bedeckt München
vgwortpixel

Umzug eines Kultlokals:Die Schoppenstube lebt weiter

Umzug eines Kultlokals

So sieht es in der neuen Schoppenstube aus

Auf dem Kirchmoarhof in Winden bei Haag hat Tom Angermeier Teile der Fraunhofer Schoppenstube wieder aufgebaut. Wie sie sich dort macht, sehen Sie hier.

Als Gerti ihre Kneipenmöbel verkaufte, hat er einfach die Hand gehoben: Tom Angermeier hat Teile des Mobiliars der Fraunhofer Schoppenstube ersteigert und wieder aufgebaut - in einem alten Bauernhof bei Haag.

Die Tische sind gedeckt. Ganz so, wie es die Gerti immer arrangiert hat. Die ausgeblichene rosa Tischdecke ist glatt gestrichen, ein Brandloch zeugt von einer langen Nacht, als die Gäste in Gertis Schoppenstube noch rauchten. Eine schlichte Kerze steht auf jedem der vier Tischchen, dazu Salz und Pfeffer und ein Fläschchen Maggi. Auf dem Fensterbrett thront ein alter Weinzapfer, Modell "Enorm". Ein Gefäß wie aus der Zeit gefallen. An der Wand hängen Geschichten von der guten alten Schoppenstube, in der 40 Jahre lang Gerti Guhl und bis zu seinem Tod ihr Mann Werner zelebrierten, dass die Nacht nicht allein zum Schlafen da ist. Gleich müsste die Gerti mit der kleinen Schiffsglocke klingeln und in die Runde rufen: "Silentium!" Die Schicksalscombo würde dann aufspielen, die Gäste schunkeln und gemeinsam Hans-Albers-Lieder singen. Aber Gerti klingelt nicht. Die Schoppenstube ist Geschichte.

Im Juni vor einem Jahr musste die zuletzt berühmte Kneipe an der Fraunhoferstraße endgültig schließen. Tausende Unterschriften und Rettungsaktionen von Münchner Prominenten konnten daran nichts ändern. Und trotzdem: Ein Teil der Schoppenstube existiert noch immer.

Schoppenstube macht nach 40 Jahren zu

Zapfenstreich für Gerti

Tom Angermeier lehnt im Türrahmen seiner Bauernstube. Er trägt ein dunkles Samtsakko zum blütenweißen Hemd, in der Rechten hält er ein Glas Weißwein. Der 36-Jährige lauscht der Schicksalscombo, die tatsächlich zu ihm aufs Land gekommen ist, um auf der Vernissage in seiner Galerie im Kirchmoarhof aufzuspielen. Inmitten des Mobiliars der Schoppenstube, dessen Besitzer er nun ist. Angermeier ist eigentlich Referent für den internationalen Schüleraustausch beim Bayerischen Jugendring, außerdem betreibt er in München eine Redaktionsagentur. Und seit genau einem Jahr hat er den alten Bauernhof in eine Galerie umgebaut. "Ich hab' immer mehrere Parketts gehabt", sagt Tom Angermeier. Und er ist bekannt für ziemlich spontane Aktionen.

Diese seltsame Geschichte mit der Schoppenstube beginnt mit einer Suche nach einem Stadl auf dem Land. Tom Angermeier wollte darin antike Möbel deponieren. Da er in Isen im Landkreis Erding aufgewachsen ist, fand er ganz in der Nähe einen passenden Schuppen, in Winden bei Haag in Oberbayern. Das Dorf besteht aus einem Sträßlein und einem kleinen Gewerbegebiet. Der Mais auf den Feldern steht hoch, ein Feldweg führt auf einen nahen Hügel und verliert sich dort in der Wiese. Unten ist die weiße Kirche zu sehen, im Jahr 1707 zu Ehren von Jakobus, Magdalena und Margarita erbaut. Das alte Bauernhaus mit dem Stadl daneben gehört dazu. Als Tom Angermeier den Schuppen besichtigte, bemerkte er, dass auch der Hof leer stand. Also mietete er kurzerhand das ganze Ensemble. Was er mit dem Hof anfangen wollte, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht ganz klar. Irgendwas mit Kunst.

Beim Mobiliar hat Angermeier einfach die Hand gehoben

Kurz darauf schaute er mal wieder in der Schoppenstube an der Fraunhoferstraße vorbei. Angermeier lebt nicht weit von dort. "Es war der letzte Abend bei der Gerti, ich bin halt vorbei g'schneit", sagt der Mann mit dem blonden Schnauzer. Alle waren da, um sich von Gerti Guhl und ihrer Mitsing-Kneipe zu verabschieden: Freunde, Unterstützer, die Schicksalscombo. Die Schoppenstube musste schließen, der Mietvertrag wurde nicht mehr verlängert.

Eigentlich wollte Gerti Guhl noch ein bisschen weitermachen, sie war doch gerade mal 65 Jahre alt. Doch trotz aller Bemühungen - der damalige Oberbürgermeister Christian Ude, Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl, Regisseur Marcus H. Rosenmüller und viele andere Münchner Prominente hatten sogar ein Video gedreht, um ein neues Lokal für Gerti zu finden - verliefen im Sande. Also versteigerte Gerti Guhl schweren Herzens ihr Inventar zugunsten des Münchner Kinderhospizes. Die alte Hammond-Orgel ging für 800 Euro an einen italienischen Stammgast. Und beim Mobiliar, "da hab ich die Hand gehoben, dann hab' ich's gehabt", sagt Tom Angermeier.

Umzug eines Kultlokals

So sieht es in der neuen Schoppenstube aus

Er zog dann noch den Rest der Nacht mit Musikern der Schicksalscombo um Anton Leiss-Huber und Kathrin Anna Stahl durch die Lokale, Angermeier und die Musiker kannten sich bis dahin gar nicht. "Am nächsten Tag bin ich aufgewacht und hab' gedacht: Was hab' ich da bloß gemacht", erinnert er sich. Ein Freund hatte ihn ermuntert, die 100 Jahre alten Kneipenmöbel zu ersteigern, für ein paar hundert Euro. Schließlich hatte er ja jetzt einen Bauernhof mit Stube.