um mehr als 14 500 auf knapp 52 000.

Dass es trotz dieser dramatischen Entwicklung nicht noch viel schlimmer kam, sei der Kurzarbeit zu verdanken, sagt Wilfried Hüntelmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit München. "Dieses Instrument hat viele Arbeitsplätze gerettet." Im vergangenen Jahr waren etwa 320 000 Münchner Arbeitnehmer aus rund 27 000 Betrieben von Kurzarbeit betroffen, knapp 30 Prozent aller Beschäftigten. Rund eine Milliarde Euro gab die Münchner Arbeitsagentur im Pandemie-Jahr 2020 für Kurzarbeitergeld aus.

Im April 2020, dem Monat mit dem bisherigen Höchststand an Kurzarbeit, hatten 16 615 Münchner Betriebe für 218 236 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet - tatsächlich abgerechnet haben dann die Betriebe für 183 241 Beschäftigte. Im Mai, mit zunehmenden Lockerungen, sank dann die Zahl wieder etwas, im Juli sei sie weiter zurückgegangen. "Der Sommer hat dem Arbeitsmarkt sehr gut getan", berichtet Hüntelmann. "Es gab auch wieder mehr Stellenmeldungen."

Im November dann, mit dem Lockdown light, der die Gastronomie traf, und mit dem verschärften Lockdown im Dezember, seitdem viele Geschäfte wieder geschlossen haben, brachte erneut einen Anstieg der Kurzarbeit. Hüntelmann wertet es aber als gutes Zeichen, "dass kein zusätzlicher Schwung an Arbeitslosen mehr dazu kam". Im Dezember lag die Zahl der Arbeitslosen mit knapp 49 000 fast um 3000 niedriger als noch im Mai.

Im Jahresdurchschnitt lag die Arbeitslosenquote bei 4,5 Prozent, 1,2 Prozentpunkte mehr als noch 2019. Anders als Stellenabbau sei Kurzarbeit mit der Perspektive verbunden, "dass es besser wird und man die Beschäftigten auch braucht". Hüntelmann betont, dass die Arbeitgeber trotz großer Sorgen und zum Teil existenzieller Nöte die Zeit nach Corona im Blick behielten: "Kurzarbeit rettet Jobs und bewahrt die Betriebe vor einem späteren Fachkräftemangel." Im gesamten Jahr 2020 zeigten 27 318 Betriebe für 373 511 Mitarbeiter Kurzarbeit an. Die endgültigen Zahlen, wie viele Mitarbeiter dann tatsächlich in Kurzarbeit waren, liegen erst nach der Abrechnung in den nächsten Wochen vor, es dürften etwa 320 000 sein.

Gab es infolge der Finanzkrise 2009 vor allem im verarbeitenden Gewerbe Kurzarbeit, so mussten diesmal Branchen Kurzarbeit anmelden, die damit kaum in Verbindung gebracht werden. Viele Anzeigen kamen aus dem Dienstleistungsbereich, wie etwa dem Hotel- und Gaststättengewerbe, aus dem Einzelhandel (außer Lebensmittel und Drogerien), der Fitnessbranche und dem Messe- und Eventbereich, wobei in der Folge dann auch das Reinigungsgewerbe und die Caterer betroffen waren. Sogar Taxibetriebe meldeten Kurzarbeit an. Für Dezember gibt es noch keine abschließenden Zahlen, jedoch geht Hüntelmann auch für Januar davon aus, dass sie etwas geringer ausfallen als beim Höchststand im April 2020. Denn seitdem wieder "Click and collect" im Handel erlaubt sei, würden mehr Beschäftigte eingesetzt.

Rückgang der offenen Stellen um fast ein Drittel

Im Jahr 2020 wurden der Arbeitsagentur insgesamt 31 129 offene Stellen gemeldet, fast ein Drittel weniger als noch im Jahr zuvor. Besonders betroffen waren dabei die Zeitarbeit, das Gastgewerbe und der Handel. Angesichts der unsicheren Arbeitsmarktlage würden aktuell weniger Stellen besetzt und weniger Menschen ihren Arbeitsplatz wechseln. Allerdings gebe es auch Branchen mit hohem Bedarf - natürlich die Pflege. Erzieher und Kinderpfleger sind gefragt, öffentliche Verwaltung braucht Verstärkung, ebenso wie der gesamte Lebensmittel- und Online-Handel. Besonders gute Perspektiven bietet der IT-Bereich: Da sei das Jobangebot deutlich gestiegen, zumal viele Firmen einen großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung hätten. Aber auch Sicherheitsleute, Bus- und U-Bahn-Fahrer sind gesucht.

"Wir unterstützen dabei mit Beratung", erklärte Hüntelmann und ermutigte zum Perspektivenwechsel. So hätten beispielsweise bereits Verkäufer in die Kinderpflege gewechselt: "Es gibt Chancen, wir können mit Qualifizierung Brücken bauen." Um mit Veränderungen Schritt zu halten, sollten sich auch Betriebe überlegen, während der Zeit der Kurzarbeit Mitarbeiter weiterzuqualifizieren: "Das geht auch über Online-Bildungsangebote."

Weil sich Berufsfelder immer schneller verändern, baut die Arbeitsagentur jetzt ein neues Team auf zur Berufsberatung im Erwerbsleben. Es soll grundlegende Orientierung geben für Menschen, die ihren Arbeitsplatz bedroht sehen, individuelle Unterstützung und Qualifizierung, "damit sie bestenfalls im Betrieb bleiben können", beschreibt Hüntelmann das Ziel.

© SZ vom 21.01.2021/aner/van
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