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Wirtin der Schoppenstube:"Des Münchner Kindl kimmt zruck in ihre Heimat"

Gerti Guhl vor der einstigen Fraunhofer Schoppenstube: Sie sieht mit einer gewissen Melancholie auf ihre Zeit als Wirtin zurück.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gerti Guhl und ihre Fraunhofer Schoppenstube waren eine Münchner Institution, über die sogar in der "New York Times" berichtet wurde. 2013 gab die Wirtin das Lokal auf - doch von Ruhestand kann keine Rede sein.

Mehr als vierzig Jahre hat die Gerti die Einheizerin in der Fraunhofer Schoppenstube gegeben. In dem urigen Lokal hinter der Hausnummer 41 trafen sich Musiker, Schauspieler und Künstler, ganz gewöhnliche Nachtschwärmer und Menschen, die von der Nachtschicht kamen. Viele Münchner haben dort unter Gerti Guhls Regie geschunkelt und mit ihr gelacht oder, wenn es sein musste, sich trösten lassen. Die Wirtsleute der Fraunhofer Schoppenstube, Gerti, die gute Seele, und ihr Mann Werner, ein Münchner Kneipenmusiker, der mit schier unerschöpflichem Repertoire den Alleinunterhalter am Akkordeon oder an der Heimorgel gab, zelebrierten mit ihren Gästen, dass die Nacht nicht allein zum Schlafen da ist.

Wenn andere Kneipen schon geschlossen hatten, ging es im schummrigen Schoppenstüberl erst richtig los. Man nahm Platz am Tisch mit glattgezogener Decke, darauf eine Kerze, Salz und Pfeffer und das Fläschchen Maggi. Gerti servierte Schnaps und Fleischpflanzerl und umsorgte ihre Gäste. Hatte jemand zu viel getrunken, scheute sie aber auch kein strenges Wort: "Du bist hier Gast, benimm dich auch so!"

Fraunhofer Schoppenstube Ein bisschen Schoppenstube
Mit Gerti im Fraunhofer Theater

Ein bisschen Schoppenstube

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Zwischendurch verteilte die Hausherrin Liedtexte, vielleicht wegen des Alkoholkonsums der Gäste eingeschweißt in Plastikfolie. "Siiilentium", rief sie dann und klingelte mit ihrer Schiffsglocke. Ob man wollte oder nicht: Der Gast musste mitsingen, auf der Reeperbahn nachts um halb eins, dunkelrote Rosen bring ich, schöne Frau, Kriminaltango, mein kleiner grüner Kaktus. Auch wenn man Seemannslieder vielleicht nicht ganz treffsicher zum Besten gab, trotz Schnulzen, Arien und Schlagern: Wer einmal da war, kam immer wieder.

39 Jahre führte Gerti die Schoppenstube zusammen mit ihrem Mann Werner. Als er starb, machte sie alleine weiter - mit einiger Unterstützung ihrer Freunde, zu denen die meisten Stammgäste zählten. Bands wie die Schicksalscombo hatten in der Fraunhofer Schoppenstube ihre erste Bühne. Mehrere Jahre ertönte auch Werner Guhls Musik noch vom Band, dann, im Sommer 2013, musste die Schoppenstube schließen. Für so manchen Stammgast hieß das: das zweite Wohnzimmer war weg. Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl, Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Schauspieler Ottfried Fischer und auch OB Christian Ude machten sich damals für Gerti Guhl stark. Die sah sich noch 32 mögliche Locations für eine neue Schoppenstube an, doch nichts klappte. Es sei vor allem ja auch immer um das Konzept Nachtmusik gegangen - und das habe so nirgends anderswo gepasst, sagt sie heute.

Eine neue Schoppenstube scheiterte auch an den gewohnten Öffnungszeiten: Anfangs hatte die Fraunhofer Schoppenstube bis drei Uhr geöffnet, von 1988 an bis vier, nach und nach immer ein Stündchen mehr, in den letzten zehn Jahren bis sechs Uhr morgens. Auch das zeigt Gertis Beharrlichkeit: Wer sonst schaffte es, in der bayerischen Landeshauptstadt mit ihren bekannt strengen Sperrstunden solche Öffnungszeiten gebilligt zu bekommen? In einer Wohngegend?

Der Nachtvogel braucht die Unterhaltung

Gerti Guhl war immer schon ein Nachtvogel, und auch mit inzwischen 72 Jahren hat sich das nicht geändert: So um sechs Uhr früh schlafe sie meist ein, erzählt sie. Und gegen Mittag stehe sie auf. Kürzlich ist sie von Germering nach München in die Au umgezogen. "Des Münchner Kindl kimmt zruck in ihre Heimat." Da war wichtig, dass sie eine Wohnung gefunden hat. Denn Germering, das Stüberl dort hat nur bis 22 oder 23 Uhr auf, das ist nichts für Nachtschwärmer. Für Tagschwärmer allerdings auch nichts, hört man auf Gerti Guhl: Wenn sie vor 25 Jahren Kastanien auf dem riesigen kahlen Vorplatz der damals neuen Stadthalle gepflanzt hätten, dann wären diese jetzt schon groß, sagt sie. Haben sie aber nicht.

Fraunhofer Schoppenstube, 2007

Die Gäste sollten immer mitsingen, die Hausherrin verteilte sogar in Plastikfolie eingeschweißte Liedtexte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Münchner Doku-Filmemacher Peter Goedel hat der Gerti, dem Werner und der Fraunhofer Schoppenstube mit dem Film "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" ein Denkmal gesetzt. Die Schoppenstube hat es sogar in die New York Times geschafft. Und derzeit sitzt der Schauspieler, Kabarettist und Musiker Moses Wolff sehr häufig mit Gerti Guhl zusammen. Er will die "Schoppenstubengeschichte" aufschreiben, sagt er - also gibt es wohl bald auch ein Buch über die Kultstätte.

Will sie es nicht noch mal anpacken, jetzt, wo sie in München wohnt? Man merkt, sie würde gerne. Beim Treffen vor der ehemaligen Schoppenstube kann sie kaum zu dem Interieurstudio herübersehen, welches heute in den Räumen an der Ecke Frauenhofer- und Reichenbachstraße ist, ohne dass sich Tränen in ihren Augen sammeln. Nein, sagt sie dann. Diese Verantwortung will sie jetzt nicht mehr. Sie sei ja dauernd unterwegs. Und so ein bisschen Schoppenstube, so wie damals auf dem Foto in der SZ, könnten ihre früheren Gäste bei Gertis Stammtisch erleben, den sie alle paar Monate organisiert. Und man solle sich darauf gefasst machen, dass gesammelt werde, so wie beim letzten Mal an ihrem Geburtstag für die Grundschule in Pasing.

Gerti ist bekannt für ihr großes Herz. An ihrem Geburtstag waren es Grundschulkinder, deren Schulküche freitags geschlossen war. Gerti besorgte von dem Spendengeld ein halbes Jahr lang Lebensmittel und kochte für sie. Sie spielte mit ihnen nachmittags Fußball, sie brachte ihnen Schach bei. Auch das gehört zu Gerti: Sie spielte 18 Jahre Fußball beim FC Wacker, fünf mal hat sie auch ein Schoppenstuben-Turnier organisiert. Und sie ist Mitglied beim Schachclub 1836, wo sie jeden Donnerstag spielt. Sie sei die Schlechteste dort, bekennt sie. "Und die Lustigste." Und sie besuche die Schachakademie - zum Üben.

Langweilig ist es Gerti nicht

Am letzten Abend der Schoppenstube vor sechs Jahren wurde auch das Inventar versteigert. Man kann die Einrichtung besichtigen. Alles ist noch da, sogar die Maggiflaschen. Ein Großteil hat in Winden bei Haag südöstlich von München überlebt. Stammgast Tom Angermeier hat vier Tische und mehr ersteigert und in seiner Galerie aufgebaut. Der zweite Teil des Mobiliars stehe im Voralpenland, erzählt Gerti Guhl. Das Kleinzeug, Alkohol, Gläser und so, sei überall über München verstreut.

Nein, unterfordert fühlt sich Gerti Guhl nicht. Sie ist seit 18 Jahren im Sozialverband und hilft auch dort immer wieder als gelernte Köchin mit ihren berühmten Fleischpflanzerln, ihrer selbst gemachten Fleischsuppe und dem Gemüseauflauf aus. Derzeit unterstützt sie den Verein Manus Hoffnung, der eine Begegnungsstätte für Menschen mit Krebsdiagnose schaffen will, wo man Mut und Lebensfreude schöpfen soll. Sie ist regelmäßig beim Musikantentreff im Hofbräuhaus, geht ins Vereinsheim, in die Drehleier, in die Unterfahrt, zum Vogler, ins Fraunhofer. Sie ist regelmäßig bei einem Frauen-Stammtisch oder trifft sich mit ihrer Freundin in der Kulisse, dann wieder im Lustspielhaus, man sieht sie abends im Marstall, am Gasteig, am Gärtnerplatz.

Gerti selbst hält sich inzwischen regelmäßig mit Yoga fit. Sie will einen Lauf- und Nordic-Walking-Treff die Isar entlang organisieren, für Leute jeden Alters und meist mit anschließendem Biergartenbesuch. Die Schiffsglocke steht jetzt bei Gerti im Wohnzimmerschrank, ebenso der grüne Plastik-Kaktus. Andreas Gabalier soll bei seinem Konzert im Olympiastadion auf der Bühne gesagt haben, seine Karriere habe in München, in der Schoppenstube begonnen, Das stimmt, er hat sich jedenfalls 2011 im Gästebuch der Schoppenstube verewigt. "Ein unglaublich charmantes kleines Beisl", kommentiert er. Auch am Abend nach dem Interview ist für Gerti die Nacht nicht allein zum Schlafen da. Sie zieht mit Freunden noch ins Roy, das letzte echte Plüschlokal Münchens, ein bisschen Glamour und Geschichte spüren.

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