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Ludwig-Maximilians-Universität:In der Großen Aula eingesperrt

Statt in den Lichthof sind die Studentinnen und Studenten zum Protest in die Große Aula umgezogen.

(Foto: Dominik Juling/LMU)

Unter dem Motto "Klima brennt, Uni brennt" laden Studenten zur Vollversammlung in die LMU. Sie wollen darüber diskutieren, warum Hochschulen für Unternehmen forschen, die das Klima schädigen. Doch der Abend verläuft turbulenter als gedacht

Unartige Kinder einzusperren, gehört zu den Methoden der Schwarzen Pädagogik von Erwachsenen. Damit jüngere Menschen zur Räson zu bringen wirkt 2020 - jedenfalls hierzulande - wie ein inadäquates Mittel aus vordemokratischen Zeiten. Und wie schon früher: Gebracht hat es auch am Mittwochabend in der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) nicht viel.

Unter dem Motto "Klima brennt, Uni brennt" hatten Studenten verschiedener Gruppierungen und Universitäten, neben anderen der "Students for Future", für diesen Abend zu einer "Vollversammlung" eingeladen. Man wolle vor allem darüber diskutieren, warum Hochschulen Forschung für klimaschädliche Unternehmen betreiben und sich nicht hinter die Forderungen von "Fridays for Future" stellen, hieß es in einer schriftlichen Ankündigung der Organisatoren. Die Klimakrise und das Verhalten der Universitäten dazu, war aber nur ein Anliegen des Abends. Man deklarierte die Veranstaltung provokant als Vollversammlung, weil Vollversammlungen von Studierenden im Bayerischen Hochschulgesetz nicht vorgesehen sind. Laut einer Stellungnahme der LMU können sie nur von der Studierendenvertretung initiiert werden und sind kein "entscheidungsgebendes Gremium".

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Den Texten auf Flyern, in E-Mails und in Sozialen Netzwerken zufolge, sollte die Veranstaltung um 19 Uhr im Lichthof des Hauptgebäudes der Ludwig-Maximilians-Universität stattfinden. Der Lichthof mit seiner hohen Glaskuppel ist ein zentraler, frei zugänglicher Versammlungsort, bietet aber weder Sitzplätze, noch die Möglichkeit, Filme oder Texte zu projizieren. Deshalb, so war von Seiten der Veranstalter zu hören, wollte man sich entweder im Audimax oder in der Großen Aula treffen.

Man kann prinzipiell Räume der Universität für Veranstaltungen belegen, dies muss aber beantragt werden. Da dies zuvor nicht geschehen war, verfügte Matthias Fahrmeir, Dezernatsleiter für Liegenschaften und Technik, kurzerhand, die Türen der Großen Aula zu schließen. Es sei weder Aufgabe der LMU noch könne sie es platzmäßig leisten, Räume für allgemeinpolitische Interessen zur Verfügung zu stellen, antwortete Fahrmeir auf Nachfrage, ob dies in Zukunft für Veranstaltungen dieser Art möglich sei. Eine, die "Uni brennt" heißt, könne man nicht erlauben, sagte er am Mittwoch den aufgebrachten Studierenden, die vor der verschlossenen Aula ausharrten.

Dort hatten die Organisatoren bereits Technik für Vorträge und eine Diskussion aufgebaut. Wer schon vor 19 Uhr in die Aula kam, musste sich somit eingeschlossen fühlen. Mitarbeiter einer Münchner Sicherheitsfirma sorgten rigoros dafür, dass die schweren Holztüren und die Seiteneingänge verriegelt blieben. Es dauerte eine Weile, bis manche der etwa 80 Studierenden, die sich versammelt hatten, eine Möglichkeit fanden, nach draußen zu gelangen - über unverschlossene Fluchttüren. Eine Studentin überlegte in einer Textmitteilung an einen Kommilitonen, ob sie die Polizei rufen sollten, um sich befreien zu lassen. Auch Vertretern der Presse wurde der Zutritt verwehrt. "Weil die Aktion den Tatbestand eines Hausfriedensbruchs erfüllte", so die Erklärung von Fahrmeir.

Berichten von teilnehmenden Studenten zufolge wurde in kurzen Vorträgen auf die Diskussion eingestimmt. Zum einen ging es um die Auswirkungen der Klimakrise allgemein. Des Weiteren wurde kritisiert, dass sich die Technische Universität (TU) München von RWE finanziell unterstützen lässt. An der LMU wurde kritisiert, dass sie mit Geld des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums seit Jahren an einer sogenannten grünen Bombe forsche, statt sich für mehr Klimagerechtigkeit einzusetzen.

Wie schon Ende November bei einer angemeldeten, uniübergreifenden Versammlung, bei der der Professor und Moderator Harald Lesch als Redner eingeladen war, ging es auch an diesem Abend nicht nur um das Klima. "Wir wollen mehr demokratische Mitbestimmungsrechte", sagt Lena Schiemann, Sprecherin der Organisatoren. Etwa mitbestimmen, von wem die Universitäten Geld annehmen und wohin es fließt. "Wir wollen eine beschlussfähige Studierendenversammlung und die Möglichkeit, offen mit der Hochschulleitung zu diskutieren", so Schiemann weiter.

Die Studierenden hatten in den vergangenen Wochen in Briefen an die Hochschulleitung der LMU, der TU und auch der Hochschule (HAW) Kontakt zu den Präsidenten gesucht. Nur aus der HAW kam ein positives Zeichen. Präsident Martin Leitner wird diesen Freitag bei der "Fridays for Future"-Demonstration sprechen. Die Leitung der LMU antwortete ausschweifend: Die LMU setze sich facettenreich mit diesem Thema auseinander, in vielen Fächern und Initiativen, aber nur nach Maßgabe einer wissenschaftlichen Einrichtung, also wissenschaftlich. Das sei ein Akt der Freiheit von Forschung und Lehre, auch ein Ausdruck ihrer Verantwortung. Um dies zu respektieren, werde sich die Hochschulleitung selbst eben nicht positionieren.

Am Mittwochabend wurde keine Polizei zu Hilfe gerufen. Die Versammlung löste sich gegen 22 Uhr friedlich auf. Man habe weitere Aktionen beschlossen, sagte Schiemann. Wenn man nicht bald auf die Studenten höre, dann schließe sie ein radikaleres Vorgehen, wie etwa eine Besetzung der Unis, nicht aus. Nicht umsonst haben die Organisatoren das Motto "Uni brennt" gewählt, das auf zurückliegende Studentenproteste verweist.

© SZ vom 24.01.2020/sim
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